Die verzögerte Heimkehr aus dem Moor

von Heinz Helm-Karrock
Mitglied

Pause. Am Samstagmorgen gehe ich immer einkaufen. Was ein studierender Wohnheimbewohner so benötigt:
Milch, Kaffee, Kartoffel, Brot, Aufschnitt..., und noch etwas für die Nerven.
Nach meinem Mittagessen in der Mensa, einer kleinen Mittagsruhe, dann eine Stunde intensiv weiterarbeiten, um die Ausarbeitung zu beenden, eine Abwechslung.
Um den Kopf wieder klar zu bekommen, die Gedanken in eine andere Richtung lenken, ist eine Ablenkung in der freien Natur genau das Richtige.
Es ist sonniges, nicht zu warmes Wetter. Einen Spaziergang zum nördlich des kleinen Dörfchens liegenden Hochmoor, das Wilhelmsdorfer-Pfrunger-Burgweiler Ried, soll heute mein Ziel sein. Der Weg dahin geht an dem kleinen Weiher „Das Schwarze Meer“ entlang.
Entsprechend angezogen, Gummistiefeln an den Füßen, laufe ich los. Das schöne Spätsommerwetter mit blauem Himmel und Sonnenschein lädt regelrecht ein in die Natur zu gehen. Die frische Luft und der leise Wind lösen in mir Verspannungen und versetzen mich in die richtige Laune!
In den Straßen im Dorf sehe ich vereinzelt ältere Frauen, die vom Einkaufen kommen, oder das örtliche Café aufsuchen wollen.
Zwanzig Minuten Laufstrecke liegt jetzt hinter mir. Auf dem Weg durch die Felder begegnet mir niemand.
Ich genieße die sich einstellende Ruhe um mich herum... und auch in mir.
Die Stille, die der leise Wind noch unterstreicht, die Weite der Felder mit dem Blick zum Wald und die Gleichmäßigkeit der Schritte, die ich gehe, stärken mich. Langsam weicht die Anspannung einer inneren Ruhe. Die Denkarbeit ist belastend und hat mir Kopfschmerzen bereitet, vor allem die trockene Zimmerluft.
Die Vielfältigkeit der Natur, das Wechselspiel der Färbungen, Wuchsformen, ja die gesamte Natur in ihrer Vielfältigkeit sind eine schöne Kulisse für diesen Nachmittag.
Das eine oder andere Tier, zum Beispiel beobachte ich Eichhörnchen, Mäuse, Bussarde. Drüben auf dem abgeernteten Feld hoppeln ein paar Hasen über den Acker. Ich beobachte einen Moment ihr Verhalten. Als sie mich bemerken, springen sie davon.
Das alles hilft mir, „meine Gedanken zu ordnen“!
Die Bäume und Sträucher, ja der gesamte Bewuchs haben hier besondere Gestalten und Färbungen.
Jetzt wechselt das ausladende Gelände zu einem Birkenwäldchen. Vereinzelt stehen knorrige Eichen und an dem Bachlauf weiter vorne auf der rechten Seite wachsen hohe Pappeln.
Hier sehe ich einen kleinen Wegweiser. Ich biege nach links ab in einen schmaleren Weg, der wenig befestigt ist. Auf der linken Seite stehen jetzt dichter gewachsen, Eichen und andere Laubbäume. Auf der rechten Seite lichtet sich der Baumbestand zu einem knubbeligen Grasteppich mit höher herausgewachsenen Büscheln. Die gesamte Landschaft ist hier anders, als die Natur ohne Ried.
Das saure Moor bringt eine veränderte Vegetation und bemerkenswerte Strukturen hervor. Alles ist dichter, kompakter, knorrig und wild-wirr gewachsen.
In meinen Gedanken versunken, dabei die frische Luft einatmend und die Umgebung auf mich wirken lassen, achte ich nicht besonders auf die Wege, die ich bis jetzt gegangen bin.
Ich befinde mich in einem Mischgelände.
Rechts des Weges ist ein Waldgebiet, das jetzt dichter und dunkler wird.
Ich bestaune die starken, hochgewachsenen Bäume.
Weiter vor mir öffnet sich die Natur hin zu einer parkähnlichen Landschaft mit Sträuchern und vielen, vereinzelt, aber auch in Gruppen stehenden Birken.
Der Boden, auf dem ich laufe wird feuchter. Ich spüre, dass die Luft anders riecht und leicht sauren Geschmack hat.
Die Nässe des Geländes, auf dem ich mich befinde, verwandelt sich in einen morastigen, quatschenden Untergrund. Bei jedem meiner Schritte sinke ich ein, und das Gehen wird mühsamer, ja zäh und zwingt mich zur erhöhten Aufmerksamkeit!
Meine Gummistiefel sinken jetzt fußhoch ein in einen schwammartigen Boden. Ich bemerke, dass das schwabbelige Etwas unter mir, mich festhalten will.
Jeder Tritt stößt auf mehr sumpfiges Nachgeben meines Untergrundes, auf dem ich gehen möchte.
Ich stehe vor-, beziehungsweise in einer größeren, offenen Wasserfläche, die nur inselhaft in Abständen mit Grassoden bewachsen ist. Einige Birken ragen noch um mich herum aus dem Wasser.
Angst steigt in mir auf. Ich halte mich krampfhaft an einem dünnen Stamm fest. Mir stockt der Atem. Erst jetzt, wo es nicht weitergeht, erkenne ich den Ernst der Lage, in der ich mich befinde.
Nun realisiere ich, dass das Moor mich in einer großen Fläche umgibt.
In freier Moorlandschaft, knöcheltief im quatschenden und sich festsaugenden Etwas, blicke ich mich um.
Krampfhaft, voller Angst halten meine Hände die kleine Birke umschlossen, während ich abzusinken drohe.
Hilflos, ratlos, voller Angst, überlege ich krampfhaft, was ich tun sollte?! Das Blut pocht in meinen Adern!
Ringsum Sträucher und Birken sind spärlich, gaben mir bis hierhin Vertrauen und ich fühlte mich sicher. Sie gaukelten mir tragfähigen Boden vor, auf dem ich gehen kann?!
Nun stehe ich – vom Moor erfasst-, über die Knöchel tief eingesunken in schlammigen Morast.
Der Untergrund und jeder Schritt treibt mich tiefer und lässt mich weiter einsinken.
Ich finde unter mir keinen Halt.
Panik steigt in mir auf!
Was ist passiert…?
Ich versuche einen klaren Gedanken zu fassen.
Ich klammere mich so fest an die kleine, dünne Birke neben mir, dass mir die Fingerknöchel weiß hervortreten.
Um mich schauend erkenne ich die hilflose Lage, in der ich mich gerade befinde.
Die Sonne streift im Westen schon den Bergrücken.
In einer viertel Stunde setzt die Dämmerung ein, als Angst und Panik mein Herz aus der Brust springen lassen wollen. Ich bekomme Todesangst, unter mir scheint der Boden zu entgleiten, Schweiß tropft an mir herunter, für einen kurzen Moment ist alles in gleißendem Weiß verschwunden.
Als ich wieder klarer denken kann, sage ich mir: „Werde ruhig“!
Einen festen Untergrund, oder gar einen Weg sehe ich nicht, überall um mich das typische Moorgras und vereinzelt noch Birken, weiter hinter mir, eine große Eiche.
Jetzt trete ich in ein Loch, das ich nicht gesehen habe, beide Stiefel laufen voll mit dem brackigen Moorwasser.
Bis zu den Knien eingesunken, sehe ich dem Tod in die Augen. Das Blut pocht in meinen Adern, mein Puls rast, mir wird schwindelig, dann bleibt mir die Luft weg.
In mir schreit es: „Hilfe, HILFE!“ jedoch kein Laut ist zu hören. Das Herz schlägt mir wie wild bis zum Hals: ich stehe mit beiden Stiefeln im tiefen, sumpfigen Wasser. Ich spüre mein Ende kommen. Kein Schrei verlässt meine trockene Kehle. Aus den aufgerissen Händen tropft das Blut.
Mit letzter Kraft klammere ich mich an die Birke und ziehe mich hoch auf eine Grassode hinter mir. Der Schweiß läuft mir in die Augen und in den Mund.
Ich habe das Gefühl, gleich platzen mir die Lippen, so stark spüre ich das Blut.
Um Hilfe rufen gelingt mir nicht!
Ich kann nicht schreien.
Wahnsinnige Angst überfällt mich, es macht mich fast verrückt..., ich atme schwer.
„Heinz…, behalte die Nerven, wo ist fester Untergrund“, frage ich mich?
Ich wende meinen Blick zu der dicken Eiche, die da vorne steht. Etwas weiter vorne ragt ein dicker Ast empor.
Hier auf Hilfe zu hoffen, ist blanker Unsinn. Der Raum um mich ist menschenleer.
Weit und breit ist niemand unterwegs!
Die Sonne scheint mit letztem Abendrot zwischen den Bäumen hindurch, in mein Gesicht.
Ich sehe eine größere Grasfläche hinter mir.
Mit großer Anstrengung ziehe ich mich hoch. Das Wasser gluckst, ich bekomme den kleinen, dünnen Stamm der Birke zu fassen. Der Boden hält. Der nächste Schritt ist meine ganze Rettung.
Ich erreiche die nächsten Grasbüschel. Noch einen herzhaften Sprung auf mehrere Wurzeln. Hier verharre ich einen Moment.
Noch ein paar Schritte von Grassoden zu Strauchwerk und Wurzeln führen mich zu seichterem Wasser und dann zu der Eiche.
Um diesen Baum herum ist etwas festerer Boden, und ein Stück weiter sehe ich einen Weg, auf dem der dicke Ast liegt.
Ich setze mich und versuche zu entspannen.
Der feste Boden lässt mich ruhiger werden.
Ich hole tief Luft, da schießen mir dir Tränen in die Augen. Ich sehe meine Frau und unseren Sohn Niels vor mir.
Erst jetzt bemerke ich, dass ich am ganzen Körper zittere. Die Sonne ist hinter dem Horizont verschwunden. Sie kann mein Weinen nicht sehen und meine Tränen nicht trocknen. Hier beruhige ich mich etwas. Die Sitzpause tut mir gut.
In der beginnenden Dämmerung laufe ich den Weg in Richtung Wald, aus dem ich gekommen war.
Ich weiß, dass weiter vorne ein Hinweisschild steht, dort muss ich rechts abbiegen. Im Dämmerlicht der untergegangenen Sonne sehe ich die Lichter des Dorfes.
Dieser Weg führt mich zurück, an dem kleinen Weiher vorbei, der hier „Das Schwarze Meer“ heißt, in Richtung des Fleckens, wo ich wohne.
Der kleine See friert fast immer zu, und seine Oberfläche ist ganz glatt. Einwohner im Dorf sagten mir, der See sei sehr tief und da er nur von einer unterirdischen Quelle und einem Rinnsal gespeist wird, hat er fast keine Wellen.
Dort ist die Eislauffläche für alle, die Schlittschuhe haben.
Das Eishockey spielen und Schlittschuh laufen macht der Jugend viel Freude, ist es doch eine willkommene Abwechslung.
Schilf, das im Uferbereich heraus wächst, bremst nicht die Freude, die beim Schlittschuh laufen aufkommt.
Dort, als ich es ausprobierte…, aber das ist eine andere Geschichte.

Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.

Interne Verweise