NEUGEBURT

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(habe mir als 2. Geburtsdatum den 13.03.2018 gegeben, dem Entlassungstag aus der Tagesklinik)

Donnerstag, 12.04.2018

Notizen in einem RE-Zug zwischen Monza und Bergamo/tagsüber

MORGENRUNDE

Die tägliche Frage: Wie ist Ihr Befinden? Bitte nicht zu sehr ins Detail gehen. Wir wollen wissen, wie Sie geschlafen haben, wie Sie in den Tag gekommen sind und welche Zahl Sie sich heute geben (Info: 1, ganz beschissen bis maximal zur 10, die einen maximalen Therapieerfolg bedeuten).

Es geht heute im Uhrzeigersinn und glücklicherweise hat sich heute eine weit von mir entfernte Mitpatientin bereit erklärt zu beginnen.

Mir bleibt noch Zeit, mich etwas zu sortieren.

In meinem Kopf plane ich folgende, prägnante Darstellung:

Schlaflos, unglücklich, verbittert, genervt, appetitlos, sexuell unlustig, leer, ausgetrocknet, emotionslos, pessimistisch, langweilig, gelangweilt, freudlos, espritlos, müde, konzentrationsunfähig, unerträglich, jammernd, nicht mehr sehend und hörend, dumm, verblödet, unkreativ, ängstlich, eigentlich Angst vor allem und jedem, schwitzend, stinkend, inaktiv… das wird zuviel.

Noch einer vor mir, das macht so keinen Sinn. Wir sollen uns nur auf das Positive(?) konzentrieren. Macht mehr Sinn, für mich, aber auch für die Morgenrunde.

Bin dran: Beginne mit der Stimmungszahl 4-5 und sage, ich wäre heute etwas später:-) wach geworden, auch wenn mich die dunklen Gedanken ab der 1. Zigarette wieder meinten besuchen zu müssen. Dennoch habe ich das Duschen genießen können und bin nun froh hier zu sein zu dürfen.

Ich bemerkte im Reden, daß ich es genauso empfinde und irgendwie glücklich über die Erkenntnis war, daß mein krankes Hirn, wenn wir uns nur Mühe geben, Positives extrahieren kann.

Dennoch blieb der erste Gedanken-Müll-Impuls aktiv.

Ich fragte mich, wie es möglich sein kann, daß ich derart empfinde und so tue, als wäre ich das allerletzte Individuum. Hasse ich mich etwa?

Nehme ich vielleicht das Außen wichtiger, als mich?

Kann mein Außen womöglich nicht mit meiner Andersartigkeit, meiner Emotionalität umgehen und gibt mir deswegen das Gefühl nicht OK zu sein?

Aufgefallen war mir schon lange, daß sich so gut wie keiner in meiner Welt Freude und Glück gestattet, obwohl sie sich, da bin ich mir sicher, danach verzehren. Ich war mir aber auch sicher, daß ein jeder sie für sich ganz im Inneren empfindet. Das würde mir auch reichen!

Dann fiel mir noch eine allumfassende, äußerst unangenehme Dynamik auf, die ich auch munter praktizierte:

Was Ich nicht habe (z.B. dieses verfickte Glück), ertrage ich nicht, wenn es mein entspanntes Gegenüber es hat und auch noch so unverschämt ist, es mir zu zeigen.

Hierbei war es für mich unbedeutend, in welcher Beziehung wir zueinander standen, es musste nur eine winzige Schnittstelle geben.
Es reichte schon, wenn dieser gut aussehende und auch noch durchtrainierte Typ (Riesenarsch!) aus der Werbung auch mein, bei mir leider nur mittelmäßig wirkendes Deodorant, nutzte. Nicht ein Schweißtropfen! Arroganter Wichser!

Doch warum habe ich das jahrelang praktiziert, warum habe ich meine Mitmenschen auch noch dazu angeregt, es mir gleich zu tun?

Wollte ich die Gesetze des Miteinanders nicht verletzen? So hat es zu laufen. Alles andere wäre nur Stress.

Auch wenn ich sie schlecht behandelt habe und sie nicht anders konnten, als mit mir in ähnlicher Art und Weise umzugehen, ich musste daran schleunigst etwas ändern. So hielt ich es einfach nicht mit mehr mit mir und den mir wichtigen Menschen aus.

Das kann aber nur, und da wurde ich immer klarer, ich ganz alleine durchbrechen. Ich, so war es in kürzester Zeit zu meiner festen Überzeugung geworden, musste ab sofort mein Verhalten ändern.

Heute weiß ich, dass man sich dieser Dynamik problemlos entziehen kann, ich musste nur behutsam und taktisch klug vorgehen.

Ich hatte panische Angst (basierend auf meiner Wahrheit), daß mich keiner mehr in meiner neuen Version mögen wird (wie auch?) und ich Gefahr laufe, völlig vereinsamt, schon sehr bald, in meiner Wohnung verkümmern würde.

Achtsamkeit, mit mir selbst und mit Deinen Menschen wird Dir hier sehr hilfreich werden! Hatte ich mir ja täglich in der Klinik anhören müssen, nein dürfen.

Dann wurde mir klar, daß ich einen anstrengenden Weg antreten werde, den so oft genannten Weg zu mir selbst.

Anstrengend ist eine nette Umschreibung für das, was nun begann. Unfassbar harte Arbeit, noch härter als mein mich zum Schluß krank machender Job. Oh Gott! Halte ich das durch? Ich muss, ich will.

An dieser Stelle wurde mir klar, daß ich diesen Weg wirklich nur mit psychologischer Hilfe antreten kann. Ich schaffe das irgendwie, das höre ich mich immer noch sagen.

Doch mit was für Naturgewalten ich hier in Kontakt treten würde, war mir nicht klar. Das Aufwühlen und Antasten vieler innerer Tabus brachten mich sehr aus dem Gleichgewicht und hätte ich nicht das Personal der Tagesklinik, mit unfassbar liebenswürdigen, aber strengen Menschen um mich gehabt, wäre ich von dieser gerade erst angetretenen Reise womöglich nie wieder zurückgekehrt. Ich bin leider nicht imstande meine Dankbarkeit dem ganzen Team und den Mitpatienten gegenüber, gebührenden Ausdruck zu verleihen.
Aber ich kann mit Sicherheit formulieren, daß es eine Dankbarkeit ist, die ich noch nie empfunden habe.

Was bei mir wohl ungewöhnlich war: Ich wollte keine Therapie verpassen und wurde teilweise sauer, wenn etwas ausfallen musste.

Egal ob Gruppen- oder Einzeltherapie mit der Stationspsychiaterin, ob Kreativ-, Bewegung-, Musik-, Tanz-, Ergo-Therapie haben mich Schritt für Schritt hoffen lassen, daß ich vielleicht doch nicht so scheiße bin.

Ich konnte erste Komplimente für beispielsweise ein auch mir gefallendes Bild auf Leinwand/Acryl annehmen. Darf ich das? Werde ich größenwahnsinnig, das kann doch jeder!

Nach nun 12 wundervollen Wochen wurde ich am 13.03.2018 entlassen und hatte seit Bekanntgabe des Termins endgültig verstanden, daß das nun angeeignete Depressions-Überwindungs-KnowHow seine Umsetzung einfordert.

Ich muss endlich die Verantwortung für mich übernehmen, um mich gestärkt in das Große und Ganze schadlos stürzen zu können.

Nicht doch noch 2 Wochen länger bleiben dürfen, bin noch nicht so weit.

Hier half mir der Kampf eines sehr liebgewonnen Mitpatienten, der mich mit seinem über 2 Wochen andauernden Flehen nach Verlängerung, völlig runtergezogen hat.

Mein Ziel war es, mir am Abschlusstag mindestens eine 8 zu geben. Endlich wollte auch ich der

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