Emma, die Wahrsagerin, 14. Und 15. Sitzung:

von Sabrina Jung
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Heute bekommt Emma Besuch von einer Frau namens Renate. Emma hat wie immer ihr Kräutergemisch aufgebrüht und alles Weitere vorbereitet. Da klingelt es auch schon unten an der Haustür. Emma öffnet auch schon mal die Wohnungstür. Da steigt auch schon Renate aus dem Fahrstuhl, eine attraktive Frau Mitte 40, wirkt ein wenig schüchtern. Emma zu Renate: „Hallo Renate, schön dass Sie hier sind. Leben Sie ab, so ein Quatsch natürlich, Sie sollen weiterleben, habe mich gerade versprochen, äh meinte legen Sie ab bzw. Ihre Jacke.“ Renate schaut Emma ein wenig verdutzt an und legt ihre Jacke ab. Dann gehen beide ins Nebenzimmer. Emma zu Renate: „Setzen Sie sich, machen Sie es sich gemütlich.“ Renate versucht sich verkrampft in Emmas Sessel zu entspannen. Dann fragt Emma: „Renate, was hat sie zu mir geführt?“ Renate daraufhin: „Also, habe ein Riesenproblem mit meiner Nachbarin. Sie hat einen ziemlich großen Hund und ich habe eine Hundephobie. Kann Hunde schon mein ganzes Leben lang eigentlich nicht ausstehen, denn ich hatte mal ein traumatisierendes Ereignis, indem ich von einem Hund umgerannt wurde und angebellt wurde, er fletschte regelrecht seine Zähne, damals war ich gerade mal 5 Jahre alt und der Hund tauchte aus dem Nichts heraus auf, es war damals für mich ein riesiger Schock und dieser Schock hält halt bis heute an, manchmal träume ich sogar noch nachts davon, zwar nur sehr selten, aber es kommt vor. Jedenfalls entwickelt man so seine Strategien, wenn man Menschen kennenlernt, die einen Hund haben. Meine beste Freundin, die hat auch einen Hund, aber die versteht mich total, wenn wir uns treffen, dann nur ohne Hund, das ist für sie absolut in Ordnung. Auch gehe ich nach so vielen Jahren, wenn ich schon von weitem sehe, dass da jemand mit seinem Hund mir entgegenkommt, schnell vorher noch auf die andere Straßenseite, das ist halt einfach so in mir drin, so eine Art Schutzreflex. Und nun habe ich seit sechs Monaten eine neue Nachbarin mit einem, für mich zumindest, riesigen Hund. Am Anfang habe ich mir noch wirklich Mühe gegeben freundlich zu ihr zu sein, aber dann ist mir zwischendurch irgendwann herausgerutscht, dass ich ihren Hund hassen würde, im Prinzip wollte ich das gar nicht sagen, war eigentlich mehr im Selbstgespräch mit mir, aber sie hat kurz zuvor die Tür geöffnet, was ich leider erst zu spät gesehen habe, daraufhin versuchte ich sie aber noch anzulächeln und sie sah so aus, als ob sie mir gleich an die Gurgel gehen würde. Jetzt ist es so, dass ich meinen ganzen Tagesablauf nach dieser Frau richte, d.h. schaue erstmal vorsichtig nach, ob ihre Schuhe vor der Tür stehen und wenn sie nicht vor der Tür stehen, habe ich Angst, wenn ich jetzt rausgehe, könnte es sein, sie kommt mir entgegen, also warte ich, bis sie wieder daheim ist und ihre Schuhe wieder vor der Tür stehen, dann weiß ich nämlich ganz genau, dass ich ihr nicht begegnen werde. Schreibe auch Zeitpläne, wann sie gewohnheitsmäßig rausgeht, damit ich ihr nicht über den Weg laufen muss, aber es wird noch schlimmer, sie scheint das zu merken und fängt an, ihre Rausgehzeiten zu ändern, manchmal habe ich direkt das Gefühl, sie beobachtet nun mich und schleicht mir hinterher. Es ist der absolute Albtraum, ich weiß einfach nicht mehr weiter, bin auch schon am Überlegen, ob ich ausziehen soll, aber die Wohnung ist so schön, die ich jetzt habe und günstig ist sie auch noch, außerdem kann es ja sein, dass dann dort auch irgendwann eine Nachbarin einzieht, die einen Hund hat, insofern wäre das ja auch alles keine Garantie und nun frage ich mich, wie soll es denn nun weitergehen?“ Emma ist heute sehr müde, sie ist fast ein wenig eingenickt, aber das Wichtigste hat sie mitbekommen, dann sagt sie zu Renate: „Also Sie möchten, dass ich mal in die Karten schaue, ob sich demnächst irgendetwas ändern wird?“ Renate nickt. Emma daraufhin: „Ihre Phobie sehe ich tatsächlich in den Karten und was sehe ich denn hier? Da ist ja sogar ihre Nachbarin, genau, ja tatsächlich, sehe sogar, dass sie Ihnen heimlich hinterherschleicht, sie scheint sehr neugierig zu sein, es kann sogar sein, dass Sie Ihnen bis hierher gefolgt ist, das würde mich nicht wundern, also seien Sie wachsam, wenn Sie wieder gehen. Ja, aber zu guter Letzt sehe ich, dass Sie beide sich anfreunden werden, warum weiß ich noch nicht so genau, aber es wird alles gut, ja mehr kann ich Ihnen jetzt nicht dazu sagen. Das war es im Prinzip auch schon, mehr kann ich Ihnen nicht sagen.“ Renate scheint ein wenig verärgert, denn sie findet das irgendwie nicht so befriedigend, dass ihre Nachbarin auch noch heimlich hinterherschleicht, auch glaubt sie Emma nicht, dass sie sich mit Ihrer Nachbarin jemals anfreunden wird, schlussendlich ist sie aber zu schüchtern, um ihren Ärger kund zu tun. Die Sitzung ist somit beendet und beide verabschieden sich.
Renate fährt mit dem Fahrstuhl wieder bis zum Erdgeschoss. Der Fahrstuhl öffnet sich und ihre Nachbarin steht vor ihr. Erschrocken schaut sie ihre Nachbarin an, dann sagt sie: „Schnell weg.“ Und sie geht, während ihre Nachbarin noch ein wenig im Hausflur stehenbleibt.
Eine Woche später dann hat Emma den nächsten Termin. Heute kommt Julia. Wie immer ist alles vorbereitet. Und da klingelt es auch schon an der Wohnungstür. Emma öffnet die Tür und sieht eine sympathische neugierig wirkende Frau Mitte 30. Emma begrüßt Julia: „Ja Sie sind also Julia, bitte kommen Sie herein und machen Sie es sich schon einmal im Nebenzimmer gemütlich, ich hole noch schnell einen Tee für uns beide.“ Julia geht ins Nebenzimmer und macht es sich sichtlich gemütlich, sie wirkt ganz entspannt. Da kommt auch schon Emma und bietet ihr einen Tee an. Julia trinkt ein paar Schlückchen und lässt ihren Blick im Zimmer neugierig umherschweifen. Emma hat bereits ihre Karten in der Hand und fragt Julia: „Erzählen Sie bitte kurz, worum es geht, dann mische ich die Karten und Sie sagen bitte irgendwann Stopp.“ Julia daraufhin: „Also, um ehrlich zu sein, es geht um meine Nachbarin.“ Emma denkt sich, ohje schon wieder ein Nachbarinnenproblem. Julia weiter: „Sie mag mich nicht.“ Emma daraufhin: „Wie kommen Sie darauf?“ Julia weiter: „Sie hasst Hunde und ich habe einen Hund. Sie hat sich aus Versehen mal verplappert, dass sie Hunde hassen würde, als sie im Selbstgespräch mit sich war, sie hat wohl nicht gemerkt, dass ich gerade meine Tür geöffnet habe.“ Jetzt weiß Emma, dass es genau um die Nachbarin geht, von der Renate gesprochen hat. Julia fährt weiter fort: „Außerdem wirkt sie auf mich richtig bösartig, sie geht mir absolut aus dem Weg, schaut immer erst vorher nach, ob meine Schuhe vor der Tür stehen, bevor sie ihre Wohnung verlässt, sie scheint mich irgendwie zu hassen, deshalb bin ich ihr in letzter Zeit auch ab und zu heimlich hinterhergestiefelt, um herauszufinden, ob sie nicht evtl. irgendeinen bösartigen Plan gegen mich ausheckt, z.B. dass sie heimlich zum Vermieter geht und sich über mich beschwert. Und das wäre für mich gar nicht gut, denn aus meiner vorherigen Wohnung bin ich genau deswegen, weil mein Hund angeblich zu laut war, was natürlich nicht stimmt, herausgeflogen, sprich, ich habe irgendwann die Kündigung von dem Vermieter bekommen, der übrigens auch Eigentümer, der Wohnung war und ist und nun habe ich eine Riesenangst, dass mir das Gleiche hier evtl. wieder passieren wird und irgendwie weiß ich nicht, wie ich das verhindern kann und da dachte ich, nachdem ich letztens hier schon mal in der Nähe war und eine Frau aus Ihrem Haus in ihrem Hausflur getroffen habe, mit der ich ins Gespräch gekommen bin, die hat Sie mir wärmstens empfohlen. Und da dachte ich, versuche ich mal mein Glück bei Ihnen.“ Emma schaut Julia an und weiß nun 100%ig Bescheid, sie mischt die Karten und wartet auf ein Stoppzeichen von Julia, was Julia dann auch ein wenig unsicher sagt. Emma legt die Karten aus und fängt an: „Also, ja ich sehe Sie und Ihre Nachbarin haben große Schwierigkeiten miteinander und sie geht Ihnen wirklich aus dem Wege. Aber was sehe ich denn hier? Ja also sie geht Ihnen auf jeden Fall nicht aus dem Wege, weil Sie etwas Persönliches gegen Sie hat, im Prinzip mag sie Sie sogar, aber sie traut es sich nicht zu äußern, denn sie hat eine Riesenangst vor Hunden. Also der Grund, warum Ihre Nachbarin Ihnen aus dem Wege geht, ist sehr klar. Sie dürfen jetzt auf keinen Fall den Fehler machen und sie weiter beobachten, dann wird die Sache schlimm enden und irgendwann eskalieren und Sie werden dann tatsächlich Ihre Wohnung aufgeben müssen. Das einzige, was Sie eigentlich tun müssen, ist Kontakt mit ihr aufzunehmen, vielleicht backen Sie einen Kuchen und laden Sie sie auf einen Tee bei sich ein und den Hund organisieren Sie für ein paar Tage weg. Ihr schreiben Sie dann eine Einladungskarte, auf der steht, dass Sie sie auf einen Tee einladen möchten, weil Sie gerade ein wenig Zeit hätten, da Ihr Hund in der Tierklinik liegt. Dann werden Sie sehen, wenn Sie das Problem mit ihr selbst besprechen und Sie beide vereinbaren, dass Sie ihr einfach nur mit dem Hund aus dem Wege gehen, dass Sie sich sogar anfreunden werden und sich Ihr Problem in Luft auflöst. Genau, das war es im Prinzip schon, also, wenn Sie alles so befolgen, wie ich es Ihnen nun gesagt habe, wird alles gut und Sie werden Ihre Wohnung behalten.“ Julia schaut ein wenig skeptisch, ob das alles so stimmt, aber sie ist entschlossen, es zumindest zu versuchen, denn was bleibt ihr Anderes übrig. Für Emma ist die Sitzung beendet und beide verabschieden sich. Schon ein paar Monate später hört Emma von Renate selbst, als sie sie unterwegs trifft, dass sich das Problem mit ihrer Nachbarin tatsächlich in Luft aufgelöst hat und dass sie sich mit ihrer Nachbarin angefreundet hat, was Renate eigentlich nie geglaubt hätte, sie hat Emma sogar erzählt, dass sie jetzt auch gar nicht mehr so große Angst vor Hunden hat, weil sie selbst ab und zu ihre Nachbarin beim Hunde-Spaziergang begleitet, was Emma natürlich sehr freut.

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Kommentare

14. Nov 2017

An Herrn Mertens:
Emma ist wichtig,
und nicht nichtig,
:-) LG, Sabrina

14. Nov 2017

Die Geschichten sind anders - grad das ist gut:
Menschlich zeigen sie uns Leben - absolut!
(Weiß gar nicht, ob ich Krause halten darf -
Ein Wachhund scheint nur halb so scharf ...)

LG Axel

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