Mrs. Hofmann Die erste Frau auf dem Mond - Page 12

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Schlüssel vergessen zu haben. Ich eilte in mein Arbeitszimmer, holte den Schlüssel und wollte die Redaktion verlassen, da sah ich Mrs. Hofman das Gebäude verlassen. Sonst war in der ganzen Redaktion keine Seele mehr. Ich wartete ab, bis sie die Tür verschloss, eilte die Treppen hinunter und blickte durch eines der Fenster und wartete bis sie einen gewissen Abstand von dem Gebäude einnahm. Als es endlich soweit war verließ ich die Redaktion.
Als ich ihr folgte als sie die Redaktion verließ, lief sie durch den Stadtpark, bog in die Seitengasse am Ende des Parks ein und streifte an den kleinen Häusern vorbei. Vor dem Gartentor des letzten Hauses blieb sie stehen, betrat den Garten und näherte sich der Tür des Hauses. Während dessen suchte sie in ihrer Handtasche nach dem Schlüssel. Es war das Haus der Bibliothekarin, die vor einiger Zeit verstorben war. Seitdem stand das Haus leer. Ihre Habseligkeiten waren noch im Haus. Da die Kinder über das ganze Land verstreut waren verkümmerte das Haus. Hier wohnte sie und sie schien alleine zu wohnen, da kein Licht brannte als sie das Haus betrat. Ich kehrte ab und machte mich auf den Weg nach Hause.

Vor dem Einschlafen nahm ich mir die losen Blätter in die Hand und las ihren Text durch, erschienen in der Freitagsausgabe.
Ich war überrascht über ihre zunächst verständnisvolle Schilderung der Argumente beider Seiten, die des Pfarrers und Mr. Richards. Als hätte sie seinen Protokoll und seine Mitschriften gelesen. Doch dann kehrte die Stimmung in dem Text um. Obwohl durchgehend in einer beruhigenden Art geschrieben, war die Kritik, von ihr aufgeführt, messerscharf und es las sich episch.
In ihrem Text kritisierte sie die Kirche, die es seit Jahrhunderten nicht lassen konnte die Frau stets erneut an Ketten zu legen.
Zudem kritisierte sie auch Mr. Richards für seine Scheinheiligkeit, unterstellte ihm das es nicht um die Sache an sich ginge. Um eine Frau, die ebenso das Recht auf Arbeit und freie Berufswahl hat wie ein Mann auch.

Ich verstand jener Nacht, wieso Mr. Becker vor Wut kochte. Ebenso hatte ich verstanden, dass vor uns eine sehr unangenehme Zeit lag, die wir meistern mussten. Mrs. Hofman, wie ich sie damals gut eingeschätzt hatte, war bereit für einen Kampf. Sie interessierte sich nicht für andere. Das Bedürfnis zu sprechen war bei ihr kaum vorhanden aber dafür ein unnatürlicher Eifer, zu schreiben und immer wieder durchzustreichen und zu verbessern. Alleine kam sie zur Arbeit und alleine verließ sie die Redaktion.
Ständig angetrieben von einem Verlangen, das Gedachte der Welt zu übergeben, arbeitete sie unermüdlich in ihrer einsamen Welt. In ihrer Welt, wo es für andere Menschen keinen Platz gab, da es zu klein war. Ihre Welt, wo es keinen Grenzen gab und die unendlich war. Frei.

In der Nacht träumte ich von Deutschland, von der seltsam klingenden Stadt am Rhein und Frauen mit langen zu Zöpfen geflochtenen blonden Haaren und blauen Augen.
Am Rande eines Flusses angelangt breitete ich meine Flügel aus und flog über das Land. Über Berge und dunkle Wälder, Schlösser und Burgen. Über kleine Dörfer mit hoch in die Luft ragenden Kirchtürmen. Sie war nicht zu finden.

Es vergingen einige Tage und jeder glich dem Anderen. Dennoch war jeder Tag ein neuer Tag voller Hoffnungen, dass etwas passieren könnte. Auch wenn ich nicht sagen konnte worauf ich hoffte oder wartete. Vielleicht erhoffte ich mir Lob und Anerkennung für meine Arbeit. Anweisungen und Hilfestellung bei der Bewältigung meiner Arbeiten um zu einem guten Journalist oder Kolumnist heranzureifen.
Vielleicht wartete ich auch auf den Tag, an dem mich Mrs. Hofman zu einem Kaffee einladen würde oder mich fragen würde ob ich sie einlade. Auf den Tag, an dem es nur uns zwei geben würde und die Zeit so träge wäre wie ein zähes Stück Kaugummi. Wir würden in einem Kaffee am Fenster sitzen und die Sonne würde den Raum mit Licht fluten. Sie würde mir in die Augen sehen und nicht aufhören zu reden. Die Hoffnung war die Triebfeder meiner Gedanken.

Es war ein Donnerstag, daran kann ich mich wie heute erinnern, als Post aus New York eintraf. Genauer gesagt waren es zwei Briefe, gerichtet an Mrs. Hofman und Mr. Becker.
Da sich bereits in der gesamten Redaktion rumgesprochen hatte was zwischen den beiden vorgefallen war und Bill aus der Postabteilung sich verplappert hatte über den Brief an New York, waren alle gespannt auf die Antwort oder Anweisung aus New York.
Gegen Mittag verließ Mr. Becker die Redaktion mit dem Vorwand einer Krankheit und war eine ganze Woche nicht zur Arbeit erschienen. Das kam bislang noch nie vor. Mrs. Hofman äußerte sich nicht zu dem Schreiben. Der Umschlag lag geöffnet auf ihrem Schreibtisch. Der Inhalt schien sie nicht beeindruckt zu haben.
„Wir werden einen Text immer am ersten Freitag des Monats rausgeben“ verkündete Mrs. Hofman mir als sie wahrscheinlich bemerkte wie ich den Umschlag musterte.
Ich fühlte mich ertappt und nickte einmal auch wenn sie mich nicht ansah und machte mich wieder an meine gewohnte Arbeit.

Die letzte Freitagsausgabe war in aller Munde. Die ganze Stadt sprach darüber. In den Kneipen und literarischen Runden wurde über den Text von Mrs. Hofman gesprochen. Über die Frau und ihre Rolle in der Gesellschaft. Noch nie zuvor hatte eine Ausgabe so viel Unruhe in unsere kleine Stadt gebracht. Doch es blieb nicht dabei. Die Ausgabe wurde immer wieder weitergereicht und in den umherliegenden Ortschaften ebenfalls gelesen. Die Autorin. Mrs. Hofman, war in aller Munde. Es kamen hunderte Briefe, adressiert an die unbekannte Autorin des Textes. Ein junges Mädchen bedankte sich bei Mrs. Hofman für ihren Einsatz und schrieb sie habe von nun an einen Vorbild gefunden.
Mrs. Hofman selbst schien jedoch von dem ganzen Wirbel um sie nicht beeindruckt zu sein. Sie war der Auffassung, dass jeder Mensch mit einem gesunden Verstand und einer ausgereiften moralischen Entwicklung ihren Text hätte schreiben können. Wer auf Helden wartet ist selbst faul einer zu werden, sagte sie mir mal in einem Gespräch.

An einem sonnigen Montag, als Tau auf den Wiesen die Strahlen der aufgehenden Sonne reflektierten und Vögel aufgeregt von Ast zu Ast hüpften saßen wieder Mrs. Hofman und

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