Die unglaubliche Geschichte vom Vogelmann

von Jürgen Skupniewski-Fernandez
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Er lag seitlich auf dem Rücken und spürte wie mehr und mehr seine Kräfte ihn verließen. Das warme Blut
sickerte aus der schweren Stichwunde seines Bauches; eine kleine Lache sammelte sich auf dem kühlen
Straßenpflaster. Er konnte es ganz deutlich wahrnehmen; diese tiefrote Quelle, die das Leben aus
seinem Körper spülte. Benommen und unfähig sich zu bewegen, versank er in die Tiefen seiner
Gedanken. Er sah sich als kleinen Jungen an jenem magischen See stehen. Und da war diese
bezaubernde schöne Frau, die über das Wasser schwebte. Dieser herrliche zarte, unaufdringliche
Blütenduft den sie verströmte, und dann die von singenden Vögeln erfüllte Luft.
„Ich habe Deinen Auftrag erfüllt“, kam es von seinen Lippen, „Ich habe Deinen
Auftrag erfüllt, Mitra, meine Göttin der Liebe“. Sein Kopf fiel zur Seite, er blinzelte mit den Augen
Richtung Himmel. Plötzlich umgab ihn dieser wohlbekannte zarte Blütenduft. Da stand sie wie aus
dem Nichts entsprungen vor ihm, die Liebesgöttin Mitra. „Du hast der Menschheit die Liebe gerettet,
Vogelmann“, sagte sie sanft, beugte sich über seinen Kopf und hauchte einen Kuss auf seine Stirn. Er
lächelte; dann brach die Nacht herein, seine Augen schlossen sich.

Und so hat alles angefangen:
Vor den Türen majestätischer Berge breiteten sich einst große weite Wälder aus. Fröhlich, frische,
lebendige Gebirgsquellen nährten sie seit Ewigkeiten. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass
alle Bäume vor Gesundheit strotzten und viele, viele hundert Jahre alt wurden. Ihr wahres Alter kannte
kein Sterblicher; es blieb immer ihr Geheimnis. Der See, den die Quellen speisten, lag tief versteckt in den
Wäldern, bewacht von Zweigen uralter, weiser Baumriesen, versteckt. Ihre Wurzeln haben sich
schützend um sein Ufer gelegt, sodass kein Mensch sein Wasser beschmutzen konnte. Vielen Menschen
waren die dichten, dunklen Wälder unheimlich. Die Alten erzählten sich schon lange vor unserer Zeit
Geschichten über Geister, Dämonen und grausige Gestalten, die sie angeblich beherbergen sollen.
Jeder, die sie betrat, wurde nie wieder lebend gesehen.
So hielten sich die Menschen von den Wäldern fern und schauten mit Ehrfurcht auf ihre mächtigen
Kronendächer. Geschützt in einer Bergspalte, der nicht weitentfernten Felsschlucht, lag von hohen
Mauern umgeben, das kleine Kloster. Sein Alter ist unbekannt. Es war, soweit die Bewohner des Tales
zurückdenken können, irgendwie schon immer da. Und es kam auch niemand auf den Gedanken das zu
hinterfragen. Das friedliche Tal, das ein Fluss mit frischem Wasser versorgte, breitete sich fruchtbar
unterhalb vor dem Mauerwerk des Klosters und vor den umliegenden Berghängen aus.
Dreißig Mönche bewohnten das Kloster und alle waren gleichaltrig gewesen. Geburtsjahr, -tag, -stunde
stimmten bei allen Mönchen überein. Nur der sehr alte weise Abt; er hatte schon viele Jahrzehnte
kommen und gehen sehen, er hat ein wohl unendliches Alter erreicht. So ist es denn auch nicht
verwunderlich, dass die Menschen auch über ihn wahre Wundergeschichten erzählen. Seine Weisheit
wird gespeist von den Ahnen vergangener Jahrhunderte. Ja, selbst Gottheiten würden ihn um Rat
fragen, hieß es.
Die Mönche kamen nur sehr selten hinunter ins Tal. Jedoch einmal im Jahr feierten die umliegenden
Dörfer im Tal zu Ehren der Liebesgöttin Mitra ein Fest. Es war ein Erntedankfest.
Mitra war das Sinnbild der Liebe. Sie verkörperte die Liebe zwischenmenschlicher Beziehung, Liebe und
Respekt zu allen Tieren auf Erden, Liebe zum Wasser. Denn wer die reine Liebe der Natur in sich trägt,
ist reinen Herzens, reiner Liebe. Die Menschen bedankten sich bei ihr, dass sie immer ausreichend zu
essen hatten, dass sie glücklich und zufrieden sein durften und die Erde sie mit allem was sie benötigten,
versorgte. Sie schmückten die gewaltigen Luftwurzeln des uralten Ficusbaumes am Flussufer mit bunten
Stoffgirlanden und kleinen Messingglöckchen, die bei jedem Windstoß sich mit fröhlichem Klingeln
bedankten. Für die Dorfbewohner steht der alte Ficus für ein langes und gesundes, respektvolles Leben;
Ehrfurcht vor der Natur.
An diesen ausgelassenen Feierlichkeiten nahmen auch immer alle Mönche teil. Nur der weise Abt
überwachte vom Ufer des Flusses aus das bunte Treiben.

Fortsetzung………….

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