Mrs. Hofmann Die erste Frau auf dem Mond - Page 2

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dachte, dass er wieder eines meiner Artikel kritisieren wollte.
Eigentlich war mein Boss stets gut gelaunt mit einem Hang zum Perfektionismus. Die Texte wurden solange umgeschrieben, bis er der Meinung war, dass sie gut waren. Als Journalist unter ihm zu arbeiten glich seine Sekretärin zu sein, die ihm ein Rohgerüst anfertigen musste, damit er letzten Endes seine eigene Note draufsetzen konnte. Es gab keinen einzigen Artikel, vorher nicht von ihm bearbeitet und zurechtpoliert, so pflegte er es zu beschreiben, zum Drucken freigegeben wurde.
Aber an diesem Morgen schien ihn etwas zu bedrücken. Er rauchte in seinem Büro, was er für gewöhnlich stets vermied und sein Jackett lag auf dem Sofa, platziert am Ende seines Büros. Hierauf schlief er oft, wenn er es wieder mal nicht nach Hause schaffte mit dem letzten Zug.
Ich weiß nicht ob die geladene Stimmung in der Luft durch den Nebel an Zigarettenrauch und dem herben Geruch von Scotch verursacht war oder durch seine angespannt wirkende Gestik und seine hektische Bewegungen mit den Armen, was er sonst nicht tat.
Er erzählte mir, dass er ein Telegramm erhalten habe aus der Stadt. Das war nichts ungewöhnliches, da unser Zeitungsverlag zwar unabhängig arbeitete und Lokalnachrichten druckte, aber einem der größten Verlagshäuser des Landes gehörte.
Er erzählte von einer Journalistin, die hier zu uns kommen sollte um unserer Arbeit neues Leben einzuhauchen. Ein frischer Wind war also fällig. Was auch immer das bedeuten mochte.
Was aber nicht zu übersehen war, das war die Unzufriedenheit meines Vorgesetzten über diese aufgedrückte Veränderung. Mit Veränderungen kamen Kontrollverluste und mit dem Kontrollverlust die Unsicherheit. Damit konnte er weiß Gott nicht umgehen.

„ Holen sie die neue Mitarbeiterin ab, bringen sie ihre neue Kollegin zum Hotel an der Palmstreet und sorgen sie dafür, dass es ihr an Nichts fehlt. Diese Aufgabe, so einfach sie auch zu scheinen mag, ist für uns von großer Bedeutung. Enttäuschen sie mich nicht, ich setze auf sie!“
Berauscht vom schweren Zigarettennebel, dem beißenden Scotch-Geruch und den hypnotisierenden Bewegungen meines Vorgesetzten, taumelte ich aus seinem Büro hinaus. Er steckte mir ein Blatt Papier mit den nötigen Informationen, welches die Zeitangabe war wann unsere neue Mitarbeiterin ankommen sollte und nochmal zur Sicherheit mit dem Namen des Hotels, wo ich sie unterbringen sollte. Es gab nur einen Hotel weit und breit.

„Sie müssen Mrs. Hofmann sein? Ich bin Pete aus der Redaktion der lokalen Presse und heiße sie willkommen in unserer bescheidenen Stadt. Wenn sie mir folgen würden, möchte ich sie zu ihrem Hotel bringen“. Doch kaum hatte ich zu ende gesprochen, lehnte sie mein Angebot mit einer schlichten Handbewegung ab und zeigte auf das Cafe, wo ich vor einigen Minuten saß.
Ich hatte ihre Bitte verstanden und zeigte auf ihren roten Koffer, der aus Leder zu sein schien. Sie sah mich mit einem strengen Blick an und nickte kurz ohne mir auch nur ein kleines Lächeln oder eine Geste der Höflichkeit entgegenzubringen.
Ich schlang meine vor Kälte erstarrten Finger um den Griff des Koffers und entriss es dem kalten Boden. Wir überquerten die große Kreuzung und liefen direkt zum Cafe. Sie lief mir einige Schritte voraus und würdigte mir keinen Blick. Angekommen vor dem Cafe, öffnete sie mit ihren feinen Händen die schwere hölzerne Eingangstür und trat bei Seite, winkte mich in den warmen Raum.
Ich betrat das Cafe und setzte mich an den ersten Tisch. Dies schien sie zu stören, da sie zwar sich auf den Tisch zu bewegte aber im Raum einen anderen, einen besseren Platz suchte.
„Kommen sie“ hörte ich nur als sie bereits mir den Rücken gekehrt auf einen Tisch am großen Fenster zulief. Ohne auf mich zuwarten setzte sie sich hin, rief der Kellnerin durch den ganzen Raum und bestellte zwei Tassen Kaffee.
Ich stellte den immer schwerer werdenden Koffer neben dem Tisch ab und setzte mich ihr gegenüber. Hier im klaren Raum offenbarte sich mir ihre Schönheit in vollem Maß.
Ihr langes blondes Haar hatte sie hochgesteckt und an den Seiten mit Klammern befestigt, wie es auch Mrs. Smith von der Bäckerei immer tat.
Ihre feinen Finger und die äußerst gepflegten Fingernägel wirkten auf mich wie Blickfänger. Und diese blauen, kalten blauen Augen, die eine unendliche Tiefe in sich zu bergen schienen. Mein Herz raste und ich hatte ein Kloß im Hals. Das war aber kein Gefühl aus der Verliebtheit entsprungen. Ich hatte mich ja schon öfters verliebt. Das hier war was anderes. Es war die pure Angst, vor etwas so Perfektem zu versagen. Eine falsche Bewegung, ein falsches Wort, im falschen Moment geschwiegen und es hätte vorbei sein können. Das konnte ich nicht riskieren. Ich musste das Mysterium der ersten Begegnung zwischen zwei Menschen und die Neugier aufeinander, die daraus entsteht, so lang es geht aufrechthalten. Ich wollte für sie interessant sein, ihre Aufmerksamkeit auf mich lenken und sie fesseln oder in meinen Bann ziehen. Den gleichen Eindruck in ihr wecken, den sie auf mich hatte.

Wir saßen am Tisch und es herrschte Stille. Ich erinnerte mich an die Beerdigung meiner Großmutter letzte Woche. Eine bedrückende Stille, die alles Kreative in einem ersticken ließ. Ich merkte wie mir Schweißperlen auf der Stirn lagerten, traute mich aber nicht diese wegzuwischen. Ich wartete auf einen Moment ihrer Unachtsamkeit.
Sie durchbrach die schwere und dicke Mauer des Schweigens mit einer Frage, die mich in Verlegenheit brachte, da meine Befürchtung, mich bloß zu stellen, eintraf.
„Wissen sie was die Kirche und der Journalismus gemeinsam haben?“
Dabei blickte sie auf das Kirchenturm, dass hinter den Häuserreihen hoch in die Luft emporragte wie der Turm des Babels.
Ich stammelte ein paar selbst für mich unverständliche Worte in den Raum und war froh, als sie fortfuhr, ungeachtet dessen, was ich zu sagen hatte. Ich fühlte mich ertappt, doch ich versuchte durch einen strengen Blick jegliche Unsicherheit vor ihr zu verbergen. Während sie weitererzählte nickte ich ihr zu. Ab und an spitzte ich die Lippen, aber wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich erst viel später die Tiefe in ihren Gedanken verstanden.

„ Die Kirche betrieb über ein Jahrtausend ein Monopol, einen Anspruch, die Wahrheit zu kennen und in dessen Besitz zu sein. Wahrheit ist Information und ist nicht

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