Übers Kino: Filme aus dem Jahr 2015 - Page 12

Bild von Klaus Mattes
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Wokalek, Pallaske, Herfurth, Haberlandt, Schwarz, Schüttler, Roche, Tezel - humorvollste Mutter-Girls an der Hand von schwer erziehbaren Hampelmännchen. - - - Schade war aber sehr, dass „Wir sind jung. Wir sind stark.“ seinen richtigen Starttermin nicht fand. Er lief im Frühling und hätte so toll in den Spätsommer, zum Höhepunkt des deklamierten Abscheus vor dem Mob in Heidenau (bei Dresden) gepasst, einige gute Laufzeitwochen vor den Tag, als einigermaßen zurechnungsfähige CDU-Wähler von einem wohl doch ratsamen Merkel-Rücktritt zu schwatzen anfingen. Allerdings bedeutet der Mut des selbst über afghanische Wurzeln verfügenden Schwaben Burhan Qurbani nicht automatisch, dass „Wir sind jung. Wir sind stark.“ ein grandioser Film gewesen wäre. Er ist vielmehr ein fast gescheiterter. Das liegt daran, dass Qurbani einerseits fair sein und einen Film für junge Kinogänger, nicht für nachhaltig pädagogisierte grüne Fernsehspielschauer zu machen probierte. Vor die Brände in der Nacht legt er den langen Vorlauf am Nachmittag und filmt ihn aus der Kameradenperspektive, also der der nachmaligen Täter. Zwar werden auch ein paar Vietnamesen gezeigt, die am Ende fast zu Tode kommen, aber anscheinend hatte Qurbani selbst nicht recht kapiert, in welchen Zug er eingestiegen war. Die Zornausbrüche und Kommunikationsunfähigkeit zu Hause bei ihren Eltern, die nachmalig fast an allem schuld sind (so ähnlich kam das gegen Ende Jahr wieder in „4 Könige“): „Liebe Eltern, habt doch ein Einsehen! Ihr müsst eure Kinder ganz unverstellt lieb haben, sonst werden sie zu Extremisten!“ - Äh, wo war ich? - Okay, wart - also diese dysfunktionalen Familien, die sind immer eine Zutat von Halbstarkentragödien gewesen. Man denke an James Dean! Das holt jeden Zuschauer ab bei seinem halb vergessenen pubertären Unverstandensein. Dann tut man die erste große Liebe hinzu, so Qurbani dann ebenso, also fühlt das Publikum mit diesen Jungen, die nur ein wenig „Action“ haben wollten - in einem kalt erwachsenen und somit versteinerten Land. (Steinmeier, Steinbrück, Gabriel, Gauck, Seehofer, Schäuble, jeder von uns weiß, was gesteint ist.) Die aber sind im Film ja die gewalttätigen Rechtsaußenjugendlichen! Während es bei den Vietnamesen nur um Peanuts wie die Stundenlöhne in der Wäscherei geht! (Allemal Peanuts in Neoliberalistan, wo keiner, der Filme bespricht, je nach Stunde Mindestlohn bezahlt worden ist.) Qurbani schnitzt den Randalierern von Rostock ein kraftvolles Jungrebellen-Melodram. In welchem, angeblich, James Dean total auf dem Holzweg ist. Es hakt dann irgendwie, wie man sich vielleicht vorstellen kann.

Ich und Kaminski
Wolfgang Beckers Berlinfilm „Das Leben ist eine Baustelle“ von 1997 und seine DDR-Nostalgie-Komödie „Good Bye, Lenin!“ 2003, in der auch schon Daniel Brühl spielte, schienen in eine Phase der Neugeburt des deutschen Films zu fallen, die dann aber nicht stattgefunden hat, auch in Beckers Werk nicht noch mal. Als kauziger Onkel mit einem hübschen Spielwarenladen kehrte der 61-Jährige zurück. „Ich und Kaminski“ ist genau dieser eine unter den leidlich intelligenten, leidlich unterhaltsamen Romanen Daniel Kehlmanns, dem man das darin enthaltene Drehbuch schon immer angesehen hatte. In Buch und Film drängt sich ein ungepflegter, gefühlloser, eitler und unlauterer Zeitungsmann in das Leben eines ziemlich alten und hinfälligen Malers, des Jahrhundertkünstlers Kaminski, der angeblich seit Jahrzehnten nichts mehr geschaffen hat, weil er erblindet ist. Der journalistische Ganove Zöllner will sich kurz vor dem Tod des Greises die Exklusivverfügungsgewalt über Kaminskis Leben und Biografie unter den Nagel reißen. Ist der Alte dann tot und Legende, wird der junge Mann, ein Nichts eigentlich, als „letzter Vertrauter“ von dessen Ruhm zehren. Leider haut das alles nicht hin. Kaminski ist ein durchtriebener Trickster, der möglicherweise schon immer die Kunstwelt an der Nase herumgeführt hatte und offenbar alles andere als blind. Außerdem befindet er sich unter der Fuchtel seiner Tochter, aus deren Reichweite, den Schweizer Alpen, muss Sebastian Zöllner ihn entführen. Und, das ahnt er aber noch nicht, sein ärgster Konkurrent auf dem Kunstbuchmarkt hat einen Exklusivvertrag mit Kaminski bereits in der Tasche. Während der Autofahrt durch halb Europa, im Buch nicht gebunden an wiedererkennbare Orte, im Film hinreichend, Tourismuswerbung für einige Landstriche der beteiligten Koproduktionsländer ins Bild zu setzen, französisches Moseltal, schließlich die flandrische Ebene, freunden sich die beiden Schwindler, Kaminski und Zöllner, an, legen sich weiterhin aber auch herein.
Mit einigem Aufwand umgibt Wolfgang Becker das fiktive Malergenie mit gefälschter Real-Foto-und-Film-Footage sowie Bezügen zu Künstlern wie Picasso, Max Ernst, Dali, Magritte und Warhol. Fein gemacht ist das alles. Aber es fehlt jede Radikalität, die im Buch angelegte Kälte und satirische Härte gegenüber Scharlatanen, die für Ruhm und Reichtum ihr Publikum täuschen, auf diese zwei, zwar nicht perfekten, aber doch vom Zuschauer gemochten Protagonisten auszudehnen. Es soll eben ein Road- und Buddymovie nach US-Vorgaben werden. Dafür ist es dann aber zu wenig spektakulär: die Häuschen in Lothringen und an der Nordsee, das Wiedersehen mit der Filmdiva Geraldine Chaplin, die eine längst anderweitig glücklich gewordene einstige große Liebe Kaminskis verkörpert. Vor allem wird die Fallhöhe bei beiden Protagonisten nicht anschaulich, die Spannung zwischen der jeweiligen selbstgewählten Verbohrtheit und einer Rettung, die ihnen die unwahrscheinliche Männerfreundschaft nun geben könnte. Kaminski findet sich ab damit, dass er nie wieder lieben wird, Zöllner damit, dass er jetzt also doch nicht berühmt wird. Das war’s dann. Ein guter Film, technisch womöglich der beste aus dem Deutschland des Jahres 2015, aber keiner, an den man hinterher öfters noch denken muss.

Im Sommer wohnt er unten
„Im Sommer wohnt er unten“. Nämlich in Südwestfrankreich, in der Nähe von Bordeaux, im Sommerhaus der Familie. Titel und Plakat hätten ruhig etwas besser sein können. Und der Trailer auch. Der traut weder der Intelligenz dieses Filmemachers noch der des deutschen Kinogängers so ganz, glaubt, uns mit kitschigen Tapetenmustern, verpeilten Männern und betont unernster Musik vormachen zu müssen, dass es sich um eine Klamotte handelt. Dabei hätte Tom Sommerlattes Film wirklich nichts mehr gewünscht, als von der professoraler Meisterhand eines Eric Rohmer zu stammen. Das Prinzip deutscher Komödien ist oft, dass einer sich allen anderen überlegen fühlt und nun ins Lachhafte abstürzt. Das französische Konversationsstück, wie es bei „Im Sommer wohnt er unten“ Pate steht, schickt seine Protagonisten in eine durch ihre Lockerheit zum Sich-gehen-Lassen animierende gesellschaftliche Situation, wo nun erotische Kräfte zu arbeiten beginnen. Kurz scheint auch das Bizarrste denkbar,

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