Der Tag, an dem in den Büchern alle Buchstaben fehlten.

von Heinz Helm-Karrock
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Amelie war heute in den Buchladen ihrer Eltern mitgekommen.
Sie hat jetzt Ferien und ihre Mutter hat ihr angeboten, das Schaufenster mit den Jugendbuch-Neuerscheinungen zu dekorieren.
Das hat Amelie schon mehrmals gemacht.
Das Schaufenster gestalten macht ihr sehr viel Spaß.
Allerdings war Amelie auch auf der Suche nach einem neuen Buch, dessen Titel und Inhalt sie noch nicht kennt.
Du musst wissen, Amelie ist achteinhalb Jahre alt und eine Leseratte.
Sie liest alles, was sie in die Finger bekommt. Nun hat Amelie aber alle ihre Bücher ausgelesen, manche sogar schon mehrmals.
Dazu kommt noch, dass sie ihrem Bruder Eric alle Bücher vorliest, die er bekommen hat.
Eric wird bald drei Jahre alt und kann noch nicht lesen.
In den Ferien hat Amelie viel Zeit.
Sie hatte schon am zweiten Ferientag die Weihnachtsgeschenkbücher ihrer Tanten, Omas und das ihrer besten Freundin ausgelesen.
Über dem neuen Buch ihrer Lieblingsreihe, der TKKG - Bande, wurde sie so müde, dass sie dagegen ankämpfen musste, einzuschlafen.
Sie ist seit sieben Uhr in der Frühe wach und liest ein Buch nach dem anderen. Dann fallen ihr die Augen zu!
In der Buchhandlung ihrer Mutter angekommen schaut sie die Regale mit den Jugendbüchern durch, hier kennt sie sich gut aus.
Aber sie kann kein neues Buch finden, das sie noch nicht kennt.
Sie hat alle Titel der Abteilung Jugendbuch gelesen und überprüft, aber alles, was im Regal vor ihr steht, hat sie bereits verschlungen!
Da fällt ihr ein Buch auf, das aussieht wie ein großes Bilderbuch mit Fotografien oder ein Atlas. Es ist so groß wie zwei Schreibmaschinenseiten breit sind.
Amelie bittet die neue Mitarbeiterin in der Buchhandlung, ihr das große Buch herunterzuholen.
Lisa, so heißt die junge Frau, nimmt die Regalleiter, holt das große, schwere und viele Seiten dicke Buch von ganz oben herunter, und gibt es Amelie.
Komisch, Amelie fällt auf, dass sie selbst heute fast so groß ist wie Lisa?!
Von Lisa weiß Amelie nicht viel, sie hat am ersten des Monats ihre Tätigkeit in der Buchhandlung angefangen. Sie ist freundlich und Amelie mag sie.
Jetzt steuert sie mit dem schweren Buch in beiden Händen den Stuhl hinten in der Leseecke an, das dicke Buch legt sie auf dem Tisch ab. Der kleine Fußschemel ist bequem, um die Füße darauf zu stellen, das schafft Amelie gerade so.
Jetzt nimmt sie das Buch auf ihre Knie und schlägt es auf.
Es ist ein Atlas.
„Eine ganz neue Ausgabe der Welt„, wie Sie laut murmelt. „Die ganze Welt ist aufgezeichnet“. Das Buch hat viel Bilder jeweils auch viel Text dazu.
Als Amelie aber genau hinschaut, Sie muss es festhalten auf ihren Knien, es ist sehr schwer ..., -zuerst bemerkt Sie es gar nicht-, das ganze Buch hat graue Seiten. Alle Bilder grau!
Kein Text, auf keiner Seite findet Amelie einen Text ...! Ganz schnell blättert Sie alle Seiten vor, dann wieder zurück: Sie kann keinen einzigen Buchstaben finden. Graue Blätter, graue Seiten?
Amelie erschrickt, was ist das?
Sie erschrickt sich so sehr, dass ihr das Buch auf den Knien ein Stück hinabrutscht. Schnell hält sie es fest und zieht es wieder hoch bis an ihren Bauch.
Sie schaut an sich hinunter auf den Boden, unter dem Stuhl..
Amelie legt das Buch zurück auf den Tisch, damit sie auch unter dem Tisch nachsehen kann.
Nein, auch hier findet sie nicht einen Buchstaben. Sie macht sich auf zu den Regalen, schaut alle Reihen durch, nimmt jedes Buch heraus, ob vielleicht unter den Büchern, hinten im Regal, hinter den anderen Büchern, Buchstaben liegen?
Nein, kein einziger!
Amelie ist ganz verzweifelt. In allen Regalen schaut sie nach, von oben nach unten, alle Reihen entlang, nichts.
Sie sucht den Boden ab. Sogar hinter den Kartenständern, auf dem die schönen Postkarten, Doppel-, und Gutscheinkarten zu finden sind, aber auch hier stöbert sie nicht einen einzigen Buchstaben auf!
Auch hier ist alles in dieses merkwürdige Grau in dieses bläulich-schimmernde Grau getaucht.
Sogar in der Bücherkiste, den Hängeschränken, die vorne am Haus aufgehängt wurden zum freien Entnehmen, nichts, keine Buchstaben zu finden, auch an den Schaufenstern, die sie ja noch mit ihrer Ausstellung dekorieren möchte, nichts, nur dieses Grau.
Gegenüber an dem Kaufhaus prangen die großen Werbetafeln hoch über den Laufwegen, die in und durch die Stadt führen, auch hier leuchtet das bläulich samthelle Grau.
Wo sind die Buchstaben, die Sätze, die Zeitungsartikel geblieben?
Amelie läuft durch die Straßen bis hinüber zu der regionalen Zeitung. Hier sind normalerweise immer im Schaufenster die gestrige sowie die aktuelle Tageszeitung ausgehängt. Leere graue Seiten, die von gestern, die von heute morgen, leer.
Ist denn allen die Druckerschwärze ausgegangen? Sind denn alle Buchstaben verschluckt, verschwunden und ausradiert?
Gibt es nicht eine einzige Zeile mehr mit Buchstaben???
Das ist ja furchtbar, alles ist wie gelöscht ...! Dann sind bestimmt ihre Hausaufgabenhefte auch leer.
In der großen Bibliothek, wo die alten Bücher von früher stehen, Lexika, Geschichtsbücher, dicke Romane, da muss doch noch etwas zu finden sein?
Drüben im Landesmuseum, die Beschreibungen unter den Objekten und Bildern, da muss doch noch etwas zu lesen sein.
Die vielen Prospekte, die sie immer sammelt wegen der schönen Bilder, da steht bestimmt noch etwas zu lesen.
Oder drüben im Eiscafé, die Speisekarte beim Italiener.., oben im Spielwarenladen, da müssen ja noch die Beschreibungen der Spiele vorhanden sein.
Vor dem Schaufenster der Tageszeitung trifft sie Marie, ihre beste Freundin.
„Komisch, ist dir auch aufgefallen, dass hier kein einziger Buchstabe zu lesen ist!“
„Schau mal, Amelie, ich habe mir gerade für mein Armkettchen einen neuen Anhänger gekauft, hübsch, oder“?!
„Ein großes > M < für Marie“, in Silber, habe ich von meinem Taschengeld bezahlt.“
„Aber das darf niemand wissen, nur du, Amelie“!
Jetzt ist Amelie noch mehr verwirrt und doch froh zugleich. Der Buchstabe an Maries Handgelenk ist gut zu lesen.
Deutlich sieht sie das große, silberglänzende >M< am Kettchen um das Handgelenk von Marie baumeln.
Es blitzt sogar in der Sonne auf und blendet einen kurzen Moment ihre Augen.
Schlagartig wird den Mädchen klar, dass alles Gedruckte wie ausgewischt ist, aber nicht so, die metallenen, festen Buchstaben.
Die sind noch da, und alle glänzen hell, schön in leuchtenden Farben.
Am Boden sind ja die sogenannten „Stolpersteine“ in das Pflaster eingelassen. Hier sind auch die Buchstaben gut zu lesen.
Drüben, an den Hauswänden, wo die gravierten Schilder von Ärzten, Rechtsanwälten, Erinnerungen von bedeutenden Wohnungen, in denen bekannte Menschen wohnten, angebracht sind, ist alles zu lesen.
Aber die Verkehrsschilder sind blank und zeigen ein fahles Grau.
Hinweisschilder für Theater und das Darmstadtium, zu den schönen Gärten, hier sind auch alle Buchstaben verschwunden, graue Felder, sonst nichts!
„Marie, wo bist du denn?“
Sie ist wohl nach Hause gegangen, Schulaufgaben erledigen und ihrer Mutter helfen, damit diese sich um den neugeborenen Bruder kümmern kann.
Da bleibt viel Arbeit für Marie übrig. Sie muss Geschirr spülen, einkaufen, Kartoffeln kochen, die ganze Wohnung saugen, während ihre Mutter den Bruder stillt, und dabei Zeitung liest!
Aber was ist das? Das ist ja die Zeitung von morgen?
Wieso kann Maries Mutter heute schon die Zeitung von morgen lesen?
Und warum hat Marie plötzlich das große Buch auf ihrem Schoss liegen, mit dem alles angefangen hat?
Mit einem „rumms“, dann einem großen Schlag macht Amelie die Augen auf...
Sie kann es nicht zuordnen, was da gerade passiert ist, als sie den Atlas vom Boden aufhebt.
„Lisa, bin ich eingeschlafen“?
„Jetzt hat das schöne neue Buch eine eingedrückte Ecke! Das können wir so nicht mehr verkaufen, das ist hinüber, Amelie!
Du musst besser aufpassen bei den teueren Büchern, deine Mama wird schimpfen, wenn du so damit umgehst ...?!
Ich bekomme jetzt bestimmt eine Standpauke, weil ich nicht besser aufgepasst habe. Nun geh aber an die Schaufensterdekoration, das leere Fenster kann ja so nicht bleiben.
Oder sollen die Kunden leere Fenster anstarren und das Nichts in dem schönen grau-blauen Tuch, das darin drapiert ist, kaufen?“

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