Mrs. Hofmann Die erste Frau auf dem Mond - Page 18

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Informationen her. Neue Nachrichten, das ist unser Geschäft. Wir zeigen was draußen passiert. Dadurch machen wir uns unverzichtbar für den Leser. Niemand würde auf seine Augen und auf seine Ohren verzichten. Wir sind die Augen und Ohren des Lesers, der die weite Welt da draußen nicht kennt und sich auf uns verlässt. Die Abhängigkeit ist unsere Stärke.“
Edwards sah mich mit großen Augen an wartete, dass ich fortfuhr.
„Wenn ein wichtiges Ereignis stattfindet, wird darüber oft einseitig berichtet. Die Medien sind in Eile. Jeder will als Erster den großen Fisch fangen. Da bleibt keine Zeit für eine differenzierte Betrachtung der Sache. Die Nachricht schlägt ein wie ein Blitz, die Leser sind paralysiert. Angst, Unsicherheit macht sich breit und eine unberechenbare Energie wird freigesetzt. Meistens folgen später, Wochen oder Monate, manchmal auch gar nicht die differenzierten Nachrichten. Aber dann ist längst eine Lawine ins Rollen gebracht worden und es Folgen taten und Konsequenzen. So macht man Kriege, so schafft man Helden.
Wir als ein eher kleines Verlagshaus haben gegen die großen keine Chance. Doch womit wir im Moment unsere Stellung gut verteidigen können ist die Nachricht schnell und differenziert zu bringen. Ich möchte keine voreiligen oder nur einseitig dargestellte Texte vor mir liegen haben. Seien es auch nur ein paar Sätze, möchte ich das wir in unseren Artikeln immer versuchen eine soweit wie möglich umfassendere Information zu bieten. Lesen sie viel über die Geschichte und den Verlauf der Themen. Versuchen sie das Ereignis worüber sie schreiben wollen einzuordnen. Das ist selbstverständlich leichter gesagt als getan aber das ist unser Anspruch hier im Haus. Das wissen unsere Leser zu schätzen.
Ich möchte, dass sie den Tisch in meinem Zimmer als ihren Arbeitstisch benutzen und für mich tägliche Aufgaben erfüllen. Seien sie willkommen.“
Ein Sternenhimmel leuchtete in den Augen des jungen Mannes und er bedankte sich mehr als nur einmal bei mir.

Am späten Abend, als ich mich in meinem Sitz zurück lehnte, sah ich wie die Ecke des Buches mit dem anonymen Autor aus meiner Tasche rausragte. Ich nahm es in die Hand und las den Titel „Siegfried und der Drache“.
Ich las die ersten Seiten des Buches und wurde von ihr in ihren Bann gezogen. Ich vergaß die Zeit und las Seite für Seite. Gegen Ende des Buches bemerkte ich, wie der erste Sonnenstrahl den mit Zigarettenrauch benebelten Raum erhellte. Kleine Rauchwirbel spielten verzückt in der Luft und lösten sich auf. Eine Übelkeit überkam mich und ich musste mich zusammenreisen um nicht zu erbrechen.
Die Sätze, die Art des Autors sich auszudrücken kamen mir bekannt vor doch ich wusste nicht woher. Es war, als hätte ich jeden einzelnen Satz schon mal vorher irgendwo gelesen.
Am Ende des Buches schrieb der Autor, dass die Liebe das Einzige sei, dass nicht an Normen und Werte gebunden existieren könne. Die Liebe daher die stärkste Waffe des Freiheit liebenden Menschen sei. Somit sei sie in komplexen Systemen stets eine Gefahrenquelle für autoritäre Strukturen. Unberechenbar und widerspenstig.
Ein Blitz jagte mir in den Kopf und lief eiskalt meinem verspannten Rücken hinunter. Sie war es. Ich hatte sie gefunden. Das Buch, wie konnte ich es nur nicht sofort erkennen.
Ich stellte Forschungen an und rief einige Freunde an, die ich in den Jahren kennengelernt hatte und die mir einen Gefallen schuldeten. Ich fand raus, dass den Gerüchten zu Folge der Autor eine Frau sei und in New York leben würde.

Sie musste es sein und ich war nicht mehr in der Lage klar zu denken. Mir war alles egal. Ich wollte sie sehen, mit ihr sprechen. Ich wollte ihr all die Last meines Herzens erzählen um mich selbst zu erleichtern, um sie an mich zu binden und für immer bei ihr zu bleiben. Als ich eines Morgens aufwachte, beschloss ich sie zu suchen und zu finden. Es gab für mich kein Zurück mehr. Ich schaffte es bis zum Verlagshaus, kehrte dann aber wieder um.
Auf dem Weg zu meiner Familie beschloss ich, nach New York zu reisen. All die Jahre ihrer Abwesenheit, der ganze Schmerz, es braute sich ein Wirbelsturm in meinem Herzen, dessen Gewalt ich nicht mehr mächtig war.
Zuhause angekommen eilte ich zum Schrank in unserem Schlafzimmer, holte den Koffer herunter und packte ein. Meine Frau stand an der Tür, die kleine war noch am Schlafen.
Ich sah sie an doch konnte kein Wort raus bringen.
Sie lief zum Schrank, beugte sich und riss eine Schublade auf. Nahm Socken und Unterwäsche aus dem Fach und legte sie behutsam in meinen Koffer.
Fertig eingepackt machte ich mich auf den Weg. An der Tür verabschiedete ich mich von meiner Frau. Sie küsste mich wie jeden Morgen an der Wange und schloss hinter mir die Tür.
Sie hatte mich nicht gefragt wohin ich gehen wollte und was ich vorhätte. Später, viele Jahre später sagte sie mir, dass ich in einem aufgelösten Zustand vor ihr stand, in einem Zustand wie sie mich vorher noch nie gesehen hatte. Sie wusste, dass das was ich vorhatte für mich sehr wichtig gewesen sei und sie wollte sich nicht mir in den Weg stellen. Egal welch ein Ende unserer Ehe bevorstand.

Ich nahm den Bus in die nächste Stadt, kaufte mir ein Zugticket und machte mich auf den Weg nach New York. Es war eine lange und abenteuerliche Fahrt. Ich suchte das Verlagshaus, welches das Buch druckte und mietete mir ein Zimmer in einem heruntergekommenen Hotel in der gleichen Straße.
Jeden Morgen benetzte ich mein Gesicht mit meinem Rasierwasser das nach Zitrone roch und setzte mich in ein Café, direkt gegenüber des Verlagshauses und wartete bis spät in den Abend bis der letzte Mitarbeiter das Haus verließ.
Es vergingen Tage doch von Mrs. Hofmann war keine Spur. Wie dumm es auch von mir war zu glauben sie hier anzutreffen. Wieso sollte sie hier erscheinen.

Ich glaube, dass ich ungefähr drei Wochen, jeden Tag auf das Neue auf sie wartete. Eine tiefe Trauer überkam mich. Wo ich sie doch vergessen hatte und ein geregeltes Leben, eine wunderschöne Tochter hatte. Wieso musste das alles jetzt passieren. Hatte ich jetzt noch meine Arbeit, meine Frau wenn ich zurückfahren würde? Würde ich meine Tochter wieder sehen dürfen?
Ich atmete tief ein und hielt die Luft in kurzen Abständen während dem ausatmen an um nicht weinen zu müssen wie ein kleines dummes Kind. Ein Kind, dass trotz ständigen Warnungen seiner Eltern in den Fluss schwimmen ging und nun in den wilden Strömungen um sein Leben kämpfte.

Ich beschloss längst zurück zu fahren doch immer wieder, wie ein Süchtiger am Spieltisch, hatte ich das Gefühl sie in dem Moment zu verpassen, in dem ich dem Tisch mein Rücken kehrte.
Ein kalter Wind trieb durch die Straßen wie ein einsamer Hund auf der Suche nach Nahrung. Die Kälte brach an dem Jahr sehr früh ein. Ich war nicht darauf vorbereitet. Der Besitzer vom Café schenkte mir ein paar seiner alten Strickjacken, die er aussortiert hatte. Dankend nahm ich sein Geschenk an.
An einem Nachmittag, als ich kurz davor war aufzustehen und mich hinzulegen, fuhr eine schwarze Limousine vor das Verlagshaus. Ein geschäftig wirkender, kräftiger Mann stieg aus dem Wagen und öffnete die Tür. Eine Frau stieg aus dem Wagen und holte aus ihrer Jackentasche ein silbernes Zigarettenetui heraus. Geschickte zündete sie ihre Zigarette an und zog einen tiefen Atem des Rauches in ihre zarte Brust, welches sich aufblähte.
Ich wollte meinen Augen nicht trauen. Mrs. Hofmann leibhaftig stand an der anderen Straßenseite. Ich eilte aus dem Café und stellte mich auf die Straßenseite gegenüber und wartete bis sie auf mich aufmerksam wurde.
Sie schenkte mir keinen Blick. Ich war jedoch nicht in der Lage zu ihr rüber zu laufen und ihr all die Höllenqualen zu beichten die ich erleiden musste als sie plötzlich aus meinem Leben verschwand.
Sie zog ein letztes Mal an ihrer Zigarette und ließ den Stummel fallen. Sie blickte zu Boden und zertrat den glühenden Stummel. Als sie aufblickte erstarrten ihre Blicke als sie mich bemerkte. Sie hatte mich erkannt. An ihrer rechten Wange hatte sie eine breite Narbe doch sie war wie damals eine wunderschöne Frau. Wie eine tote starrte sie mich für eine Zeit an, drehte sich um und lief mit einem leichten Hinken in das Verlagshaus. Als ihr die Eingangstür von ihrem Chauffeur geöffnet wurde blieb sie kurz stehen, drehte sich um und lächelte mir eine Sekunde zu. Dann verschwand sie.

Ich spürte wie eine Last von meinen Schultern fiel. Weder das Messer noch der kleine Stecknadel waren in meinem Herzen mehr vorhanden. So musste sich Christophorus gefühlt haben, als er das kleine Kind von seinen Schultern absetzte.

Ich verabschiedete mich vom Besitzer des Dinners. In den Tagen meiner Anwesenheit hatte ich ihn als einen guten Freund gewonnen. Man glaubt es vielleicht nicht, doch ein Diner zu besitzen heißt auch sich tagtäglich die Sorgen anderer Menschen anhören zu müssen. Mit funkelnden grünen Augen hat er mich immer angesehen und er schien durch meine Augen in mein Herz zu blicken und alles bereits vorher zu wissen bevor ich es überhaupt in Wörter formen und von mir loslösen konnte.
Die Tage des Wartens waren somit für mich wie ein täglicher Besuch in der Kirche zur Beichte. Ich hatte bemerkt, dass ich längst all die Sorgen, Ängste und Gedanken mit Jemandem teilen hätte müssen. Aber mit wem? Ich nahm mir vor, wenn ich zurück nach Hause fuhr mit meiner Frau über alles offen zu reden. Abigail, ja sie war eine wundervolle Frau. Eine so gütige Frau, die Verständnis hatte und sich um mich und meine Tochter liebevoll kümmerte.
Als ich meine Kaffeetasse zwischen meinen beiden Händen hielt und die Wärme spürte erinnerte mich das an ihre warme Brust, an die ich mich anlehnte und ihren Herzschlag versuchte zu hören. Ich habe bemerkt, wie sehr ich sie vermisst hatte.
Am gleichen Tag packte ich meine Sachen und war auf den Weg nach Hause.

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