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Mrs. Hofmann Die erste Frau auf dem Mond - Page 13

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ich an ihrem Arbeitstisch. Ich merkte schon, dass es wieder eines unserer Gespräche über ein mir noch unbekanntes Thema sein würde. Meine Aufgabe war es zu schweigen und ihr zuzuhören. Ich hatte bereits aufgehört ihre rhetorischen Fragen zu beantworten und wartete bis sie selbst loslegte und mir ihre Sicht über die Dinge berichtete. Vielleicht belehrte sie mich auch, ob das ihre Absicht war kann ich heute nicht sagen. Ich hörte ihr jedoch gerne zu und war stets fasziniert über ihre mir fremde Sichtweise auf die Welt.

Unermüdlich arbeiteten wir den ganzen Tag, abgeschirmt vom Rest der Welt in unserem Büro. Ich mied meine Kollegen und ging jedem Gespräch aus dem Weg. Mrs. Hofman hatte Türme von Büchern in unserem Zimmer entstehen lassen. Jede Woche kamen neue Bücher hinzu. Mrs. Hofman wollte nicht, dass ich die Bücher in regale einräume. Sie meinte stets, sie müssten atmen.
Ihre Artikel und Kommentare, einmal im Monat erschienen, wurden von allen mit großer Neugier erwartet. Die Bestellungen unserer lokalen Zeitung waren auf einem Niveau angelangt, wie noch nie zuvor, seit der Gründung unseres Verlagshauses.
„Das muss wohl an den gut durchdachten Veränderungen liegen die ich in den letzten Jahren vorgenommen habe“ erklärte sich Mr. Becker stolz die hohe Auflagenzahl. Doch er wusste wie alle in der Redaktion auch wussten, dass der Erfolg ganz alleine Mrs. Hofman und ihrer Arbeit zu verdanken war. Sie war in aller Munde. Kaum traf ich auf eine bekannte Person fragte man mich, was das Thema der nächsten Ausgabe sein würde. Wieso wir nicht über dieses und jenes Schreiben würden. Ich lächelte nur kurz und genoss auch teils die Aufmerksamkeit meiner Umwelt. Ich versicherte, dass wir an sehr wichtigen und Spannenden Themen Recherchieren würden. Doch in Wahrheit wusste ich meistens nicht, worüber sie arbeitete oder schrieb.
Alle Ausgaben mit Mrs. Hofmans Artikel und Kommentare bewahrte ich in einer großen Kiste unter meinem Bett auf. Ich las die neuste Ausgabe so oft durch bis ich jedes einzelne Wort auswendig wusste. Unermüdlich, wie ein Rosenkranzgebet, las ich die Sätze immer wieder durch, als würde sich mir in den Wörtern eine geheime Botschaft offenbaren, gerichtet nur an mich. Ich wiederholte jeden Satz bis sie leer und Bedeutungslos schien. Doch es waren nicht die Sätze und Wörter, aneinandergereiht wie sorgsam ausgesuchte Perlen einer Kette, welche mir faszinierten. Es war die Vorstellung, dass jedes Wort von dieser wundervollen, fremdartigen Frau gedacht, ausgesucht und geschrieben war. Je mehr die Wörter durch die ständige Wiederholung an Bedeutung einbüßten umso mehr wuchs ihr magischer Einfluss auf mich.
Es waren die Sätze, die ihrer eigenen inneren Welt, einer eigenen Logik folgend. Gedruckt in unserer Redaktion und sich von unserer kleinen Stadt aus über weite Entfernungen verbreitete. Ihr Gedankengut, im Meer von Gedanken einen Echo ausstoßen ließ. So sehr man sich in den ersten Schockmomenten gegen ihre Art des Beobachtens und des Erklärens auch wehrte, umso mehr erschloss sich einem eine neue Sichtweise. Wie eine kleine Wunde, die man auf der Haut trägt und versucht durch die Kleidung zu decken. Eine Wunde, die störte und juckte. Die aber irgendwann anfing zu wachsen und nicht mehr zu verstecken war. Eine Wunde, die Narben hinterließ.

„ Haben sie farbige Freunde?“ fragte sie mich völlig zusammenhanglos und blickte mir dabei in die Augen. Das tat sie selten.
Ich verneinte ihre Frage und erzählte ihr, dass es in unserer Stadt keine farbigen Menschen geben würde.
„ Ich habe sie nur gefragt ob sie farbige Freunde haben und nicht nach einem Grund“ erwiderte sie. Wieder fühlte ich mich entblößt vor ihr. Ich nahm mir vor keine Antwort mehr zu geben und sie reden zu lassen.
„ Warum glauben sie kamen Menschen auf die Idee andere zu versklaven? Was war der Grund? Der Kapitalismus oder der christliche Glaube?“. Ich schwieg. Nicht weil ich es mir bereits vorgenommen hatte sondern weil ich keinen Zusammenhang sah und auf die Schnelle darauf hätte nie antworten können.
„Wenn es heißt, der Mensch sei ein Ebenbild Gottes, bezieht sich das auf welchen Menschen? Die Frauen? Männer? Weiße oder Farbige? Kranke sowie Gesunde? Was ist mit den Gebrechlichen oder Behinderten?
Mit ihrer Lehre über den Essentialismus schaffte die Kirche eine Frage in unserer Zivilisation, die es vorher so nicht gab. Es verleitete Kulturen dazu, sich selbst als am Gott ähnlichsten zu sehen. Die Konsequenz hiervon war die Erschaffung einer Rassentheorie oder einer Rassenklasse. Eine Körperkultur wurde etabliert. Das können wir heute besonders in den Malereien der Renaissance in Rom sehen. Der Mensch, als Ebenbild Gottes, hatte perfekt zu sein weil er es war. Selbst die Greise in den Malereien in Rom haben den muskulösen Körper eines Sportlers. Für Gebrechen oder gar einer anderen Hautfarbe ist kein Platz vor dem Antlitz Gottes. Entweder wurden sie naturgemäß zum Dienen erschaffen oder im Falle einer Krankheit zur Strafe irgendwelcher heimlichen Sünden. Das war der Nährboden einer beispielslosen und menschenverachtenden Epoche in der Geschichte der Menschheit. Zugespitzt im Nationalsozialismus in Deutschland.
Dem fielen ganze Völker zum Opfer. Um sich aber rein zu waschen und die eigene moralische Haltung nicht zu hinterfragen rechtfertigte man die Trennung der Menschheit in Rassen. Der weiße Mann, der in allem überlegen ist, hatte plötzlich das Privileg in fremde Welten zu segeln, Menschen wie Tier einzufangen an Ketten zu legen und für sich schuften zu lassen. Tag ein Tag aus, unter der sengenden Sonne zu arbeiten. Das ist unvorstellbar“.
Sie griff nach dem Glas auf ihrem Arbeitstisch und führte es an ihre zarten Lippen und trank einen Schluck Wasser. Dann schwieg sie und widmete sich wieder ihrer Arbeit
Verwirrt von ihrer These stand ich auf und setzte mich wieder an meinen Arbeitstisch.

Mein Kopf voller quälender Gedanken und Widersprüche verließ ich an jenem Tag die das Verlagshaus. Ich schlenderte durch die Seitengassen der Stadt und blieb hin und wieder stehen um meine Gedanken zu sortieren. Als ich an der großen Kirche vorbeilief blieb ich stehen und betrachtete den hoch in den Himmel ragenden Kirchturm. In dieser Kirche wurde ich getauft. Hier trug man meine geliebte Oma im Sarg zur letzten Ruhestätte. Die Glocken läuteten, es war ein lauer Sommertag. Meine Mutter sagte, dass

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