Der Endsieg - Über die letzte Schlacht des 2. Weltkriegs im Jahr 1948

von Ventus Bitterblossom
Mitglied

Frankfurt, 1948 - Munitionsanstalt

Das monotone Rattern der Fließbänder und die aufmunternde Musik im Volksempfänger waren alles, was die junge Frau in den letzten paar Jahren den Großteil ihrer Tage gehört hatte. Nach einer weiteren zwölf Stunden Schicht konnte sie oft nicht mehr genau sagen wo ihr Gesicht aufhörte und das Öl anfing. Ihre hellblauen Augen waren meistens der einzig helle Fleck in Ihrem Gesicht. Vor einigen Wochen noch gehörte sie zu den Besten der Munitionsfrauen, doch seit sie in den äußeren beiden Fingern beider Hände kein Gefühl mehr hatte war ihre Arbeit deutlich schlechter geworden. Die anderen Mädels in der Fabrik waren voller Sorge um sie gewesen und hatten versucht sie zu beruhigen. Allerlei Hausmittel waren angeschleppt worden, aber nichts half ihr. „Es würde schon noch reichen“, hatten sie gesagt. Doch keine aufbauenden Worte hatten sie besänftigen können.
Sie war wütend. Während die Männer an der Front seit Jahren ihr Leben für sie riskierten, hatte sie nur diese eine simple Aufgabe. Sie musste einfach nur Patronenhülsen zusammenstecken. Nicht Marschieren, nicht Schießen, nicht Kämpfen, nicht Sterben. Nur ölige Hülsen stecken. Immer wieder, jeden Tag. Doch nicht mal das konnte sie.

Die Enttäuschung hatte sie leicht verbittert, doch ihr Feuer war noch nicht erloschen. Sie hatte noch immer etwas für ihre Heimat und die anderen Mitglieder ihrer Rasse zu geben. Das würde sie immer haben.
Hülse, Pulver, Hülse, Pulver. Ihr Geist war schon lange woanders. In ihren Gedanken kämpfte sie zusammen mit ihrem Ehemann Jan und ihrem grade erst siebzehn gewordenen Sohn Richard an der Front. Wenn sich jemand verletzte war sie sofort da und kümmerte sich um ihn. Renate wollte nur das eine - ihr bestes geben um die zu beschützen, die sie liebte. Und so hatte sie trotz ihres schlimmer werdenden Nervenschadens nie aufgehört weiterzumachen. In ihrer Jugend hatte sie stets davon geträumt zu heilen und so war sie Krankenschwester geworden. Danach wurde sie Mutter, doch statt an die Front versetzt zu werden begann ihr Banddienst. Mehrfach hatte sie um ihre Versetzung gebeten, doch ihr wurde immer dasselbe gesagt. „Man brauche in dieser Phase des Krieges keine Krankenschwestern.“ Renate wusste, was das hieß.

 Eine Durchsage im Volksempfänger unterbrach sie in ihren Phantasien.



„ACHTUNG. ACHTUNG. ACHTUNG.“



Alle Frauen an dem langen Fließband in der dämmrig beleuchteten Fabrikhalle legten die Arbeit nieder und reihten sich um den rußigen Empfänger, der durch eine raschelnde Membran die Eilmeldung verkündete:

"Die Nordfront war siegreich. Ich wiederhole. Die zwölfte Division der Bruderschaft war siegreich. Hamburg, Malmö und Edinburgh sind gerächt."


In der Halle brach ein tosendes Jubeln aus. Viele der Munitionsfrauen hatten Tränen in den Gesichtern, die helle Spuren hinterließen. Jede einzelne von ihnen hatte Familie in diesem Krieg.



„Es spricht nun zu ihnen der Führer der Bruderschaft, Winston Churchill!“


Die rauchige Stimme des Premiers von England und Wales wird vom Volksempfänger über den Ärmelkanal hinweg übertragen und simultan von einer lauteren deutschen Stimme übersetzt.



„Meine Freunde, wir haben diese wichtige Prüfung bestanden. Lange sind wir besiegt und zurückgedrängt worden. Der Feind hat uns wieder und wieder geschlagen und uns schwer zugesetzt, doch wir waren stärker! Keine fremde Macht konnte uns brechen, keine Superwaffe uns vernichten. Ab heute haben wir eine Chance. Eine Chance nicht nur auf einen Sieg, sondern auf den einen Sieg. Den wichtigsten aller Siege, den Endsieg!“


Die Freudenschreie eines scheinbar riesigen Publikums waren im Hintergrund der Übertragung zu hören.


„Nun bereiten wir uns vor! Unsere neue Technologie, geschmiedet durch vereinigtes Blut, Tränen und Mut, hat sich als siegreich erwiesen. Sie ist nun kein Geheimnis mehr und wir werden unsere Produktivität darauf konzentrieren diese zu fabrizieren. Ihr, die, die an der Heimfront kämpft! Wir alle hier draußen danken euch! Ihr seid wahre Helden. Wir vertrauen darauf, dass ihr durchhaltet. Bald werden wir siegreich und der Krieg wird vorbei sein. Dann werdet ihr eure Lieben erneut in den Armen halten können. Bis dahin wisst, dass wir alle füreinander da sein müssen. Wir kämpfen vereinigt als Bruderschaft, denn nur zusammen sind wir stark. Ich verspreche euch: Wir werden siegreich sein, denn wir sind die rechtmäßige Rasse!“



Wenige Minuten später war Renate erneut am Hülsen stecken. Doch in ihren Augen war ein neues Funkeln. Ja sie glaubte gar, dass sie ein Kribbeln in ihren kleinen Fingern vernahm. Von hier an würde es aufwärts gehen. Sie hatten eine Chance.

Am Ende des Fließbands war eine der großen Munitionskisten voll und bereit für die Reise zur letzten Schlacht. Eine Arbeiterin nagelte den Deckel auf und zwei Männer verluden sie zusammen mit acht anderen auf die Pritsche des grauen Opel Blitz. Dieser reihte sich auf der Bundesstraße in den endlosen Korso der anderen Militärfahrzeuge ein. Es schien als wäre die gesamte Wehrmacht auf dem Weg in den Norden. Und zusammen mit LKW, Panzern und endlosen Transportkolonnen wird die Munition aus Renates Munitionsanstalt direkt in das Lager der neuen, der letzten Front, gefahren.



Durch einen Zufall ist es ihr Ehemann Jan, der die Kiste mit einer Brechstange an ihrem Zielort aufstemmt und die Patronen mit einem Rollwagen verlädt. Er arbeitete zügig, denn der Einsatzbefehl sah einen Beginn der Operation Endsieg um 1900 vor. Noch eine halbe Stunde. Er gönnte sich keine Pause für das größere Wohl zu streiten, da er ein echter Held der Nation war. Dutzende Orden waren ihm in den letzten drei Jahren verliehen worden. 

Mit dem fertig beladenen Wagen fuhr er nun durch die engen Hallen des Hangars. Mit Neonlampen beleuchtete enge Flure brachten ihn nach einigen Minuten zu seinem Ziel. Mit seinem Wagen stieß er die Flügeltür auf und sein Blick fiel auf die neue Geheimwaffe, für die die Munition bestimmt war.

Sie war der Stolz der Bruderschaft, die den letzten Rest der Menschheit darstellte. Eine Kombinationsarbeit von Junkers, Heinkel, Lavotschkin und Lockheed. Alle verbliebenen Luftwaffenhersteller der Welt hatten zusammen gearbeitet, um aus Wrackteilen die Technik der Angreifer rückwärts zu entwickeln und mit ihrer Eigenen zu fusionieren. Vor Jan standen sechzehn Raumjäger des Typs „Unity“.



Nachdem er und seine Kollegen die Patronenketten verladen hatten, war alles getan. Die gesamte Besatzung des Flughafens Hammerfest versammelte sich an den Startrampen. Niemand wollt den historischen Start der Staffel verpassen. 

Sechzehn gleißend helle Streifen blieben zurück, als sich die vereinigte Hoffnung der Menschheit auf den Weg in den Himmel machte. Geflogen von den besten Piloten der gesamten Erde nahmen die Jäger Kurs auf das Mutterschiff der Angreifer, die von den Sternen gekommen waren, und beschleunigten.

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