ZONE A

von Christian Heynk
Mitglied

Zone A der Palästinensischen Autonomiebehörde umfasste die städtischen Ballungsräume Ramallah, Nablus, Bethlehem, Jenin, Kalkilya und Tulkarem. Bis Ende Dezember 1995 hatte sich die israelische Armee aus den genannten Städten zurückgezogen.

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Es mutet wahrlich wie ein Klischee an, aber die Idee, Kriegsphotograph zu werden, geht tatsächlich auf die Lektüre eines Bildbandes über Robert Capa zurück. Ich war fünfundzwanzig Jahre alt, Student an der Universität in Bologna, und in der Bibliothek fiel mir rein zufällig dieser Bildband in die Hände. Die Schwarzweißphotographien des Spanischen Bürgerkrieges übten einen unwiderstehlichen Reiz auf mich aus, und diese Mischung aus Ästhetik und Dokumentation geht mir seither nicht aus dem Kopf. Capa war in einem gewissen Sinne ein begnadeter Künstler, denn er hatte ein Auge für das, was Cartier-Bresson so treffend als den „entscheidenden Augenblick“ definierte. Capa machte Momentaufnahmen vom Krieg, die gleichzeitig eine gewisse Landser-Romantik als auch eine bestimmte Verachtung für den Krieg erkennen lassen. Das Photo Soldaten in einer Furche (1948), auf dem Soldaten zu sehen sind, die beim Angriff der ägyptischen Luftwaffe auf eine israelische Siedlung an der Küste 1948 Schutz in einer Furche suchen, ist ein Beleg dafür. Denn einerseits graben sich vier Männer wie Maulwürfe in die Erde hinein, schlängeln sich wie Schlangen durch die Furche, doch andrerseits ist hinter diesem tierisch anmutenden Gebaren auch eine militärische Entschlossenheit und Taktik zu erkennen, die dem Betrachter des Photos Respekt abnötigt. Auch wenn die vier Soldaten in der Furche mich ein wenig an die Kriegsspiele aus meiner Jugend erinnern, so ist doch die Verbundenheit, die unter diesen Männern herrscht, etwas Schönes. Sie stehen gemeinsam gegen den Feind, sie sitzen alle auf Gedeih und Verderb in einem Boot, und sollten sie sterben, dann sind sie für dieselbe, aus ihrer Sicht natürlich gute Sache gestorben. Im Grunde genommen machen Capas Photos nicht selten die Aussage, dass wahre Freundschaft unter Männern nur im Krieg entstehen kann, was ich für einen nicht unwichtigen Punkt bezüglich der Glorifizierung eines Krieges halte. Wenn ich die Photos von der Intifada betrachte, die ich selber geschossen habe, dann kann man zu einem ähnlichen Schluss kommen, wie man ihn angesichts der Photos von Capa ziehen kann. Aber nein, das ist anmaßend, ich kann meine Photographien nicht mit denen des Meisters vergleichen.

Eins meiner Photos aus jüngerer Zeit ist auch nicht aufgrund seiner ästhetischen Schönheit, sondern aufgrund seiner politischen Zwiespältigkeit zum Stein des Anstoßes geworden. Das Photo zeigt einen jungen Palästinenser, der vor dem zerbrochenen Fenster einer Polizeistation in Ramallah steht. Vor dem Fenster steht eine jubelnde Menge aus jungen Männern, von denen einige die Hände in die Höhe gereckt haben, um zu klatschen. Der junge Mann im Fenster trägt ein weißes T-Shirt, und reckt die Hände ebenfalls in die Höhe. Sein Gesichtsausdruck verrät, dass er irgendetwas ausruft, einen Jubel oder einen Freudenschrei. Er lacht nicht, aber sein Gesicht zeugt von Aufregung. Das Auffälligste an diesem jungen Mann sind die Hände. Der junge Palästinenser zeigt seine Handinnenflächen dem Publikum, das vor dem Fenster steht. Die Handinnenflächen sind blutüberströmt. Das rote Blut, in dem der junge Mann seine Hände gebadet hat, setzt sich deutlich von der weißen Farbe seines T-Shirts ab, ebenso, wie es sich von den hellen Farben des ganzen Photos abhebt. Die Aufmerksamkeit des Betrachters gilt automatisch diesen Händen, denn sie zeugen von der Bluttat, für die das Photo den Beweis liefert. Hinter dem jungen Palästinenser, der am Fenster steht, erkennt man nichts. Der Raum, in dem der junge Mann steht, ist dunkel, man sieht weder die Menschen noch die Möbel, die sich vielleicht in diesem Raum befinden. Aber die blutüberströmten Hände dieses jungen Mannes lassen den Betrachter des Photos Böses ahnen. Denn in diesem Dunkel, so schlussfolgert der Betrachter, muss der Grund für die blutüberströmten Hände des jungen Palästinensers zu finden sein. In diesem Dunkel muss sich etwas Blutendes befinden, denn der junge Mann ist scheinbar unverletzt, das Blut an seinen Händen gehört offensichtlich einer anderen Person. Der Tod oder zumindest die blutende Verletzung dieser anderen Person wird offenbar von der Menge begrüßt, was bedeutet, dass es sich um einen Feind dieser palästinensischen Menge handelt. Die Unordnung, die das Bild vermittelt, und die Abwesenheit jeglicher uniformierter Leute lässt darauf schließen, dass es sich bei diesem Photo um die Beweisaufnahme einer konzertierten Aktion von gewöhnlichen palästinensischen Bürgern handelt, die in einem Akt der Selbstjustiz das Recht zu Töten usurpiert haben.
Natürlich kenne ich den Kontext des Photos, was eine jungfräuliche Herangehensweise an das Bild erschwert. Auch der Daily Express aus England sah dieses Photo nicht als das, was es war, nämlich (nur) ein Photo, sondern als den Beginn eines erneuten israelisch-palästinensischen Kriegs. Das Blatt kaufte mein Photo und setzte es am nächsten Tag, am 13.09.2000, in die Zeitung und schrieb darunter: BLOOD ON HIS HANDS – Will this Palestinian boy spark a new wave of slaughter in the Middle East?

Die Palästinenser hatten sehr schnell herausgefunden, dass das Photo, obwohl es zuerst in einer englischen Zeitung erschienen war, von mir, also einem italienischen Journalisten gemacht worden war. Daraufhin nahmen die Drohungen der Palästinenser, die schon in dem Moment, als ich auf den Auslöser gedrückt hatte, verängstigend brutal gewesen waren, noch an Schärfe zu. Man warf der italienischen Presse, und damit indirekt mir, die Diabolisierung des palästinensischen Volkes vor, und behauptete, dass Photo sei eine aus dem Kontext gerissene Momentaufnahme, die in keiner Weise die wahren Ereignisse an jenem Tag in Ramallah wiedergäbe. So, als gäbe es an diesem Photo noch jede Menge zu deuten, und als könnte sich das mordlüsterne Gehabe dieses Lynchmobs als ein ganz dummer Irrtum herausstellen. Jedenfalls fühlte sich das staatliche italienische Fernsehen so sehr in die Ecke gedrängt, dass es sich gezwungen sah, beschwichtigend auf die palästinensische Autonomiebehörde einzuwirken. Da ich freiberuflicher Journalist bin, und da auch das anwesende Kamerateam, das das ganze Ereignis gefilmt hat, für keinen staatlichen Sender arbeitete, entschloss sich das staatliche italienische Fernsehen, allen voran der Chef von RAI, dazu, uns indirekt als wilde Journalisten zu bezeichnen, die, anders als das staatliche Fernsehen, nur an Grauen und Blutvergießen interessiert sind, nicht

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