Auszug aus dem Leben eines Mädchens (15)

von claire brady
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Patrick und ich saßen noch eine Weile auf der Mauer. Er wusste alles über mich, immer wenn wir uns schrieben kotzte ich mich über alles aus. Er war der einzige, der jedes Detail von mir kannte und auch der einzige dem ich blind vertraute. Er trug nie irgendwas weiter und baute mich immer wieder auf. Er sagte mir immerzu wie stark ich sei, wie viel scheisse ich fressen musste und doch immer wieder Aufstand.

Es wurde kälter, je später die Stunde schlug. Ich zitterte ein bisschen und Patrick gab mir seinen Pullover. Er schaute mir tief in die Augen und wusste direkt ich war wieder im Meer meiner Depressionen gefangen. Er nahm mich in den Arm und sagte ich solle aufhören so verzweifelt nach liebe zu suchen, sie sei genau vor meiner Nase und ich würde sie nur nicht sehen. Dieser Satz hat was in mir ausgelöst. Ich begann zu weinen, ließ alles raus und dachte mir nur „wo denn?? Ich bin nur gut zum benutzen und abschieben, wenn man genug von mir hat!“ Ich sprach es nicht aus, wollte einfach auf andere Gedanken kommen und fragte wie es ihm die letzten Jahre erging.
Patrick erzählte mir, dass er in einer neuen Beziehung ist. Er ließ sich damals von seiner Frau scheiden, war aber nicht lang allein. Verständlich bei so einer guten Seele, wie er es war. Ich wollte wissen wie sie war, nicht wie sie aussah, das interessierte mich in dem Moment nicht. Ich wollte nur wissen ob sie gut zu ihm war. Er lächelte mich an und sagte ich solle mir keine Sorgen machen, mir würde keiner das Wasser reichen können. Ich zog die Augenbraue ungläubig hoch, natürlich dachte ich, dass das ein Versuch war mich aufzumuntern. Ich legte darauf nicht viel Wert.

Sie war jedenfalls sehr gut zu ihm. Sie kochte, ging arbeiten, war lustig und liebevoll. Das freute mich für ihn, es machte mich immer glücklich, wenn Menschen die ich liebte, zufrieden sind. Ich fragte ob sie nichts dagegen hätte, dass er so lange mit mir dort saß und mir sein letztes Geld gab. Wieder grinste er und meinte sie wisse nichts von mir. Das sollte auch so bleiben, denn ich war für ihn besonders. Er sagte ich sei sein tief im Herzen verankertes Geheimnis und noch nicht reif es mit der Welt zu teilen. Mein schlechtes Gewissen gegenüber seiner Freundin, ließ ihn mich nach Hause schicken. Ich bedankte mich für alles, gab ihm seinen Pullover zurück und verabschiedete mich. Er bat mich nicht wieder jahrelang von seiner Bildfläche zu verschwinden, das würde er kein zweites mal schaffen.

Wieder zu Hause angekommen, versuchte ich irgendwie das zu verarbeiten. Wie konnte ein Mensch, der die meiste Zeit imaginär für mich war, so viel für mich übrig haben. Wie konnte er so viel über mich wissen und doch nicht hassen? Wollte er wirklich von mir hören oder war das alles einfach nur Mitleid ? Bei den vielen Fragen die ich mir stellte schlief ich ein. Morgens kurz nach meinem ersten Kaffee, blinkte mein Messenger. Patrick schrieb mir ob alles ok sei. Was dachte er? Ich würde mir schon nicht das Leben nehmen. Ich antwortete nur mit „ja“ und machte mich fertig für die Arbeit.

Ich arbeitete jetzt als Security bei einer großen Modekette. Es war kein sehr anspruchsvoller Job. Rumstehen und gut aussehen waren meine Hauptaufgaben, aber es war besser als von irgendwem abhängig zu sein. Nach Feierabend klingelte mein Handy. Liz rief mich an. Ich freute mich und dachte sie würde einfach nur hören wollen, wie es mir geht. Der wahre Grund für ihren Anruf war aber, dass sie mich aus der Wohnung schmeißen wollte. Sie wollte mit dieser Stadt und dem Kapitel ihres Lebens abschließen. Es lief gut mit ihrer neugewonnenen Liebe. Sie hatte es geschafft. Ich war wohl nur jemand, der die Wohnung halten sollte, falls es mit dem neuen doch nichts werden würde. Sie setzte mir eine Frist von drei Monaten um die Wohnung zu räumen. So langsam glaubte ich eine höhere Macht will mich am Boden sehen. So stand ich vor vollendeten Tatsachen und musste schleunigst etwas neues finden…

To be Continued…

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