Irgendwo in Syrien

Bild von Klaus
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Die Luft roch nach Schimmel. Als Ali an der Türklinke rüttelte und feststellte, dass sie fest verschlossen war kehrte er zurück und setzte sich auf den alten Teppich, der inmitten des Raumes ausgelegt war. Seine Mutter, sein kleiner Bruder und seine Schwester, die gerade mal drei Jahre alt war, hatten schon bereits ihre Plätze um die Laterne eingenommen, welches inmitten des Teppichs zaghaft brannte und dem Raum zögerlich Licht schenkte.
Mutter beugte ihren Oberkörper vor, so dass das Licht ihr flaches Gesicht erhellte. Sie wirkte wie eine Figur aus dem Kindertheater. Damals, noch vor dem Frühling, wo Schattenspiele für die Kinder aufgeführt wurden. Ihre dunklen Haare hatte sie zu einem Zopf geflochten.
Sie begrüßte ihre Kinder, jedes Einzelne von ihnen. Gleich einer Gastgeberin. Sah jedes ihrer Kinder einige Sekunden in die Augen, schwieg dabei. Sekunden, in denen eine geheimnisvolle Atmosphäre entstand. Eine innere Aufbruchsstimmung das Herz beflügelte. In der Stadt, wo Ali lebt sagt man, hinter den Augen der Mütter befände sich der Garten Eden. Ali ist sicher, dass es so sein muss. Auch wenn er hinter den grünen Iris seiner Mutter keinen grünen Garten mit eifrigen Engeln erkennen kann. Aber er kann sie fühlen, so nah und greifbar. Vielleicht müsste er viel dichter rangehen und sehr lange in ihre Augen schauen. Dann, so ist er sich sicher, würde er bestimmt den Garten Eden erkennen. Behutsam legt die Mutter eine kleine Decke auf ihre kleine Tochter, die bereits auf dem Teppich eingeschlafen ist. Streicht ihr zärtlich über die glatten Wangen. Sie verspürt einen Stich in ihrem Herzen. Mit Gedanken oder gar mit Worten nicht fassbar. Nur ein Stich, so klein aber doch so gewaltig. Ein tiefer Seufzer ist im Raum zu hören. Doch dann hält die Mutter inne und zaubert ein Lächeln für ihre zwei Söhne, die aufmerksam jede einzelne Bewegung der Mutter beobachten und in sich aufnehmen. Wie ein Stativ, ohne dem ganzen Geschehen eine eigene Deutung beizumengen. Bilder, die sich tief in die Herzen von Kindern einbrennen. Bilder der eigenen Mutter. Gleich nicht von Hand gemalte Ikonen in den kleinen Köpfen, wo die Realität einen täglichen Kampf gegen die Fantasy erbringen muss.
Seit Monaten sammelt die Mutter ihre Kinder in diesem Raum, um eine Laterne auf einem alten, verblichenen Teppich. Die schönsten Jahre scheint dieser Teppich bereits hinter sich zu haben. Doch spielt das noch eine Rolle? Jeden Abend erzählt die Mutter ihren Kindern ein Märchen. Einige hat Ali ungewollt verpasst. Zu anstrengend sind die Tage, zu groß der Hunger. Am nächsten Morgen ärgerte er sich jedes Mal. Bat die Mutter vergebens, das Märchen der letzten Nacht zumindest in einer Kurzfassung wiederzugeben. Doch die Mutter lehnt stets ab.
An diesem Abend erzählt die Mutter das Märchen vom Sultan Bilal, dem Erhabenen. Einst herrschte Sultan Bilal über ein großes Reich. Das Reich erstreckte sich von der Küste bis tief in das Land hinein, jenseits der großen Wüste, die als nahezu unüberwindlich galt. Ein besonnener Herrscher soll er gewesen sein. Ein gütiger Sultan. Vom Schöpfer auserwählt und vom Volk geliebt. Ali malte sich Berge, Wälder, die Steppen im Geiste aus. Gepflasterte Straßen, Paläste und prächtige Anwesen. Das Reich des Sultan Bilal, da wollte er jetzt mit seiner Familie sein. In einem Reich, weit weg, doch keinen Schritt entfernt.
Sultan Bilal ließ sich von einem Meister sein ganzes Reich im großen Saal des Palastes nachbauen. Flüsse, Seen, Städte und Dörfer, alles sollte abgebildet sein. Jahrelang arbeitete Meister Halat mit seinen Schülern. Als das Meisterwerk fertig war, wurden sie vom Sultan für ihre Dienste reichlich belohnt.
Die Zufriedenheit Sultan Bilals Untertanen war diesem Meisterwerk zu verdanken. Der Sultan, gleich einem göttlichen Wesen, hatte sein gesamtes Reich unter sich und konnte die Probleme und Nöte der Bewohner der unterschiedlichsten Regionen besser verstehen und lösen. Sultan Bilal änderte Städte, ließ Flüsse auf seiner Miniaturabbildung umleiten, seine Minister setzen alles in windeseile durch. Keiner widersprach dem Sultan. Doch was anfänglich vielen Menschen ein glückliches und erfülltes Leben bescherte, sollte bald zu ihrem Verhängnis werden.
Sultan Bilal hatte einen Sohn, den er über alles auf der Welt liebte. Er nannte ihn seinen kostbarsten Juwelen. Eines Tages wurde die Leiche seines Sohnes aus dem See im Palastgarten geborgen. Der kleine Junge wollte eine Libelle auf der Wasseroberfläche fangen und fiel hinein. Als die Dienstmädchen bemerkten, dass das Kind verschwunden war, suchten sie verzweifelt nach dem kleinen Jungen und fanden seinen leblosen Körper im See. Der Sultan, zerfressen vom Trauer, welches sein Herz erstarren ließ wie ein Gebilde aus Eis, zog sich zurück. Wochenlang hatte ihn keiner zu sehen bekommen. Als er wieder aus seinen Gemächern hervorkam, war er ein anderer Mensch geworden. Einige behaupteten, ein böser Dschinn hätte seine Schwäche ausgenutzt und von ihm Besitz genommen.
Stundenlang starrte der Sultan auf sein Reich, vor ihm abgebildet. Dann, wenn der Zorn ihn übermannte, schlug er wütend auf ein Dorf ein und zerstörte es. Ohne zu zögern ritten die Soldaten aus und überfielen das Dorf. Sie zerstörten, sie mordeten, sie setzten alles in Brand und kehrten zurück. So zerstörte der König sein Reich, nach und nach. Die Menschen flohen, Aufstände wurden von den Soldaten blutig niedergeschlagen. Das einst wunderschöne und gerechte Reich von Sultan Bilal dem Erhabenen zerfiel.
Ali schreckte auf, als er ein lautes Pfeifen hörte. Eine Rakete schlug in der Nähe ein. Der Boden zitterte. Seine Mutter legte ihre Hand auf das schlafende kleine Kind neben ihr und sprach Gebete aus. Ali und sein Bruder schmiegten sich an ihre Mutter und beide schlossen fest die Augen. Ein Einschlag am Haus, es wurde sehr laut und das Licht der Laterne erlosch.
Als Ali die Augen wieder öffnete, schien die Sonne ihm ins Gesicht. Es fühlte sich nass an. Langsam konnte er Konturen erkennen. Mehrere junge Frauen hatten sich um ihn versammelt. Als sie bemerkten, dass Ali wieder zu sich kam und nach Luft schnappte brach unter den jungen Frauen ein Jubel aus. „Der kleine Prinz ist am Leben. Er ist wieder aufgewacht. Gelobt sei der Schöpfer und sein geliebter Prophet!“.

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