Die letzten Erinnerungen des Todes

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Als die Sonne aufging und die Gräser auf den Wiesen sich mit großer Mühe gegen den Tau drückten und der Wind sich von seiner rastlosen Nacht zu erholen schien und sich um das freistehende Haus schlich, stand er ermüdet vor dem Gartentor. Zögerlich schnitten die Sonnenstrahlen Schatten aus Licht auf die Wiese. Ermüdet von seiner unendlichen Reise sind seine Schritte bewusst gewählt und voller Kraft. Als würde unter seinen Füßen die Erde beben und sich kurz zusammenziehen, innehalten.
Noch ein paar Sekunden wollte er sich gönnen, bevor er die Stufen der Veranda hinaufstieg und vor der Haustür stehenblieb. Selten war er so zögerlich beim Betreten eines Hauses wie an diesem Morgen. Ein komisches Gefühl stieg in ihm empor. War es Trauer? Aber das konnte nicht sein, er durfte solche Gefühle nicht haben. War es ein innerer Widerstand, der ihm verbieten wollte in das Haus zu treten, angetrieben von der Befürchtung wieder einmal nicht willkommen zu sein?
Doch dann betrat er das Haus und sog die Stille in sich. Eine angenehme Stille, der schwere Geruch vom modrigen Holz hing in der Luft. Familienfotos in goldenen Rahmen hingen an den Wänden. Er betrachtete sie alle einzeln. Wohlwissend, dass er sich bald an keines der Gesichter erinnern würde. Zu viele Gesichter waren an seinem Auge vorbeigehuscht, zu viele Namen hat er in den Räumen rufen und schallen vernommen.
Kommt irgendwann der Punkt einer Existenz, an der man Erinnerungen so dicht angesammelt hat, dass sie einem keinen Mehrgewinn mehr bringen? Alles verschmilzt mit einander und es fühlt sich an, als gäbe es keine Erinnerungen mehr. Die Nuancen gehen verloren, die Farben verschmelzen zu nur einer Farbe. Die Orte und Räume verschachteln sich, ergänzen sich, nehmen sich gegenseitig ein und werden zu einem Ort ohne erkennbare Züge, die keine bestimmte Zuschreibung zulässt.
Doch wenn das alles passiert, wenn die Erinnerungen uns zu dem machen was wir sind ? Wenn Erinnerungen uns helfen uns zu erkennen, wenn sie eine Realität schaffen, wenn sie uns schaffen, was war dann mit ihm? Einem Wesen ohne Erinnerungen? Kann es sowas überhaupt geben? Gab es ihn überhaupt? Hat er jemals mit einer Person oder einer Gestalt gesprochen? Sich über seine Gefühle und Erwartungen unterhalten?
Wie ist er denn entstanden? Wie wurde er zu dem was er nun ist? Aber viel wichtiger noch, wer oder was ist er? Die Familienbilder entlang der Wand an der Treppe hinauf in das Schlafzimmer, die Kinder und Eltern und Freunde, abgelichtet und verewigt in wunderschönen Rahmen. Hatte er jemals eine Familie? Gab es Momente, wo er sich wahrgenommen und als einen willkommenen Teil akzeptiert gefühlt hatte? Dazugehören, ja das Gefühl fehlte ihm. Ein Gefühl, dass sich schwer in Worte fassen lässt. Geachtet, akzeptiert zu werden, das wollte er. Aber wieso jetzt? Und was sollte ihm das eigentlich bringen? Die ganze Welt lag ihm zu Füßen, es gab kein Ort auf dieser Welt, den er nicht gesehen hatte. Gefühle oder körperliche Bedürfnisse kannte er bislang nicht. Wieso hatte er gerade in diesem Moment solch eine Sehnsucht danach? Oder ist das nur Neugier? Er überlegte und widersprach seinen Gedanken. Neugier kannte er. Als er das erste Mal in einer Raumsonde oder in einem U-Boot war. Es musste was anderes sein, etwas bislang in ihm Verborgenes. Doch er konnte sich nicht daran erinnern. Egal wie sehr er sich Mühe gab und es versuchte. Irgendein Hindernis in der Welt seiner Gedanken, ein großer Wall, warf ihn immer wieder zurück.
Bevor die wirren Gedanken in seinem Kopf überhandnahmen blieb er stehen, schüttelte alles von sich ab und schaffte eine geordnete Leere in seinem Kopf. Das Gefühl von Sicherheit überwältigte ihn. Ein brüchiges Gefühl, das spürte er.
Er betrat das Schlafzimmer. Die Morgensonne schien an Kraft gewonnen zu haben. Der Raum war angenehm warm und Licht durchflutet. Ein großes Bett aus Eiche, darin eine alte Frau mit zwei schneeweißen Zöpfen, die ihr über beide Schultern lagen, eine dicke Decke aus weißem Stoff mit bestickten Rändern. Zwei Frauen mittleren Alters saßen an ihrem Bett. Es schien eine anstrengende Nacht gewesen zu sein. Die Müdigkeit war ihnen anzusehen. Die Uhr auf dem Nachtschrank meldete sich im Sekundentakt und störte die Ruhe im Raum.
Tief seufzte er und nahm die Gestalt eines gut aussehenden jungen Mannes mit blonden Locken und eisig blauen Augen an. Der Mann, der auf eines der Bilder im Flur zu sehen war. Der dunkle, zerfranste Mantel an seinem Leib verwandelte sich in einen edlen, maßgeschneiderten Anzug. Das passierte immer, wenn er ernten geschickt wurde. Er konnte das nicht kontrollieren. Doch diesmal fand er gefallen an seinem neuen Aussehen.
Er schritt ans Bett und betrachtete die alte Frau. Jeder Atemzug schien ihr schwer zu fallen. Zögernd schob sie ihre Pupillen hoch und musterte den fremden Besucher, der ihr aber doch nicht so fremd zu sein schien. Sie lächelte, ihr Gesicht erstrahlte kurz auf. „ Wo warst du gewesen? Lange hast du mich warten lassen“ seufzte sie mit einem wohlwollenden Lächeln. Ihr Zeigefinger bewegte sich in seine Richtung. Dann schloss sie wieder die Augen, atmete zweimal sanft ein und aus und hörte auf da zu sein. Als er das Haus verließ, empfing ihn ein strahlend sonniger Tag. Diesmal hatte er sich nicht zurück verwandelt. Er mochte seinen neuen Körper, den passend sitzenden Anzug an ihm. Das Blau seiner Augen wurde im hellen Licht intensiver.
Am Gartentor standen zwei Gestalten. Sie waren gekommen um ihn zu holen. Das wusste er. Irgendwann sollte auch seine Zeit zu Ende gehen. Im Körper des jungen Mannes und mit einem stolzen Blick lief er zu den zwei Gestalten.
„Du hast stets gute Arbeit geleistet“ sagte einer der Gestalten. Er schloss sich den beiden Gestalten an und sie verschwanden zwischen den Bäumen.

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