Magarete Koch

von Klaus Taumel
Mitglied

Ungeduldig schaute Lisa auf ihre Uhr und versuchte noch, die letzten Lieferungsscheine in ihren Computer einzugeben. Doch der Stapel auf ihrem Schreibtisch schien kein Ende zu nehmen. Entschlossen setzte sie ihre Brille ab und zog sich ihre Übergangsjacke an und eilte aus ihrem Büro. Am Gang begegnete sie Anja. Lisa zeigte auf die Uhr, ohne ein Wort zu verlieren. Anja hatte verstanden und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand und hielt mit einer theatralischen Geste die Hände in die Höhe, um ja nicht Lisa im Weg zu stehen. Lisa legte ihre Hand beim vorbeihuschen sanft auf ihre Schulter und verließ die Kanzlei.

Mit eiligen Schritten überquerte sie die Straße und kam am großen freien Platz vor dem Rathaus an. Kaum zu glauben, dachte sie sich, dass vor kurzem hier noch ein Rosengarten stand. Hier und da blühte es wunderschöne Rosen. Als Kind war sie sonntags mit ihrer Oma hier gewesen und hatte an den Rosen gerochen. Nun ist der gesamte Vorplatz mit Pflastersteinen besetzt und die Herbstsonne spiegelt sich an der glatten Oberfläche. Ziemlich trostlos sieht es nun aus. Mit entschlossenem Blick eilte Lisa zum Rathausgebäude.
Der Herbst kündigte sich dieses Jahr ungewöhnlich früh an. Die Blätter hingen bereits an den Bäumen lustlos und einige bereits welk. Während Lisa den freien Platz überquerte klappte sie die Kragen ihrer dunklen Jacke hoch bis über die Ohren.
Das Rathausgebäude glich einer Kirche. Mit seinem hoch in den Himmel ragenden Uhrturm handelte es sich hierbei um ein imposantes Gebäude, welches vom einstigen Reichtum der Stadt zeugte.

Lisa eilte die Treppen hinauf, öffnete die schwere große Tür aus Holz und betrat das Innere des Gebäudes. Sie lief zum Schalter und zog sich eine Nummer. Sie hatte die Nummer 126. Sie trat einen Schritt zurück und studierte mit angestrengtem Blick die Anzeigetafel. 108, 107 und 106 war in roter Farbe auf schwarzem Hintergrund zu lesen. Enttäuscht suchte sie sich einen Platz. Die Halle vor dem Einwohnermeldeamt war zum Glück nicht überfüllt. An einer Bank aus schwer scheinenden Marmorplatten saß eine ältere Frau um die 70 Jahre alt. Sie trug einen festen graubraunen Mantel und eine Strickmütze. Neben ihr lag eine große Ledertasche. Sie hielt Strickutensilien in der Hand. Als Lisa sich mit entschlossenen Schritten zur Bank bewegte hallten ihre Schritte in der Halle, so laut, dass es ihr unangenehm war. Die alte Frau lächelte sie an, Lisa lächelte kurz zurück und ihr Gesicht nahm erneut den angestrengten Blick an. Sie nahm Platz und richtete ihren Blick auf die Anzeigetafel als sei sie auf der Pirsch. Die alte Frau legte ihr Strickzeug bei Seite und griff in ihre Tasche. Dann zog sie ihre Nummer heraus und verglich sie mit der Anzeigetafel.
Unauffällig stierte Lisa zu ihrer Nachbarin und versuchte unauffällig ihre Nummer zu entziffern. Die Zahl 110 war zu lesen. Ihr Frust hatte deutlich zugenommen und sie stierte mit einem leeren Blick zu Boden.
„Warten kann so lästig sein“ hörte Lisa die Frau neben sich sagen. Verdutzt sah Lisa zu ihr rüber, um sich zu vergewissern, dass sie gemeint war. Sie schenkte der alten Frau ein Lächeln und wollte ihren Blick von ihr wieder abwenden doch die alte Frau fuhr fort.

„Ich habe mir zeit genommen. Das ist eines der größten Vorteile, wenn man alt ist. Zeit hat man allemal. Keine Arbeit die auf einen wartet. Verpflichtungen sind keine richtigen Verpflichtungen mehr, sondern selbst auferlegte Rituale, um sich selbst vorzugaukeln, wie wichtig man sei“
Sie kann leicht reden, dachte sich Lisa. Plötzlich erschien vor ihrem Gesicht eine faltige Hand mit einem kleinen Bon in der Hand. Lisa war kurze Zeit wütend, da sie dachte die alte Frau wolle sie nur ärgern und zeigen, dass sie nicht mehr lange zu warten habe, doch dann bot sie ihr ihre Nummer an.
Lisa sah ungläubig zu ihr rüber und wartete einen Augenblick.
„Ich werde mir eine neue Nummer ziehen. Nehmen sie nur. Sie sehen gehetzt aus“.
Zögernd schnappte sich Lisa den Bon, hielt es in der Hand und vergewisserte sich noch einmal ob sie vorhin die Nummer richtig erkannt hatte. Dann sah sie auf die Anzeigetabelle bemerkte, dass die Nummer 110 aufleuchtete. Lisa stand sofort auf, bedankte sich flüchtig bei der alten Dame und eilte zum Schalter 7. Ein dicker Beamter saß hinter einem langen Tisch mit einer grauen Oberfläche. Sein Schreibtisch war unordentlich, die Stifte lagen ohne jede Ordnung hier und da herum.
„Sie müssen leider mit den vollständigen Unterlagen wiederkommen“ entriss der Beamte Lisa aus ihrer Gedankenwelt. Lisa war bereits wieder zurück in ihrem Büro und hatte sich an die Stapel an Rechnungen gewagt, um frühzeitig losfahren zu können, um am Abend mit ihrer Tante sich zum Essen zu treffen.
„Ohne ihren Personalausweis kann ich die benötigten Unterlagen ihnen nicht aushändigen“ fuhr der Beamte fort. Lisa ärgerte sich über sich selbst. Wie konnte sie nur ihren Personalausweis zu hause liegen lassen.
Enttäuscht stand sie auf und verließ das Großraumbüro und machte sich auf den Weg zum Rathaus. Sie blickte flüchtig auf die Bank doch die alte Frau war nicht mehr an ihrem Platz.

Genervt öffnete Lisa erneut die schwere Holztür zum Rathaus. Es war ihr, als wolle die alte Tür mit aller Gewalt ihr den Einlass nicht gewähren.
Lisa schleppte sich wieder zum Schalter in der Eingangshalle und wollte auf den silbernen und im Licht funkelnden Knopf drücken, da wurde sie auf die alte Frau von gestern aufmerksam. Sie saß am gleichen Platz wie am Vortag und beobachtete sie. Als Lisa sie sah, wollte sie ihren Blick sofort von ihr abwenden, doch es war zu spät. Die alte Frau winkte ihr freundlich zu und Lisa erwiderte ihren Gruß mit der gleichen Geste.
Sie zog eine Nummer und setzte sich neben die alte Frau. Irgendetwas an ihr machte sie neugierig. Lisa stellte sich ihr vor und streckte ihr die Hand entgegen. Die alte Frau zögerte keinen Augenblick und streckte ebenfalls ihre Hand Lisa entgegen. Ihre dünnen und knöchrigen Finger spürte Lisa an ihrem Handrücken. Eine gewisse Wärme ging von der Handfläche der alten frau aus und breitete sich in Lisa aus wie eine pulsierende Welle.
„Mein Name

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