Anna

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"Mit Männerkraft wurdest du errichtet, in den Tränen der Mütter sollst du versinken"

Anna lief den steilen Hang hinauf und hielt in ihrer linken Hand den halbvollen Kanister. Ihre Finger umklammerten dessen Griff so fest, dass sie ein Taubheitsgefühl in der Hand hatte, dies jedoch nicht mehr wahrnahm. Um ihren Weg abzukürzen, kam sie vom Pfad ab und lief mitten durch den Wald. Sie hielt sich an Bäumen und Ästen fest und zog sich mit deren Hilfe den Berg hinauf. Ihr Ziel war es, die Spitze des Berges zu erreichen. Hin und wieder blieb sie stehen und verschnaufte einige Augenblicke. Doch dann blickte sie zu ihrem Ziel hinauf und entschlossen erklomm sie ihren Weg weiter.

Als sie sich an einem Ast festhielt und ihr Gewicht daran hinaufziehen wollte, brach dieser ab und sie fiel zu Boden und rollte den Hang hinunter. Sie versuchte sich an Baumwurzeln, die aus dem Boden ragten, festzuhalten und schaffte es endlich, sich an einen zwischen zwei Bäumen querliegenden, umgestürzten jungen Baum zu klammern und sich zu sichern. Dann suchte sie mit ihren Augen nach dem halbvollen Kanister und sah ihn weit unten am Fuße des Abhangs liegen. Fluchend stand sie mit großer Mühe wieder auf und tastete sich an Ästen und Bäumen ihren Weg zurück, nahm den Kanister und versuchte erneut, den Berg zu erklimmen. Sie war so fest zu ihrem Vorhaben entschlossen, dass selbst dieser Vorfall und ihre Erschöpfung sie nicht dazu verleiten konnten, eine kleine Pause einzulegen oder gar von ihrem Vorhaben, den Berg zu besteigen, abzulassen

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Es war das Jahr 1942 und in Gütersloh war bereits der Herbst eingezogen. Die Krise in der Wirtschaft und die anhaltenden Missernten machten allen das Leben schwer. Man suchte Trost im Alltag und versuchte sich irgendwie über Wasser zu halten. So kämpfte sich auch die junge Anna mit ihrer kleinen Familie durch. Sie lebte in einem kleinen Haus mit einem kleinen Vorgarten am Rande der Stadt. Ihr Mann Peter war ein Veteran und wurde nach einer Verletzung seines linken Beines, welches in der Folge amputiert werden musste, ausgemustert und durfte nach Hause. Er war mittleren Alters, hatte rotblonde Haare und große blaue Augen. Seit seiner Rückkehr sprach er nur noch sehr wenig, und dann auch nur das Nötigste. Anna hatte sich damals in ihn verliebt, weil er ein guter Redner gewesen war und sie ihm tagelang zuhören konnte. Sie vermisste die alten Zeiten und träumte oft von ihrer Jugend und Kindheit.

Manchmal schrie Peter in der Nacht und wachte schweißgebadet auf. Anna beruhigte ihn dann und nahm ihn in ihre Arme. Seine Behinderung machte ihm schwer zu schaffen. Er fühlte sich nicht mehr als vollwertiger Mann, und es fiel ihm schwer, zuzusehen, wenn Anna früh das Haus verließ, um auf den Feldern am Rande der Stadt zu arbeiten. Die Bauern belohnten ihre Arbeit mit Kartoffeln, Zwiebeln oder Brot. In diesen Zeiten waren solche Güter mehr wert als Geld. Manchmal ging sie auch zu den Bauern und tauschte Schmuckstücke gegen Lebensmittel ein. Obwohl es ihr schwer fiel, Erbstücke und Gebrauchsgegenstände mit emotionalem Wert abzugeben, fand sie sich damit bereits ab und war bereit, alles für das Überleben ihrer Familie zu opfern. „Reichtum und Besitz geht und kommt, doch Menschen die man liebt, sind nicht immer da“, dachte sie sich jedes Mal wenn sie vor ihrem Schmuckkasten stand und das nächste Stück aussuchte, welches sie hergeben musste für ihre Familie.

Anna war Ende zwanzig und sah trotz allem noch recht jung aus. Sie war eine gebürtige Bürgerin der Stadt und ihr Stammbaum reichte bis ins Mittelalter. Sie hatte eine sehr blasse Haut, rote Wangen und lange blonde Haare, die sie immer zu einem Zopf geflochten und hochgesteckt hatte. Als Kind hatte sie schon die gleiche Frisur gehabt. Viele Frauen und Mädchen beneideten sie um ihre Schönheit. Sie war von großer Statur, sogar ein kleines bisschen größer als ihr Ehemann. Deshalb vermied sie es stets, Schuhe mit hohen Absätzen zu tragen, um den Größenunterschied nicht allzu sehr hervorzuheben. Ihre grünblauen, großen Augen schienen immer durch einen hindurch zu blicken, wenn sie einen ansah. Als ihr Mann als Kriegsveteran nach Hause zurückkam, waren alle in der Nachbarschaft davon überzeugt gewesen, dass sie nicht mehr lange bei ihm bleiben und ihn verlassen würde.

Beide hatten einen Sohn namens David. Er war erst sechs Jahre alt, und dennoch sehr reif für sein Alter. Er hatte lockige schwarze Haare und eine feine Stupsnase. Seine braunen Augen blickten so unschuldig, dass, ganz gleich, was er anstellte, Anna bei ihrem Anblick immer weich wurde und die Situation anders bewertete. Anna liebte ihn über alles und fand stets Trost bei ihm. Für sein Alter war er ein wenig zu klein, aber dafür war er sehr redegewandt. Er musste immer das letzte Wort haben, was sogar die ruhige Anna manchmal sehr verärgerte. Zwischen Mutter und Sohn bestand eine enge Bindung, woran auch der Vater seine Freude hatte. Die Liebe zueinander lenkte die Familie vom harten Alltag wenigstens für die Zeit ab, in der sie unter sich waren.

Im oberen Geschoss des Hauses wohnte Annas Mutter. Sie war schon recht alt und hin und wieder vergaß sie dieses und jenes. Den ganzen Tag verbrachte sie bei Anna und kümmerte sich auch um David, wenn ihre Tochter auf dem Feld war und arbeitete. Peter war immer auf der Suche nach Gelegenheitsarbeiten. Von Beruf war er Schreiner, doch er fand keine Arbeit. Trotz der wirtschaftlichen Lage schob er die Schuld immer auf seine Behinderung. Des Öfteren führte ihn sein Weg, wenn er etwas verdient hatte, direkt ins Wirtshaus, wo er seine ganze Frustration mit Alkohol wegzuspülen versuchte. Auch wenn er wusste, dass am nächsten Tag die Probleme wieder präsent sein würden, war er doch froh, wenigstens für einen kurzen Augenblick alles vergessen zu können und nicht mehr nachdenken zu müssen. An solchen Tagen kam er sehr spät nach Hause und Anna wartete wie jedes Mal auf ihn. Sie lief zu ihm hinaus und stützte ihn auf dem Weg

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