1995 - II. Die Film-Kuppel des Fernsehens

von Karl Hausruck
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Der Lebenssinn des freien Menschen liegt im Erwerb des Unterhalts mittels Arbeit im Produktions-System. Diesen Unterhalt konsumiert der freie Mensch während seiner Freizeit mit seinem angehörigen Häftling in Hinblick auf den Lebenssinn dadurch, daß er so die Arbeitswilligkeit im Produktions-System erneut konditioniert. Das wichtigste produktions-system-orientierte Unterhaltsmittel ist das Fernsehen. Es dient zur Sicherstellung der Willigkeit des freien Menschen über die Freizeit hinweg. Das geschieht durch sinnlose Unterhaltungs-Sendungen, auf daß es den freien Menschen aus der toten Zeit im Kreis seines Angehörigen in die sinnvolle Zeit des Produktions-Systems zieht.

Denjenigen, der durch widrige Umstände in die Zeit außerhalb der allabendlichen Freizeit-Unterhaltung verschlagen wird, inhaftiert das Fernsehen von 8 bis 18 Uhr, denn das Produktions-System hält den freien Menschen in diesen Stunden ebenfalls fest.

Der Mensch kann ohne Sinn nicht leben. Der Sinn des freien Menschen ist die Arbeit im Produktions-System. Damit der Häftling nicht am Produktions-System vorbei ein eigenes sinnstiftendes System errichtet, muß er von 8 –18 Uhr inhaftiert werden. Das Fernsehen hat während dieser Stunden die Aufgabe, den Häftling so hinreichend mit Sinn zu versorgen, daß sein Bedürfnis danach befriedigt und dabei der Sinn des freien Menschen nicht konterkariert wird.

Das Tagesprogramm des Fernsehens hatte ursprünglich den individualisierten Häftling zur Arbeit im Produktions-System zu erziehen. Diese Wurzel steckt im Schul- und Informationsfernsehen. Doch schon seit langem ist die individuelle Lagerung des arbeitsbehinderten Häftlings die eigentliche Aufgabe des Tagesprogramms. Der arbeitsbehinderte Häftling sieht keinen Sinn mehr in seiner Ausbildung durch das Schul- und Informationsfernsehen. Filme und Talkshows müssen seine Sinnsuche ansaugen, aber eine Sinnsuche, die nicht durch Ausbildung definiert sein darf. Die Sinnstiftungselemente des Fernsehens für den individualisierten Häftling müssen eine Struktur haben, daß sie im arbeitsbehinderten Häftling, der ohne Sinn nicht leben kann, einen Sinn dahingehend erzeugen, daß er die Arbeit des freien Menschen im Produktions-System achtet und er selbst einsieht, daß sein persönlich einziger Sinn darin besteht, das Produktions-System in zumindest passiv konsumierender Mitarbeit zu erhalten. Das ist am besten dadurch zu erreichen, daß die Film- und Talkshowwelt des Fernsehens die Brutalität der Welt außerhalb des Fernseh-Lagers so drastisch vor Augen führt, daß der Häftling den freien Menschen für seine Arbeit im Produktions-System bewundert und ergeben resigniert an seinem ‚Arbeitsplatz’ Bildschirm bleibt.

Die mittelalterliche Tafelbildmalerei hatte den Zweck, den Häftling durch die Brutalität des dargestellten Geschehens und den Pomp der Herrschaft in die bestehende Ordnung ergeben und dankbar für sein nacktes Leben-Dürfen einzubinden und ihn als aus dem dargestellten Leid der Heiligen und dem Pomp der Herrschenden phantasierten Protagonisten des Tafelbildes nach Ablauf des augenblicklichen Weltzustands in einem späteren Leben zu belohnen. Bis dahin heißt es für den Häftling nur, ohne auffällig zu werden, ohne das vernichtende Endleid zu erleiden, das heißt ohne Kosten zu verursachen, durchzukommen. Die mittelalterlichen Tafelbilder konditionieren ergebene Verhaltensmuster.

Aber wie die Brutalität des mittelalterlichen Tafelbildes und sein Verweis auf eine fantasierte Seligkeit in einem späteren Leben nur eine durch das Produktions-System verdeckte Sklavensprache zur Verbreitung der Humanität als wahrem Lebenssinn ist, so verdeckt auch das Fernsehen durch Brutalität und resignierte Ergebenheitskonditionierung die Botschaften des wahren Lebenssinns der Zeit. Das spürt der Häftling deutlich im Fernsehprogramm außerhalb der allabendlichen Freizeit-Unterhaltung, aber die Sinnsender im Bildschirm-Wirrwarr zu orten ist eine Reise zwischen heißem Wahnsinn und kosmischem Eis. Die molekül-dünne Leuchtschicht des Fernsehschirms ist nicht tiefer als der Firnis des Tafelbildes.

Die Film-Kuppel des Fernsehens ist die Tafelbildmalerei der Zeit.

Aus dem Nebel, der den individualisierten Häftling im Fernseh-Lager umfängt, erheben sich die Monolithe der Filmkunst und eines Tages erblickt der Häftling staunend über der Serien-, Aktualitäts- und Showberieselungs-Sauce die magisch strahlende Kuppel aus Filmen. Die Film-Kuppel des Fernsehens bezieht ihr Leuchten aus der dem Fernsehen voraufgegangenen Filmwelt, so wie die Filmwelt das ihre aus der dieser voraufgegangenen Theaterwelt bezog. Es ist das dionysische Leuchten des bildungsreligiösen Tempelkults einer moralischen Anstalt.

Der institutionelle Wert der Film-Kuppel ist am ungeheuren ökonomischen Aufwand der Filmproduktion und an seiner energischen Promotion von Vorbilder bietenden Stars erkennbar. Die Film-Kuppel des Fernsehens wölbt sich über der immer noch mittelalterlichen Kathedrale, die sich mittels des täglich 24-stündigen Dreißig-Kanäle-Stroms um den freien Menschen und den Häftling schließt.

Die Film-Kuppel des Fernsehens ist in der ersten Beobachtungsstufe dicht mit Titeln übersäht. Die Kuppel ist zwei Stunden dick, denn mit jedem auf ihr erscheinenden Titel kann ein zweistündiger Film abgerufen werden. Die Begriffswelt des individualisierten Häftlings ist so in Filmtitel strukturiert. Jeder abgerufene Film hat im Filmseher ein Verhaltensmuster konditioniert. Die Filmtitel der Film-Kuppel sind Identifikatoren kollektiver Verhaltensmuster.

Die Film-Kuppel wird tatsächlich erst durch das Fernsehen realisiert. In ihr sind alle Filme seit Anfang der Filmkunst präsent. Der aktuelle Filmhorizont des Kinos ist nur ein cineastisch aufbereitetes Propaganda-Pamphlet für die augenblicklichen Erfordernisse des herrschenden Produktions-Systems. Das Kino dient dazu, die tägliche Willigkeit des freien Menschen mit dem Produktions-System zu synchronisieren. Das gilt auch für den aktuellen Bücherhorizont. Die Film-Kuppel des Fernsehens dagegen entspricht im Bücher-Universum allen über den aktuellen Buchmarkt hinaus seit 100 Jahren veröffentlichten Büchern.

Der individualisierte Häftling kann zu jedem Zeitpunkt nur über einen der dreißig Kanäle die Film-Kuppel des Fernsehens konsumieren. Die Einsamkeit des individualisierten Häftlings kommt daher, daß er von seinem Mithäftling durch den Bildschirm isoliert ist. Dennoch kann er dadurch, daß er annimmt, daß zumindest 29 andere Häftlinge die restlichen Kanäle konsumieren, realisieren, nicht allein im Fernseh-Lager zu sein. Das Gefühl, nicht allein zu sein, vertreibt sich der individualisierte Häftling durch zappen.

Andererseits aber stört zappen die Sinnfindung des Häftlings des über seinen aktuellen Kanal strömenden Filmes. Die Sinnfindung wird jedoch schon prinzipiell dadurch verunsichert, daß der Filmseher nie sicher ist, daß der Sinn des über einen anderen Kanal strömenden Films dem Sinn des Filmes widerspricht, den er gerade konsumiert. Fehlendes Vertrauen in die Verläßlichkeit der von ihm empfangenen Information ist sowieso das wesentliche Charakteristikum der Arbeitsbehinderung und Krankheit des Häftlings. Das Fernsehen verstärkt gerade diese Persönlichkeitsschwäche des Häftlings, indem es prinzipiell mittels der Dreißig-Kanal-Situation jede aktuell empfangene Information relativiert – diese Relativierung könnte aufgehoben werden durch Informationsaustausch mit dem gleichzeitig den anderen Kanal beobachtenden Häftling. Der über den aktuellen Fernseh-Kanal des individualisierten Häftlings empfangene Filmsinn kann nur durch Korrelationsanalyse des über die anderen Kanäle empfangenen Filmsinns abgesichert werden.

Das Problem der Sinnabsicherung kann durch

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