Das indische Pentagramm/4

von Jürgen Skupniewski-Fernandez
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Es war bereits nach 15.00 Uhr als Maurice Bertrams Handy ihn mit sirenenartigen Geräuschen aus den Gedanken riss. Er zuckte kurz zusammen: „Mon Dieu, dieser Klingelton passt aber gar nicht zur aktuellen Situation!“

Er nahm das Handy vom Tisch und meldete sich ohne seinen Namen zu nennen mit einem fragenden: “Oui?!“ Ein Beamter von der Polizeistation Abercombi aus Port Louis war am anderen Ende. Man wolle ihn gegen 16.30 Uhr zur Befragung nach Port Louis abholen. „Ok!“, antwortete Maurice, „Ich halte mich zur Verfügung und warte dann auf Ihren Beamten“.

Maurice Bertram war ein sportlicher und ruhiger Typ. So einer, von dem man annahm, dass er immer die Übersicht behielt und seine Emotionen sehr gut im Griff hatte. „Du bist der geborene Diplomat“, hatte Veronique zu ihm öfters gesagt. „Bei Dir haben leider meine Emotionen vollkommen versagt. Sie sind einfach mit mir durchgegangen; schon im ersten Moment, als ich Dich im Café an der Waterfront sah“, antwortete er ihr darauf hin und zog sie an sich. Es waren schöne Momente, dachte er bei sich; erhob sich aus dem Rattansessel, ging in die Küche, füllte ein Glas mit Eiswürfeln und goss sich einen weiteren Pastis ein.

„Leider!“, protestierte Veronique und setzte ihren verführerischen Körper dabei voll in Szene. Er konnte Veroniques herausforderndes „Leider“ nie vergessen. Raffiniert hatte sie ihn im Café vor zwei Jahren um den Verstand gebracht. Sie saßen sich gegenüber. Veronique hatte ihn sofort wahrgenommen und beobachte ihn ganz dezent aus unmittelbarer Nähe. Ihr Blick wanderte von seinem braunen, leicht nach hinten gekämmten Haar, hielt an seinen blaugrünen Augen fest, schweifte weiter über seine aristokratische, feine Nase, hin zu seinen kräftigen Lippen. Seine Zornesfalte und die Fältchen an den Mundwinkeln waren so etwas wie ein Charakterstempel für sie. Sie schätze ihn auf 1,90 mtr. und Ende vierzig. Wie sich später herausstellte, lag sie mit ihrer Vermutung gar nicht so falsch.

Maurice bemerkte ihr Interesse sofort. Er hatte einen guten Radar für so was und war sehr empfänglich für diese Art von „scannen“. Dann plötzlich trafen sich ihre Augen. Veronique ging nun voll zur Eroberung über und setze von vorn herein auf Sieg. Sie führte ihre weiße Kaffeetasse behutsam zu ihrem leuchtend, roten Lippenpaar. Er folgte mit sinnlichen Blicken ihrer kleinen Aktion. Dann drückte sie ganz langsam ihre Lippen aufs weiße Porzellan, sodass das Rouge einen kräftigen Abdruck hinterließ. Dabei fragte sie ihn: „Trinken Sie auch so gerne Café?“ „Ja, sehr gerne“, antwortet er, „besonders wenn die Tasse so schön bemalt ist“. Daraufhin lachten beide. Maurice stand auf, sie erhob sich, beide stellten sich einander vor und bestellten zwei Gläser Weißwein.

Maurice seufzte: „Und jetzt ist sie tot, ermordet unter so mysteriösen Umständen“, dachte er. Er merkte gar nicht wie die Zeit verging. Es klopfte an der Haustür. Er schaute auf seine Armbanduhr. Es war Zeit, die Beamten kamen um ihn abzuholen.

Die drückende Schwüle hatte etwas nachgelassen und eine leichte Brise brachte wohltuende Erleichterung. Erst vor Wochen zog ein heftiger Zyklon über Mauritius Küsten hinweg und führte sehr viel Regen mit sich was auch Einfluss auf die hohe Luftfeuchtigkeit nahm.

Den langgestreckten, einstöckigen Bungalow der Abercombi Polizeistation bedeckte ein Walmdach aus blaugrauem Schiefer. Die hohen, weißgefassten Fenster hoben sich vom grauen Backstein ab. Ein Vorbau, gestützt von runden hölzernen Pfeilern, überdachte den Haupteingang. Diese waren ebenfalls weiß angestrichen. Eine umlaufende hölzerne Galerie im ersten Stockwerk unterstrich die typische Bauweise des 19. Jahrhunderts. Hinter dem historischen Backsteingebäude standen zwei mächtige, schattenspendende Karpok Bäume. Ein Kreole in kurzen Hosen wischte mit einem Mopp, ohne sich dabei zu verausgaben, die vorgelagerte Veranda und rauchte dabei genüsslich eine Zigarette. Ein dunkelblaues Polizeifahrzeug, Mannschaftswagen, stand rechts vor dem Gebäude. Es trug an beiden Türen das staatliche Polizeiemblem. Vier Polizisten standen angelehnt am Fahrzeug und unterhielten sich.

Der begleitende Beamte öffnete Maurice die Fahrzeugtür und wies auf den Haupteingang. Er winkte zu den vier Beamten hinüber und rief einen Namen. Der angesprochene Polizist kam auf sie zu. „Mein Kollege begleitet Sie jetzt zum Büro von Chefinspektor Francis Laurent, M. Betram“. „Bonjour Monsieur“, begrüßte er Maurice. „Bitte, folgen Sie mir!“. Maurice nickte und folgte dem Beamten ins Polizeigebäude……….

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