Das Leben - ein dreckiges Hemd

von Manuela Ellrich
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Sie legte sich rücklings ins Wasser, stieß sich mit den Beinen vom Beckenrand ab und ließ sich treiben,
wie ein toter Mann. Beim Schwimmen fühlte sie sich wohl. Vielleicht lag es daran, dass im Wasser alles viel
leichter war. Nicht nur der Körper, der wie schwerelos auf der Oberfläche trieb; auch die dunklen
Gedanken dieser Tage waren leichter zu ertragen, leichter zu denken, als schwebten sie über ihr in
der Luft, und konnten aus einem gewissen Abstand betrachtet werden. Die Gedanken kreisten um
Vergangenes und die Fehler von gestern. Machten die sie klüger für die Zukunft? Insofern schon, dass
sie sicher war, einiges in ihrem Leben ändern zu wollen. Sie fühlte sich ausgehöhlt, ziellos und freudlos.
Sie war nicht wirklich traurig oder depressiv. Jeder, der sie kannte, hätte sie als fröhliches Wesen
beschrieben. Das stimmte auch. Sie selbst war davon überzeugt, als der Humor verteilt wurde, hatte sie
um eine besonders große Portion davon gebeten und sie erhalten. Was steckte sonst noch in ihr drin?
Sehnsucht. Jede Menge Sehnsucht nach einem Sinn für...alles. Sehnsucht nach angeregtem
Austausch mit Seelenverwandten. Doch sie war gefangen im alltäglichen Small-Talk. Gelangweilt von
den netten Plaudereien über das Wetter, den unnötigen Nörgeleien über Preis-Leistungsverhältnisse,
den über die maßen ernsthaft geführten Diskussionen über die enorme Wichtigkeit gut strukturierter
Pläne und den Kanon des "Früher war alles besser" Chores.
Da war noch mehr Sehnsucht: Die Sehnsucht nach Liebe. Nicht nur, sie zu bekommen, auch danach sie
zu geben. Nur wem? Der Mann an ihrer Seite legte mehr Wert auf Funktion als auf Emotion. Mehr auf eine
allgemeine und komfortable Zufriedenheit als auf Glück. Darüber dachte sie oft nach und kam zu dem
Schluss, dass zwischen zufrieden und glücklich eine lange Strecke Sehnsucht lag. Ein langer, weiter
Weg, doch sie stand still. Ihr Leben dümpelte in einer Flaute vor sich hin, so wie sie, in diesem Moment
im glatten, stillen Wasser des Schwimmbeckens.
Noch ein Stoß mit den Beinen - treiben lassen. Mit geschlossenen Augen ließ sie Gedanken-Blasen
steigen, wie man sie aus Comics kennt. Blasen ohne Text, nur mit Bildern:
Eine große schwarze Wolke aus der es dicke Tropfen regnet. Darunter eine traurige Gestalt ohne Schirm,
die mit hängenden Schultern durch den strömenden Regen schlurft. Ein vorbei fahrendes Auto spritzt den
schlammigen Inhalt der größten Pfütze, weit und breit, auf die ohnehin schon pitschnasse Gestalt, die nun
mit traurigen Augen die Flecken auf der Kleidung betrachtet.
Ihre Gedanken-Blase platzte. Genauso sah ihr Leben aus. Wie ein dreckiges Hemd.
Es war an der Zeit zu waschen!

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Für diesen Beitrag ist eine unkommerzielle Nutzung erlaubt, alle Rechte verbleiben jedoch beim Autor/bei der Autorin.

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Kommentare

19. Mai 2017

Ein Text, der in der Tiefe berührt, mit einem schlüssigen Resumee, das nahegeht.
Schade nur, dass in der Präsentation der Lesefluss unangenehm unterbrochen wird ...

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