Die Fabrik

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Nebel, schwarz. Rauch steigt auf, die Produktion läuft auf Hochtouren. Unzählige Menschen pilgern wie Ameisen täglich zu einem Heiligtum. Man kann ihr Mantra an den fahlen Gesichtern ablesen. Die Monotonie in ihren Gesichtern ist förmlich greifbar. Tausende Menschen, im Schatten ihrer eigenen Existenz, wie Marionetten, gelenkt von einer fremden Macht. Tag ein Tag aus derselbe Tagesablauf. Rauch steigt auf aus dem Schornstein, gleichförmig fährt er seine grauen Hände aus, streckt sich und reckt die Faust gen Himmel. Fortschritt. Wie Maschinen funktionieren, ja nicht stehen bleiben. Keine Zeit für die Gegenwart, wenn die Zukunft längst ihre Besitzansprüche angemeldet hat. Wie ein schwarzer Schleier liegt sie über der Welt, flüstert dabei leise ihr Mantra, mit welchem sie sich schon viele Seelen einverleibt hat und lässt es sich durch den Wind verbreiten.

Rauch, Nebel steigt auf, aus der Kirche des 20. Jahrhunderts. Der Ameisenhügel ist fleißig am Arbeiten. Ein fortlaufender Prozess Tag für Tag, Stunde für Stunde, Sekunde für Sekunde. Unbedeutend und doch steckt eine Sentenz darin. Versteckt zwischen Konsum und Fortbestand. Die Pfarrer des 20. Jahrhunderts predigen und verbreiten das Mantra auf allen Kanälen. Monopolisten, die selbst ihre eigene Bedürftigkeit nicht mehr spüren können, da sie verlernt haben, den Moment zu erkennen, wenn er vor ihnen steht. Sie schauen in den Spiegel, sehen ihre eigene Durchlauchtheit und empfinden doch nichts. Immer weiter, das Ziel wird sich schon offenbaren, wenn man erst einmal davorsteht.

Rauch steigt auf aus der Sakristei, der Nebel zieht in Schwaden über das Land und verbreitet die Kunde weiter. Aufschwung uns Konjunktur, die Nomen unserer Generation. Immer weiter gerade aus. Den Blick stur nach vorne gerichtet. Der Blick zur Seite ist gefährlich haben sie gesagt. Du musst einfach nur weitergehen haben sie gesagt. Ein Fuß vor den anderen. Auf dem Fuße folgt im Nebel der Sinn. Der Sinn der eigenen Existenz, verschleiert von den Rauchfahnen, die sich wie eine Gottheit an der Spitze des Heeres versammeln. Kriegszustand. Jeder gegen Jeden. Konkurrenz oder doch soziale Auslese? Gesetz des Darwinismus. Biologische Determination, Evolution.

Rauch steigt auf aus der Kathedrale des 20. Jahrhunderts. In Nebel gehüllte Priester ziehen durch die Welt. Ihre Sprechchöre hauchen unter den Türschlitzen durch, verbreiten die Botschaft des Fortschritts. Auf ihren Fahnen thront das Heiligtum. Rauch steigt aus ihm auf. Die Herde ist am Arbeiten. Sie dient ihrem Schöpfer im Gleichschritt. Wie eine Armee aus Maschinen marschiert sie durch die Welt und verbreitet die Gesetze der Sozialisation. Parallelgeschaltete Individuen vegetieren ihr Leben. Beten zu ihrer Gottheit, während sie Tag ein Tag aus ihre Pilgerfahrten unternehmen, nur um danach ein Stück von dem zu spüren, was eigentlich in ihrer Natur liegt.

Rauch steigt auf aus dem Ameisenhügel. Fleißig gehen die Bewohner ihrem Tagewerk nach. Das Tier des 20. Jahrhunderts, wie ein immer fortlaufendes Triebwerk, dass nur in einer geregelten Bahn laufen kann. Die eigene Existenz verschleiert im Nebel ihrer neuen Religion. Bloß nicht zeigen, menschlich zu sein. Schwäche. Kein Platz dafür im Heiligtum des 20. Jahrhunderts.

Rauch steigt auf aus der Fabrik. Der Regen prasselt nieder auf die geschundenen Kreaturen. Die Sklaven des Konsums, im Gleichschritt fahren sie in ihren Kutschen durch die Welt. Getrennt durch Glasscheiben, die Gefängnisse des 20. Jahrhunderts. Eingekerkert, eingekehrt in sich selbst. Die Fahne des Heiligtums weht von Dächern und wiegt sich im Nebel ihrer eigenen Magie.

Rauch steigt auf aus den Häusern der Stadt. Allein. Einsamkeit. Der Triumph der Tristes. Der Sieg der (R)Evolution. Wie Tiere im Zoo ist jeder Tag wie der andere. Die Wärter des Konsums bringen jeden Tag die Beute des Tages. Raubtierfütterung. Das Recht des Stärkeren. Ein ungeschriebenes Gesetz in einer Welt, die sich selbst in die Sklaverei geführt hat. In der der Nebel die Sonne des Tages überdeckt und das Mantra weiterträgt.

Kein Rauch steigt mehr aus den Häusern der Vorstadt. Stille. Dunkelheit. Der Hauch des Windes treibt die Nebelschwaden über die Länder und Felder der Welt. Ein einzelner Schrei schallt durch den Nachthimmel und lässt die Welt verstummen. Er geht durch Mark und Bein schneidet tief ins Fleisch. Schmerzen. Erkenntnis. Zu spät. Vergeudet. Der Moment ist vorbei. Verpasst. Er wird nie wiederkehren.

Rauch steigt auf aus der Fabrik. Die Fahnen wehen im Wind wie jeden Tag. Gehisst am Fahnenmast schreien sie ihr Mantra in den Himmel und verbreiten ihren Schatten über die Welt. Ein Schatten, der keine Sonne durchlässt, ein Schatten, der uns niederringt, ein Schatten, den wir nicht besiegen können. Ein Schatten, der selbst nur ein fader Schein, eine Spiegelung dessen ist, was wir eins selbst verkörperten.

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