Mrs. Hofmann Die erste Frau auf dem Mond - Page 11

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Hofman war verzögert zu hören in einem ruhigen aber dennoch bestimmenden Ton.
„Ich habe sie sehr wohl verstanden aber dennoch habe ich ihre Anweisung nicht befolgt. Ich habe die Erfahrung und die Ausbildung, einen Text oder Artikel zu schreiben und wer weiß mehr als ich über das was ich aufs Blatt bringen möchte als ich? Alles was sie ändern oder nicht zustimmen würden wäre Zensur und das werde ich nicht dulden. Ich möchte, dass sie diesen Raum verlassen und mich meine Arbeit machen lassen. Ich wünsche ihnen einen schönen Tag Mr. Becker.“
Pete stand noch am Gang, mit dem Rücken gegen die Wand gedrückt. Vorsichtig und mit zittrigen Händen schob er die Blätter in seiner Hand in die Öffnung seines Jacketts und klemmte sie unter seine Achsel. Mr. Becker eilte aus dem Zimmer hinaus, blind vor Wut und zog an Pete vorbei ohne ihm eines Blickes zu würdigen.
Er setzte sich an seinen Schreibtisch und schrieb ein Telegramm nach New York. Die schäumenden Wellen aus Wut legten sich im inneren Meer von Mr. Becker und eine gefährliche Stille machte sich breit. Er lehnte sich siegessicher in seinen Stuhl zurück und blickte zur Decke hinauf und ein heimtückisches Grinsen zeugte von seiner Überzeugung über seinen Sieg. Sein Stolz glich dem von Tiberius.

Pete traute sich keinen Schritt von der Wand zu weichen. Er fürchtete man würde ihm intrigantes Verhalten vorwerfen. Da er die Person war, die Befehle von Mrs. Hofman blind befolgte. Obwohl er wusste, dass alles was in der Druckerei landet vorher von Mr. Becker begutachtet werden musste, hatte er der Bitte oder dem Befehl von Mrs. Hofman Folge geleistet. Er fühlte sich in dem Kampf der Titanen einer Situation ausgesetzt, dessen er nicht gewachsen war.
Doch musste er sich Sorgen machen? Konnte er nicht weiterhin den einfachen Boten spielen und seine Aufgaben erledigen die ihm zugetragen worden waren? Er schöpfte Mut aus seiner Fähigkeit, Probleme tief in sein Innerstes zu vergraben und zu ignorieren.
Heute wollte er in der Mittagszeit in den Diner gehen und sich eine Auszeit gönnen.

X

Als ich den neuen Kommentar von Mrs. Hofman abgegeben hatte fragte man mich im Lektorat, ob Mr. Becker über den Text gesehen hätte. Ich zögerte einen Augenblick, dann nickte ich überzeugt. Als ich mich auf den Weg in mein Arbeitszimmer machte, überkamen mich Zweifel. Ich hätte mich nicht so einbringen dürfen, dachte ich mir.

Als ich unser Büro betrat herrschte eine Totenstille im Raum. Ich mied es, Mr. Hofman einen Blick zu spenden und fixierte meinen Arbeitsplatz.
„Pete, haben sie den Text abgegeben?“
„JA, Mrs. Hofman. Habe ich wie sie es wollten.“
„Sehr schön, setzen sie sich zu mir an den Tisch, ich habe mit ihnen einiges zu besprechen.“.
Zögernd näherte ich mich ihrem Arbeitstisch und nahm ihr gegenüber Platz.
Sie stöberte in dem Haufen von Blättern, welche sich vor ihr ausgebreitet hatten, und schien etwas zu suchen. Ihr scharfer Blick wandte sich kein einziges Mal in meine Richtung.
„Haben sie die neueste Freitagsausgabe gelesen?“
„Noch nicht Mrs. Hofman. Ist ihr Text darin erschienen?“
Mit einer flinken Handbewegung zog sie aus dem Stapel einige Blätter heraus, überprüfte diese nochmal auf Vollständigkeit und reichte sie mir zu.
„Lesen sie das heute Abend durch und versuchen sie mich zu verstehen. Lassen sie sich dabei nicht in ihrem Urteil beeinflussen. Ich werde jeden Freitag einen Text einreichen und es wird ganz in meiner Entscheidung liegen worüber und wie ich es schreiben werde. Für Kompromisse ist das Leben zu kurz und die Welt zu schnell.“
Dankend nahm ich die Blätter entgegen und einen kurzen Augenblick berührte mein Zeigefinger ihre Hand. Ein Blitz schoss durch meine Brust. Doch Mrs. Hofman war sichtbar unbeeindruckt und widmete sich wieder ihren Blättern.
Als ich merkte, dass unser Gespräch beendet war wollte ich mich bei ihr bedanken.
„Sie riechen so gut“ hörte ich die kalte Stimme ohne jegliche Emotionen sagen. Mrs. Hofman war weiterhin mit ihren Blättern beschäftigt.
„Ihr Duft erinnert mich an meine Kindheit, Zuhause. Meine Großmutter väterlicher Seite benutzte immer Kölsch Wasser. Kennen sie das?“
Gedemütigt verneinte ich ihre Frage mit einem Kopfschütteln.
„Meine Eltern sind aus Deutschland. Aus einer Stadt Namens Köln. Die Stadt liegt am Rhein. Ich erinnere mich nur noch sehr vage an meine Kindheit. Als ich sechs Jahre alt war kamen meine Eltern nach Amerika. Sie wollten dem europäischen Kleingeist entfliehen und brachen in eine verheißungsvolle Zukunft auf.
Wissen sie, die Stadt Köln liegt am Rhein und der Kölner Dom ist das Wahrzeichen der Stadt, so wie Kölsch Wasser.
Ich habe einen Onkel und eine Tante, die noch in Köln leben. Das letzte Mal als wir Post erhielten stand Europa vor dem Krieg. Seitdem haben wir nichts mehr voneinander gehört.“
Durch meinen Kopf schossen hunderte von Bildern. Blonde Frauen und Männer. Bier trinkend und seltsam jaulend in riesigen Zelten zu einer fremd-anstrengenden Musik wanken. Bilder von erhabenen Adelsfrauen in alten Burgen mitten im dunklen Grün von Tannen und Fichtewäldern. Die Märchen der Gebrüder Grimm.
Und als endlich die Flut an Bildern sich legte erblickte ich ihr Antlitz. Die Demut in ihrer Haltung und diese großen blauen Augen. Ihre gepflegten Nägel glitten über das Papier, welches sie las oder nur so tat als würde sie es lesen um während unserem Gespräch kein Blickkontakt mit mir aufnehmen zu müssen. Ich kann es heute nicht mehr so genau sagen. Ich wünschte sie hätte mir in dem Moment tief in die Augen geblickt und durch meine Augen in den tiefsten Punkt in meinem Herzen. Den Ort gefunden, wo ich ein Abbild ihrer ihr zu Ehren aufgestellt hatte. Unzerstörbar und vielleicht zu schwer um für ewig dort zu weilen.

Die Stille kehrte wieder ein und es schien sich eine Mauer zwischen uns aufzubauen. Schweigend stand ich auf, ließ mir dabei viel Zeit in der Hoffnung sie würde weiter reden oder mir einen Blick schenken, doch irgendwann waren meine Knie durchgestreckt und ich stand aufrecht wie eine Stange. So musste ich mich wieder meiner Arbeit widmen, die darin bestand den Bestand zu überprüfen und frisches Wasser zu holen.
Es wurde sehr spät als ich meinen Arbeitsplatz verließ. Ich machte mich auf den Nachhauseweg, da fiel mir ein, meinen

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