Der Stein

von Olga Drocjuk
Mitglied

„Wir suchen nach einem Menschen, der uns nicht aufgibt, wenn wir schwierig werden und unser Schweigen
unerträglich wird, weil wir nicht mehr weiterwissen. Wir suchen nach einem Menschen, der kein Moralapostel ist
und nicht auf jede Frage die Antwort kennt. Wenn wir den tiefen Boden der Verzweiflung berührt haben, brauchen
wir keine zehn Gebote in unsere Hand gedrückt, aber ein besonderes Lächeln und ein Mitschweigen von einem
Menschen, den wir suchen … einfach ein Lächeln“, dachte sie, als sie den Stein, der ihr im Weg lag, mit voller
Wucht mit ihrem Fuß trat. Er flog in einem Bogen und verschwand in der Dunkelheit. Demselben Stein, der
gerade in ihrem Magen lag und alle ihre Gedanken zur einem brennenden Brei verwandelte, hätte sie jetzt auch
einen heftigen Tritt gegeben. Aber es ging nicht. Der Stein lag einfach dort und machte seine Arbeit.
Ein plötzlicher Blitz schnitt den gerade noch sternklaren Himmel in zwei Hälften und die ersten
Regentropfen fingen prasselnd ihren Tanz auf dem gerade noch trockenen Boden und auf ihrer Nase
an. Das Wasser vermischte sich mit dem Wasser, das so verräterisch aus ihren Augen lief.
„Verräterin!“, lachte ihre innere Stimme.
„Verschwinde!“, fluchte sie.
Der Regen hörte nicht auf, wurde nur heftiger. Sie setzte sich auf eine Bank und schwieg. Der
Regen verwandelte sich mittlerweile in eine undurchsichtige, regelrechte Sintflut und füllte ihre
Boots voll Wasser. Es gab keinen Schutz vor diesem Regen – die Gegend bebte mit dunklem
Rumoren hin und her und stöhnte unter seinen, alles auspeitschenden Schleiern aus Millionen
unendlich kleinen Tröpfchen und stellte ihre Nerven auf die Probe. Sie wollte sich nicht verstecken.
Sie schwieg. Was sollte sie sonst machen? Sie selbst war nicht solch ein Mensch gewesen, den man
suchen konnte, und damit war alles verloren. Nur das Schweigen nicht. Das Schweigen war jetzt die
einzige Antwort auf alle ihre Fragen. Sonst nichts.
„Wir suchen nach einem Menschen, der uns nicht aufgibt, wenn wir schwierig werden und unser
Schweigen unerträglich wird, weil wir nicht mehr weiterwissen“, wiederholte sie gedanklich zum
tausendsten Mal. „Wir suchen nach einem Menschen, der kein Moralapostel ist und nicht auf jede
Frage die Antwort kennt. Wenn wir den tiefen Boden der Verzweiflung berührt haben, brauchen wir
keine zehn Gebote in unsere Hand gedrückt, aber ein besonderes Lächeln und ein
Mitschweigen von einem Menschen, den wir suchen … aber nur, wenn wir selbst solch ein Mensch
sind.“

Veröffentlicht / Quelle: 
Facebook-Profil Olga Drocjuk

Interne Verweise

Kommentare