Blumen für Wowotschka

von Naduschka Kalinina
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Sawodilow hatte Mist gebaut. Richtig üblen Mist. Und wie die meisten Männer, die richtig üblen Mist gebaut hatten, stand er nun um zwei Uhr morgens in einem Blumenladen in der Ulitsa Nekrasova und zahlte fast 5000 Rubel für einen Blumenstrauß, der ziemlich sicher völlig ungeachtet und ungeliebt geradewegs im Müll landen würde.

Eigentlich hatte Sawodilow weder das Geld, noch die Nerven für ein solch albernes Geplänkel, aber wie hatte irgendein amerikanischer Fernsehstar einmal gesagt? Die Liebe lässt einen verrückte Dinge tun. Weiser Mann, auch wenn er Amerikaner gewesen war und sich Sawodilow nicht einmal mehr an seinen verdammten Namen erinnern konnte. Oder ob der amerikanische Fernsehstar überhaupt das gesagt hatte, an was sich Sawodilow noch zu erinnern glaubte.

Er selbst war noch ein kleiner Junge gewesen, als sein Vater eines Tages stolz einen deutschen Fernseher nach Hause gebracht hatte. Danach hatte es jeden Abend hochaufgelöste Unterhaltung gegeben. Sawodilow war wie alle Kinder der damaligen Zeit mit einem niemals endenden Strom an ewigen Wiederholungen von "Nu, pogodi!" und amerikanischen Hollywood-Streifen mit russischem Untertitel aufgewachsen. Besonders hier in Sankt Petersburg war man mit großen Stücken aus dem verlockenden Westen aufgewachsen.

Wer in Piter lebte, kannte das Leben zwischen zwei Welten. Es gab das ureigene und russische Sankt Petersburg, mit seinen grimmigen Gesichtern und seinem wechselhaften Wetter. Seinem harten Winter mit eisigen Winden. Besonders in der Innenstadt war dringend davon abzuraten, das verfluchte Leitungswasser zu trinken. Die Rohre waren alt, wie so vieles in der Stadt. Aber es gab auch das westliche Sankt Petersburg. Das, auf welches seine Bewohner besonders stolz waren. Man begrüßte Studenten und Besucher aus aller Welt. Besonders während der Weißen Nächte strömten viele Russen, aber auch viele Nicht-Russen in die Stadt der tausend Brücken und feierten mit den Einheimischen zusammen die niemals endenden Tage. Während sich Städte wie Moskau und Jekaterinburg in ihre kühlen Mäntel aus Abweisung hüllten und selbst lange nach dem Eisernen Vorhang nur ihre hochnäsigen Nasen über plötzlich ins Land strömende Besucher rümpften, packte Sankt Petersburg seinen europäischen Charme aus und hieß alle willkommen.

Piter war die Stadt der Weltoffenen. Der Genießer, auch wenn das eher fade Essen und das wechselhafte Wetter wirklich nicht jedermanns Sache war. Es war die Stadt der völlig besoffenen Philosophen und Denker. In Moskau und dem Ural-Gebiet flogen ohne jede Ausnahme Fäuste, wenn getrunken wurde. Sich die Fresse zu polieren gehörte an manchen Orten quasi zum rauen Umgangston. In Sankt Petersburg hingegen gab es selten Prügel.

Egal wie betrunken man auch war, man schlug nicht einfach hirnlos um sich, sondern fing damit an, sich mit den wirklich wichtigen Dingen des Lebens zu beschäftigen. In der Regel endete es damit, dass man in den Armen irgendeines ebenfalls völlig besoffenen Freundes hing und ihm sein Herz darüber ausschüttete, wieso man sich von niemandem respektiert fühlte. Wieso es überhaupt keinen beschissenen Sinn hatte zu leben.

Sawodilow hatte quasi einen Doktortitel im besoffenen Philosophieren. Niemand konnte so herzzerreißend jammern wie er. Eine Masche, die besonders bei den Frauen wunderbar zog. Sawodilow hatte diesen unwiderstehlichen Eisbärblick, wie es Mascha einmal genannt hatte. Man sah ihm zwar an der Nase an, dass er ein echtes Arschloch war, aber dieser Blick schmolz sämtliche Zweifel dahin. Die Frauen liebten ihn.

Jedoch waren die teuren Blumen nicht für Mascha, oder eine andere Herzdame. Himmel, alles wäre so viel einfacher und weniger verstörend, wenn diese verfluchten Scheißblumem für eine Liebhaberin wären. Oder für seine Mutter. Immerhin baute Sawodilow in seinem Leben genug Scheiße, dass er eigentlich dreimal die Woche mit einer ganzen LKW-Ladung voller Blumen bei seiner Mutter vorfahren könnte. Alles wäre ohne jeden Zweifel so viel besser, wenn die Blumen einfach für irgendeine Frau wären. Es war immerhin nichts verwerfliches daran, einer Frau schöne Blumen zu schenken.

Aber einem MANN?

Obwohl sich Sawodilow ganz normal verhielt, zumindest normal genug, dass ihn die mürrische Blumenverkäuferin die meiste Zeit beim Richten des Straußes ignorierte, fühlte er sich beobachtet. Er war zur Zeit der einzige Kunde im Laden, trotzdem fühlte er sich aus allen Ecken angestarrt. Sawodilow wusste selbst, dass es lediglich an seinen angespannten Nerven lag. Dass er Gespenster sah, wo es keine gab. Aber er wurde das widerliche Gefühl nicht los, dass man ihm ansah, was er hier tat. Was er war.

Dabei sah er wie die meisten Männer dieser Stadt aus. Ein wenig müde, aber gesund. Sawodilow machte trotz seiner Arschloch-Nase sogar einen recht reizenden Eindruck. Es gab also keinen Grund für Sorgen. Tausend Männer kauften Tag ein und Tag aus verdammte Blumen. Für wen? War doch egal.

Auch die Uhrzeit dieses Einkaufs war nicht sonderlich spektakulär. Oder merkwürdig. Es kam immerhin nicht von ungefähr, dass in Sankt Petersburg die meisten Blumenläden wie die großen und kleinen Geschäfte rund um die Uhr geöffnet hatten. Es gehörte einfach zur russischen Kultur, jederzeit spontan Blumen kaufen zu können. Oder in den schroffen Worten seiner Mutter ausgedrückt: Russische Männer bauen ständig Scheiße. Also brauchen sie auch ständig Blumen.

Und dennoch. Sawodilow fühlte sich in seinem eigenen Körper gefangen. Eingeengt. Auch wenn niemand direkt wusste, für wen der Blumenstrauß war, kam er sich entblößt vor. Es war eine Sache, einer wütenden Frau oder verletzten Liebhaberin Blumen zu kaufen - und eine ganz andere, es für einen anderen Mann zu tun.

Die Blumen waren für Wowik.

Für seinen verfluchten Wowotschka. Allein der Gedanke daran ließ Sawodilow kalten Schweiß ausbrechen. Er hatte keine verfluchte Ahnung, wie es so weit hatte kommen können. Er kannte Wowik seit schon immer. Sie waren im gleichen Hinterhaus dieser Stadt aufgewachsen. Sie hatten auf den gleichen Spielplätzen gespielt und Tauben gejagt. Später hatten sie auf den gleichen coolen Treffpunkten abgehangen, wo man heimlich geraucht und gekifft hatte. Sie hatten quasi zusammen in Sawodilows schrottreifem Lada gewohnt, kaum hatte er seine Fahrerlaubnis besessen. Jeder hatte mit ihm fahren wollen, aber er war kein Idiot gewesen. Er hatte lediglich Wowik und Kolja durch die Gegend kutschiert. Hin und wieder auch Mädchen, die ihm gefallen hatten. Aber vor allem Wowik, mit seinem schiefen Grinsen. Mit der hellen Narbe in der linken Augenbraue. Den stahlblauen Augen. Der zu flachen Nase. Den zu großen, aber

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