Mrs. Hofmann Die erste Frau auf dem Mond

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„Man sagt, die Athener hätten Troja nur für eine Frau zerstört und Romeo hätte sich für Julia in den Tod gestürzt. Es heißt, wenn man die Liebe einmal gekostet hat, verfalle man ihrer Sucht und das Schöne Niste sich in das Herz eines jenen Mannes und ließe nicht mehr ab bis der Durst, gleich dem Durst unseres Herrn auf seiner Reise durch die Wüste oder gehängt am Kreuz unter der sengenden Wüstensonne, gestillt wäre.
Sie war eine dieser Frauen. Eine Frau, für die ein Mann ganz Rom in Brand gesetzt hätte und dennoch das Inferno nicht größer wäre als die Flamme im kleinen Herzen in den Tiefen seiner Brust. Eine Frau, für die man sich dem Minotaurus entgegenstellt und im dunklen Tartaros umherirrt gleich einem Kind, aufgewacht aus einem Albtraum, die schützende Hand der Mutter suchend, schlafbetrunken…“

1.

Es war wieder eines dieser trostlos wirkenden Tage. Dieser Tage, an dem die Sonne der Welt ihren Rücken kehrte und alles in einem unwiderstehlichem Grau unterzugehen schien. Der Wind tat sein Bestes, um dem Tag seinen letzten Funken an Lebenskraft auszublasen. Ein schwerer Nebel blaute durch die engen Straßen und Gassen und die Kälte breitete sich in jede Ecke und in jeden Ritz, sog die letzte Wärme in sich auf und ließ es klirrend erstarren.

An so einem Tag begann die unglaubliche Geschichte, welches sich bis heute nicht weit rumgesprochen hat aber in allen Geschichtsbüchern in der Einleitung sich seinen Ehrenplatz verdient hätte. Die Geschichte einer außergewöhnlichen Frau, die stets einen Schritt voraus in der Einsamkeit wandelte.

Es war bereits am Nachmittag, als der Bus aus der Stadt seine gewohnte Fahrtroute an der großen Kirche im Zentrum, am Peterson Kino und am Stadttheater entlang fuhr und schließlich vor dem Friseur an der Ecke zum Freedomstreet anhielt.
Ein Lärm, das von rostigem Metall, hallte durch die gottverlassenen Straßen und die Tür des Busses öffnete sich.
Im Nebel und dem Rauch aus dem Abgas des Busses zeichnete sich die Silhouette einer jungen Frau. Es war, als wollte weder der Nebel noch die Abgaswolke diese geheimnisvolle Frau der Welt preisgeben. Doch der Dunst entwich rasch.
Sie war von großer Gestalt, ungewöhnlich für eine Frau und trug einen braunen Mantel, an der Taille festgebunden. Ihre dünnen Beine waren zu sehen, weiß wie aus Elfenbein geschnitzt. In der linken Hand hielt die Frau eine Reisetasche. Eine Tasche, die es in den Geschäften nicht mehr zu kaufen gab. Aus einer vergangenen Zeit. Aber sie passte zu dieser Frau, die wie eine Besucherin aus einer anderen Welt schien. Hier in unserer gottverlassenen Vorstadt. Aber ich werde im weiteren über unsere Stadt schreiben, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft ist das einzige, was uns hier noch motiviert täglich den Alltag zu meistern. Dem Leben zu trotzen.
Sie beugte sich sanft ein Stück in die Knie und behielt dabei stets eine gerade Haltung, ließ die Tasche sanft zu Boden gleiten und richtete sich wieder in einer langsamen und beherrschten Bewegung auf. Ihre langen Arme mäanderten durch die schwere, kalte Luft und ihre Hände tasteten sich an ihrer Taille entlang bis sie auf ihren Hüftknochen, die durch ihren Mantel zu tasten und beim genaueren Hinsehen zu sehen waren, ihre Ruhe fanden.

Der Bus fuhr weiter und da stand sie nun. In unserer kleinen Stadt. Ihr Gesicht war frei von jeglichem Ausdruck der Verwunderung oder gar Enttäuschung.
Ihre blauen Augen funkelten eisig kalt und schienen jedes Bild in einem Meer aus Blau zu ertränken.
Sie hob langsam und mit einer Grazie, wie sie nur eine Frau aus den höheren Schichten pflegten, ihren Arm, strich mit der Hand den Ärmel ihres Mantels und blickte einige Momente auf ihre Uhr. Als müsste sie ihren Blick erst scharfstellen um den Zeiger der Uhr erkennen zu können. Dann griff sie in ihre Manteltasche und holte ein silbernes Zigarettenetuis hervor, öffnete sie behutsam und entnahm aus ihr eine dünne Zigarette, die zwischen ihren Fingern tanzte. Sie schob es zwischen ihren kleinen und mit Lippenstift in ein saftiges Rot getränkten Lippen. Behutsam entnahm sie aus dem silbernen Etui ein kleines Feuerzeug heraus und zündete eine Flamme.
Eine Flamme, so stark an Kraft, so hell wie ein Stück Sonne, gefallen auf diese trostlose Gegend. Es wurde einem warm um das Herz und man drohte zu ersticken. Dann, mit einer einfachen Handbewegung schnappte das kleine Feuerzeug zu und sie legte es wieder behutsam in das Etui. Alle Bewegungen schienen wie aus einem Dramastück entnommen zu sein. Auf das tausendste Mal gelesen und geprobt, kein Platz für eine eigene Interpretation und kein Raum für Leben. Mechanisch und kalt aber dennoch das Herz bebend im Anbetracht der wunderschönen und äußerst fremd scheinenden Frau.

Geduldig zog die Fremde an ihrer Zigarette und wartete. Ich wünschte dieser Moment würde nie enden und sie würde nur mir gehören in diesem Augenblick. In diesem Augenblick, wo ich nicht wusste wer sie war. Ich wünsche mir nichts sehnlicher als diesen Moment einzufangen, sie zu konservieren und immer und immer wieder zu durchleben. Eine Art Zeitschleife die für eine Ewigkeit bestimmt ist.
Mit der Schärfe eines Wolfes hatte ich sie beobachtet aus dem Kaffee von Jeremy, wo ich seit einer Stunde auf den Bus wartete und mir einen Kaffee gönnte. Ich setzte meine Tasse ab, legte die Morgenzeitung bei Seite und richtete mir den Hemdkragen. Dann stand ich auf, winkte der Kellnerin zu und legte einen Dollarschein auf den Tisch und eilte aus dem Laden, direkt zu der jungen Frau. Ich wusste, dass ich auf sie gewartet hatte. Viel mehr als Intuition war es eher eine einfache Berechnung. Welche schöne Frau aus der Stadt, und das war sie offensichtlich, sollte sich sonst zu uns hier draußen verirren.

Damals war ich ein junger Angestellter im Zeitungsverlag. Mein Studium habe ich in Washington abgeschlossen. Danach zog es mich wieder zurück nach Hause. In meiner Gegend verlässt man nicht seine Heimat und wenn man zum Studieren weg muss, kommt man für gewöhnlich wieder zurück. Hier kennt jeder jeden und das Leben hat eine Art Routine erlangt. Nichts ist hier dem Zufall überlassen.
Es war Herbstanfang, als der Direktor des Verlags mich zu sich in sein Büro rief. Ich

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