Schwarzer Valentinstag – Teil 30

von Angélique Duvier
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Seit Crystal ihr wahres Gesicht gezeigt hat, wache ich an manchen Tagen mit einem Gefühl auf, als würde mir mein Leben nicht mehr passen, wie ein paar Schuhe, das mich zwickt, weil es eine Nummer zu klein für mich ist.
Was sie mit uns treibt, ist so erbärmlich und gnadenlos.
Mir ging es seit einiger Zeit nicht gut, irgendetwas stimmte mit meinem Blutdruck nicht, er war trotz Betablockern extrem hoch, also suchte ich meinen behandelnden Internisten auf, er meinte: „Wir lassen die Medikation vorläufig so wie sie ist. Messen Sie alle zwei Stunden Ihren Blutdruck und faxen Sie mir die Ergebnisse nach einer Woche zu, ich melde mich dann bei Ihnen.“ Nach einer Woche schickte ich ihm wie besprochen die Liste mit meinen gemessenen Werten, sie waren alarmierend hoch.
Etwa zehn Tage danach rief er mich an, da ich nicht zuhause war, hinterließ er mir eine Nachricht auf der Mailbox:
„Ihre Werte sind wunderbar, ich bin sehr zufrieden!“
Ich dachte: „Das kann doch wohl nicht wahr sein, er hat scheinbar die Tabelle verwechselt, oder überhaupt nicht durchgesehen, denn 210 zu 105 oder 195/120 kann doch wohl schwerlich in Ordnung sein, alles was im oberen Bereich über 139 und im unteren über 90 ist, ist zu hoch, Vorsicht ist ab 180 oben und 100 unten geboten, wie kann er sagen, er wäre zufrieden?“
Ich beachtete meine Werte also nicht weiter, zumal es inzwischen meiner Mutter auch nicht gut ging, sie litt unter Magen- und Darmbeschwerden, bekam Tabletten verschrieben und Tropfen, aber es wollte einfach nicht besser werden, als es nach vier Wochen noch immer unverändert gewesen ist, brachte Michael, ihr Nachbar, sie ins Krankenhaus, wo sie gründlich untersucht wurde, nach zwei Tagen wurde sie ohne Befund wieder nach Hause entlassen.
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Inzwischen schickte Crystal weiter infame Lügengeschichten an das Gericht, offen gestanden wusste ich nicht, was sie damit bezwecken wollte, außer meine Mutter in ein schlechtes Licht zu stellen. Aber warum, sie erfand irgendwelche absurden Geschichten, wonach meine Mutter eine Freundin ihrer Mutter gewesen sein sollte und diese angeblich so in meinen Vater verliebte (und zudem angeblich von ihm hochschwangere) Dame betrogen haben sollte, indem sie ihr den Vater ihres noch ungeborenen Kindes weggenommen hätte, so das diese dann verzweifelt zu ihren Eltern in den Schwarzwald geeilt sein sollte.
Wir regten uns darüber sehr auf, denn wie konnten wir uns gegen derartige Verleumdungen wehren? Tatsache war, dass nicht einmal mein Vater etwas von der Schwangerschaft wusste, da sie sich nur zwei Mal getroffen hatten und sie plötzlich verschwunden gewesen ist, mein Vater hatte auf sie gewartet und nach ihr gesucht. Meine Mutter ist dieser Frau niemals begegnet, sie kannten einander nicht, wie sollte sie ihr da den Mann oder Liebhaber ausgespannt haben? Wir wussten, dass diese Dinge reine Hirngespinste von Crystal waren.
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Es war Dienstagnachmittag in der ersten Augustwoche 2016, ich ging auf dem stark bevölkerten Fußweg der Mönckebergstraße, vor den Cafés und Restaurants standen die Touristen, die zu Mittag oder ein Eis essen wollten. Ich nahm den Bus, da es hier mit Parkplätzen schlecht aussah und die Parkhäuser zu dieser Zeit ebenfalls überfüllt waren.
Ich beobachtete die vorübereilenden Menschen. Ein Trio von Teenagern eilte schwatzend und kichernd an mir vorbei. Zwei alte Leute gingen mit schleppendem Gang, während unter ihren Füßen die Kiesel seufzend zu zerbrechen scheinen.
Die Stadt riecht nach Dieselgestank, Parfüm und Deodorant, ab zu zu streift mich auch unangenehmer Schweißgeruch. Ein Mann sieht verstohlen zu mir herüber, dann zwinkert er mir zu, ich ignoriere ihn. Der Himmel bewölkt sich und die Luft wird kühler, so dass es langsam Zeit für mich wird, nachhause zurückzufahren. Im Fahrstuhl begegnet mir Conny, meine etwa gleichaltrige Nachbarin, eine aparte Frau, mit zarter heller Haut und glänzenden blonden Haaren, die auf ihre schmalen Schultern fallen.
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„Hi, wir geht’s?“, fragte sie mich fröhlich,„gibt es etwas Neues bezüglich der Erbschaftsangelegenheit?“, fragte sie mich ehrlich interessiert. „Nein, nichts. Wir müssen jetzt das Gutachten abwarten, einen Notar haben wir noch immer nicht gefunden, überall lange Wartezeiten von drei Monaten und länger, aber ich suche weiter, sicher werde ich einen finden“, gab ich zur Antwort.
„Ich bin sicher, sie will sich an euch rächen, oder ist eifersüchtig auf euch!", sagte Conny nachdenklich. „Worauf sollte sie wohl eifersüchtig sein?“, fragte ich. „Na ja, auf eure Kindheit mit dem Vater, auf eure Mutter, ich weiß ja auch nicht“, schloss sie.
„Da gibt es nichts, im Gegenteil, es ging ihr sicher besser als uns.“
„Ja, aber ihr und eure Mutter seid mit euren Vätern aufgewachsen“, kam es weiter von Conny. „Es kann nicht sein, Conny, dass sie eifersüchtig auf uns ist, denn sie kennt unsere Geschichte und sie hätte sicher nicht mit uns tauschen mögen", gab ich zur Antwort.
„Hast du kurz Zeit? Dann komm doch auf einen Kaffee mit zu mir und erzähl mir etwas über euer Leben", bat sie mich. „OK, ich habe etwas Zeit", antwortete ich und folgte Conny in ihre gemütliche Wohnung.

Teil 31 folgt

© Angélique Duvier

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Kommentare

16. Jul 2017

Diese alten Dinge, Lügen, die Cristal jetzt aufwärmt, haben meines Erachtens eh nichts mit dem eigentlichen Prozessthema zu tun; das Gericht wird diese Behauptungen so oder so ignorieren, wenn nicht gar abweisen, liebe Angélique. Über solche Hirngespinste würde ich mir an deiner Stelle keine Gedanken machen.

Liebe Grüße,
Annelie

16. Jul 2017

Meine Mutter verletzt es allerdings ziemlich. Sie wird morgen- 17.07.2017 - 90 Jahre alt und muss sich so grämen, dass hat sie wirklich nicht verdient! In der nächsten Folge werde ich ein wenig über das Leben meiner Mutter erzählen, die ein sehr schweres Leben hatte. Dabei ist sie noch heute eine unglaublich schöne Frau, kaum jemand nimmt ihr das hohe Alter ab.
Liebe Grüße,
Angélique

16. Jul 2017

Liebe Angélique, richte deiner Mutter unbekannterweise liebe Geburtstagsgrüße von mir aus und sie möchte sich über die Äußerungen einer "dummen Gans" nicht aufregen. - Dass sie immer noch eine schöne Frau ist, glaube ich dir gern - bei dieser Tochter. - Ich meine mich zu entsinnen, dass sie in einem Heim bzw. Waisenhaus aufgewachsen ist. Mein Vater leider auch. Ich weiß aus seinen Erzählungen, was das bedeutet. Falls ich mich irren sollte und beim Lesen nicht aufgepasst habe, streiche die drei letzten Sätze.

Liebe Grüße,
Annelie

16. Jul 2017

Liebe Annelie, du hast dich nicht geirrt, sie ist in unterschiedlichen Heimen/ Waisenhaus aufgewachsen. Vielen Dank für die Grüße, die ich ihr sehr gern ausrichten werde.
Liebe Grüße,
Angélique

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