Ontologische Einführungen (1)

von Michael Wardemann
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Wenn du kein Gedächtnis hast, dann schreibst du nicht über die Dinge, die dein Leben bewegt haben, über die Dinge, die dich hierher brachten. Das Jetzt ist immer schon Vergangenheit; sobald du dir Gedanken über das Jetzt machst, ist es bereits für immer verschwunden. Wenn ich nach dem "Jetzt" frage, meine ich immer das, was mindestens seit dem Bruchteil eines Nichts Erinnerung ist. Das Jetzt ist eine sehr scharfe Klinge, auf welcher auch nur für eine viertel Sekunde verweilend man sofort zerrissen würde, könnte man auf ihr verweilen. Eigentlich gibt es nur die Vergangenheit und die Zukunft. Aber im Jetzt liegt alles Licht und aller Lärm, alles Leben. Vorher und Nachher sind - Geschichte einerseits und Erwartung andererseits. Dieses unendlich kleine Jetzt ist der einzige Indikator für das Sein. Dieses Jetzt ist der einzige Grund zu glauben, dass du da bist, hier und jetzt. Und wenn du kein Gedächtnis hättest, wärst du nicht da. Nichts würde jemals vor deinem Auge in Evidenz treten, selbst, wenn es da wäre und dich anriefe. Es wäre einfach nicht da, es würde nicht kommen und nicht gehen. Die Seele, so könnte man sagen, entsteht nur durch Erinnerung und Erwartung. Die Seele ist das, was über das Leben insofern hinaus geht, als sie nicht im Jetzt enthalten ist, oder in einer Art Standby verweilt, bis das Erwartete geschehen ist, oder das Geschehene erinnert wurde. Das Jetzt ist also der Schreibkopf, die Seele hingegen das Blatt: Dies ist die Wirklichkeit. Die Wahrheit ist das, was aus der Wirklichkeit hervorgeht: Die Erkenntnis über die Wirklichkeit. In aller Wirklichkeit ist die Kritik enthalten. In der Wahrheit existiert sie nicht. Sie ist Gesetzt. In der Wirklichkeit existiert etwas, was wir den freien Willen nennen. In der Wahrheit existiert nur die Notwendigkeit der kausalen Zusammenhänge der Gegenstände in der Wirklichkeit. Der Kausalnexus zwischen Wirklichkeit und Wahrheit ist deswegen: das Jetzt - eine unendlich kleine Zeiteinheit.
Daraus folgere man nun, dass die Seele ein Produkt der Erinnerung ist. Denn, sobald wir alle Erinnerung verlören, trieben wir wie führerlose Boote willenlos und machtlos durch den Ozean des Raumes und der Zeit, ohne Herkunft und Ziel. Aller Erwartung, die sich aus der Erinnerung bildet, würden wir verlustig. Unser Dasein wäre ohne Bedeutung, sinnlos. Somit ist die Erwartung ebenfalls etwas, was unsere Seele zur Seele macht. Nur ist sie notwendiger Bestandteil unserer Erinnerung. Nehmen wir nun an, dass aus der Erinnerung keine Erwartung hervorginge: Wo stünden wir dann - was wäre dann noch Seele? Auch dies ist undenkbar. Wir verlören alle Menschlichkeit, aus Regung würde schlichte Bewegung. All unser Handeln wäre bestenfalls rein instinktiv. Alles Handeln lässt sich natürlich auch auf mindestens eine bestimmte Erwartung zurückführen. Sonst wären wir auch so ohne Willen, ein nicht reflexes Ding. Erwartung und Erinnerung sind also verbunden durch das Bewusstsein. Ich bin mir über das Jetzt bewusst, indem ich Erinnerung über das Geschehene besitze und die daraus resultierende Erwartung für das Kommende bilde, und dies wiederum kraft meiner Seele. So entsteht ein ständiger, evidenter Kreislauf des Kommens und Gehens: Dies nenne man "Sein".

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