Blumen für Wowotschka - Page 3

von Naduschka Kalinina
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Besuchern. Gnade gab es für niemanden. Wer das Haus betreten wollte, hatte gefälligst zu drücken und zu schieben.

Endlich im Treppenhaus angekommen, polterte Sawodilow die alten Stufen hinauf. Er trampelte, wie er noch nie in seinem Leben zuvor getrampelt war. Seine Finger klammerten und krallten sich in die harten und schmerzhaften Stängel der Blumen. Das Seidenpapier war bereits an einigen Stellen gerissen und entblößte Gewächs, von dem Sawodilow nicht einmal den Namen wusste, aber verflucht viel dafür bezahlt hatte.

Wowik wartete bereits. Er lehnte mit verschränkten Armen gegen den braunen und alten Türrahmen seiner Wohnung und präsentierte sein übliches Gesicht regungsloser Gleichgültigkeit. Eigentlich hatte Sawodilow irgendwas schlaues sagen wollen. Etwas tiefgründiges. Oder gar philosophisches, aber ehrlich gesagt hatte er just in diesem Moment vergessen, wie man sein Gehirn benutzte, ohne dabei völlig aus den Latschen zu kippen.

Sie hatten sich ganze vier Tage und Nächte nicht gesehen. Eine Ewigkeit, wenn man bedachte, dass Sawodilow noch nie von Wowik getrennt gewesen war. Und verfluchte Scheiße, sah Wowik gut aus. Dieser verdammte Mistkerl trug ausgewaschene Jogginghosen wie schöne Frauen das Kleine Schwarze. Selbstsicher und verlockend. Es tat weh, Wowik nach diesen ätzenden Tagen und Nächten wiederzusehen. Es tat weh, weil es irgendwo ganz tief in Sawodilows Brust kochte und brodelte. Als wäre sein Herz ein aktiver Vulkan, der jeden Moment auszubrechen drohte.

Wowik trug seine übliche Trainingsjacke und war trotz der nächtlichen Temperaturen Barfuss. Sawodilow mochte keine Füße, wirklich nicht, aber Wowiks Zehen waren auf eine sonderbare Art und Weise fast schon attraktiv. Er mochte ihren geraden und klaren Wuchs. Wowiks Füße waren wie seine Hände. Lang, kräftig und gepflegt.

Sawodilow sagte nichts, als er die teuren Blumen wie ein stummer Narr in die Höhe hielt. Der bunte und völlig überladene Strauß wirkte in dem farblosen Treppenhaus irgendwie sonderbar. Als hätte sich ein verrückter Künstler in das tiefgründige Werk eines anderen Malers eingemischt, der gerade seine graue Weltschmerz-Periode hatte. Die bunten Blumen waren schlichtweg Fehl am Platz. Zu auffällig. Zu VIEL.

Niemand sagte etwas. Weder Sawodilow, noch Wowik. Beide Männer standen einfach nur da, als hätten sie alle Zeit der Welt und starrten sich gegenseitig in Grund und Boden. Es war so leise, dass Sawodilow seinen eigenen Herzschlag hören konnte. Schließlich bewegte sich Wowik. Nur ganz leicht, nur mit seinem Kopf, aber das kurze Nicken sagte mehr als tausend Worte.

Es war eine Einladung.

Sawodilow, der sonst so geschickte Charmeur, stolperte nervös und hektisch los. Obwohl es zum guten Ton gehörte, dass man seine Straßenschuhe mit all dem Dreck der Stadt bei der Tür auszog, war Anstand gerade nichts, was ihn sonderlich kümmerte.

Zur Hölle mit all diesen Etiketten. Sawodilow stolperte kopflos durch Wowiks engen Wohnungsflur, mit Schuhen, Blumen und sogar noch seiner verdammten Lederjacke am Leib, und verschwendete keinen Gedanken an die Welt irgendwo da draußen. Die Angst war immer noch da, jedoch hatte ihr gehässiges Zischen keine Chance gegen das laute Rauschen in seinen Ohren.

Wowiks Wohnung war klein. Eng und unpraktisch geschnitten, aber irgendwie spendeten die verwinkelten und völlig schmucklosen Räume Trost. Sawodilows Wohnung hingegen war reine Show. Sie war für einen Junggesellen ungewöhnlich sauber, da er so gut wie nie da war. Er hatte Bilder an den Wänden. Keine Poster, er war schließlich kein kleiner Junge mehr, sondern sauber gerahmte Fotografien. Sie passten gut zu seinen hellen Vorhängen. Zu seinem Sofa und seinem schicken Fernseher.

Wowik hatte keine Vorhänge, dafür waren die alten Decken und Fenster viel zu hoch. Er hatte sich seiner schlichten Kreativität bedient, in dem er die untere Hälfte der Fenster einfach mit schwarzer Folie abgeklebt hatte. Die alte Zentralheizung, die im Schlafbereich schief aus der Wand hing, diente als Kleiderschrank. Alles, was Wowik an Kleidung besaß, lag oder hing wild auf ihr verteilt. Der alte Holzboden war rissig, kalt und knackte bei jedem Schritt. Wowiks Wohnung war zusammengefasst nichts weiter als ein riesiger Haufen heruntergekommener Scheiße. Und dennoch war Sawodilow nirgendwo lieber als hier.

Wowik sagte nichts, sondern bezog mit immer noch verschränkten Armen vor seinem schwarzen Metallbett Stellung. Die Bettdecke war zerwühlt. Der graue Kissenbezug passte nicht zu dem Rest der schwarzen Bettwäsche. Stille herrschte. Sawodilow hob erneut den ausladenden Blumenstrauß in die Höhe. Auch dieses Mal erntete der Strauß keinen tosenden Applaus. Keine ausrastende Begeisterung. Im Gegenteil. Wowik schenkte ihm keinerlei Beachtung. Er starrte stur an den Blumen vorbei.

Sawodilow atmete einmal tief durch, dann machte er zwei große Schritte auf den anderen Mann zu. Die Blumen ließ er dabei achtlos zu Boden fallen. Was brachten ihm schon verdammte Blumen, wenn er seine Zähne nicht auseinander bekam? Wenn ihm alles, was er sagen wollte, irgendwo auf halbem Weg im Hals stecken blieb?

„Es tut mir Leid“, sagte Sawodilow leise und bei Gott, er hatte es noch nie in seinem Leben so ernst gemeint. Es tat ihm wirklich Leid. Dieser ganze dumme Streit. Seine Angst. Seine feige Wut. „Hörst du? Es tut mir Leid.“

Wowik ließ langsam die Arme sinken. Er sagte kein Wort. Natürlich sagte er kein Wort. Wowik verschwendete niemals Worte. Wenn er nichts zu sagen hatte, hielt er den Mund. So einfach war das. So einfach - und nervenaufreibend.

Sawodilow verlor nun endgültig die Geduld. Er nahm das Gesicht des anderen Mannes bestimmt und nachdrücklich in beide Hände und zog es so nah zu sich heran, dass sich ihre Nasen berührten. „Hörst du, verdammt? Es tut mir Leid. Ich war ein Idiot. Sei bitte nicht mehr sauer auf mich, Wowotschka.“

Wowiks Gesicht zuckte zurück, als hätte ihn eine unsichtbare Hand geschlagen. Jedoch ließ ihn Sawodilow nicht los. Nicht dieses Mal. Nie mehr, verdammt.

„Wowotschka“, sagte er und presste seine Stirn fest gegen die des anderen Mannes. Wowik roch wie immer nach Kernseife und Männerdeo. Er badete quasi in diesem Zeug. „Wowotschka. Wowotschka. Wowotschka.“

Es war einer dieser kurzen, aber unglaublich heißen Sommer in Sankt Petersburg gewesen, als Sawodilow seinen besten Freund das erste Mal Wowotschka genannt hatte. Die meisten Jungs in ihrem Alter hatten ihre Kosenamen schon lange nicht mehr cool gefunden. Nicht, dass sich Mütter oder Großmütter jemals um die Coolness ihrer halbstarken Söhne und Enkel geschert hätten. Egal wie groß das Gejammer auch war, man hörte jeden Tag pünktlich zur Essenszeit aus unzähligen Fenster gerufene Liebkosungen wie Koljenka und Dimotschka. Es gab kein Erbarmen. Keine Ausnahmen. Jeder hatte einen peinlichen Kosenamen.

Nun, jeder außer Wowik. Die meisten Menschen sprachen ihn ganz distanziert mit seinem vollen Namen Wladimir an. Besonders die Erwachsenen. Niemand von ihnen wollte dem schweigsamen Sohn des Säufers zu nahe kommen. Im Gegensatz zu den anderen Jungs, die sich ständig beklagten, hatte sich Wowik nach einem zutraulichen Namen gesehnt. Aber er hatte niemanden gehabt, der ihn liebevoll rufen konnte. Seine Mutter? Weg. Die Großmutter? Schon lange tot. Sein Vater? Pah, war ja schon ein Wunder, wenn der mal nicht in seiner eignen Kotze schlief. Also hatte sich Sawodilow der Sache angekommen. Fest entschlossen, seinen besten Freund glücklich zu machen.

„Wowotschka“, hatte er ihn an einem dieser unglaublich warmen Sommertage getauft, als sie zusammen im Innenhof Fußball gespielt hatten. „Das ist jetzt dein Name. Wowotschka. Gefällt er dir?“

Wowik hatte nichts gesagt, sondern Sawodilow nur mit großen Augen angestarrt. Dann hatte er hektisch genickt, anschließend den Kopf geschüttelt und dann wieder genickt. Schließlich hatte er den Ball jauchzend mit einer solchen Wucht gegen die Mauer gekickt, dass das Teil auf Nimmerwiedersehen davon geflogen war.

„Du bist mein Wowotschka.“ Sawodilow hatte sich stolz aufgeplustert. Er hatte gewusst, dass er den perfekten Namen für seinen besten Freund finden würde. „W-o-w-o-t-s-c-h-k-a.“

Das ganze war nun einige Jahre her. Sie waren schon lange keine Kinder mehr. Aber der Name war geblieben. Wowotschka. Er gefiel Wowik heute noch. Und genau wie damals sorgte er dafür, dass Wowik nicht lange sauer sein konnte. Zumindest nicht richtig. Nicht dann, wenn ihn Sawodilow so offen um Verzeihung bat. Wenn er Wowik leicht auf die linke Wange küsste. Wenn er mit seinen nervösen Fingern nach dem bis obenhin zugezogenen Reißverschluss von Wowiks schwarzer Trainingsjacke griff.

Es surrte leise, als der Reißverschluss langsam nach unten glitt und nackte Haut entblößte. Wowik trug nie irgendwas unter seinen Westen und Jacken. Eine Angewohnheit, die Sawodilow absolut nicht nachvollziehen konnte. Er selbst drehte schon bei dem Gefühl kalter Hemdknöpfe auf der nackten Brust durch, aber Wowik war schon immer härter im Nehmen. Generell war Wowik der Tapfere von ihnen. Er war kein Angsthase. Kein Feigling.

Mit einem leisen und kaum hörbaren Klack war der Reißverschluss am Ende angekommen. Die Trainingsjacke war nun komplett geöffnet und gab den Blick auf Wowiks nackten Bauch, Oberkörper und seinen Hals frei. Seinen verdammten Hals, auf dem seit wenigen Tagen ein frisch gestochenes SAWOTSCHKA prangte.

In verschnörkelten, aber wunderbar leserlichen Buchstaben. Als wäre nichts dabei. Als wäre es für einen Mann völlig in Ordnung, sich den verfluchten Kosenamen eines anderen Mannes tätowieren zu lassen. Die schwarzen und großen Buchstaben glühten förmlich auf Wowiks blasser Haut. Sie waren groß genug, dass man sie noch locker vom verdammten Mond aus lesen konnte.

Männer wie Sawodilow machten gerne auf dicke Hose, waren aber im Endeffekt nichts weiter als verdammte Angsthasen. Männer wie Wowik hingegen redeten keine Scheiße, sondern ließen Taten sprechen. Sie versteckten sich nicht, sondern zogen los und ließen sich ihre Zuneigung offen auf den Hals tätowieren.

Sawodilow war komplett ausgerastet, als er Wowiks frisch tätowierten Hals gesehen hatte. Er hatte den anderen Mann angeschrien, geschlagen und bespuckt. Er hatte nicht verstanden, wie Wowik so dumm hatte sein können. Hätte er sich wenigstens Sawodilow tätowieren lassen, wäre die ganze Sache nur halb so schlimm gewesen. Man hätte es als Scherz unter Freunden verstehen können. Oder denken können, es wäre der Name eines verstorbenen Verwandten, der einem wichtig gewesen war. Aber Sawotschka? Wieso hatte sich Wowik nicht gleich noch Ich liebe einen Mann darunter stechen lassen? Dann müssten diese ganzen homophoben Irren in diesem Land nicht erst noch ihre wenigen grauen Zellen bemühen, ehe sie Wowik zu Brei schlugen.

Es war die nackte Angst um Wowik gewesen, die Sawodilow in einen völlig hysterischen Wutanfall getrieben hatte. Wowik hatte es stumm über sich ergehen lassen, aber mit nur einem kalten Blick klar gemacht, dass er Sawodilow für seine Angst verachtete. Ihn hasste. Dass er enttäuscht von ihm war. So hatten sie sich noch nie gestritten. Ehrlich gesagt konnte sich Sawodilow nicht daran erinnern, dass er und Wowik überhaupt jemals echten Streit gehabt hatten.

Sawodilows Finger zitterten leicht, als er zum zweiten Mal in dieser Nacht seinen erbärmlichen Mut zusammenkratzte. Als er zum zweiten Mal das Gesicht des anderen Mannes fest in beide Hände nahm. Als er das Starren erwiderte. Ohne Blinzeln.

„Ich weiß, dass ich Scheiße gebaut habe. Ich weiß, dass ich dich verletzt habe. Wenn du dieses Tattoo behalten willst, dann behalte es. Von mir aus kannst du dir meinen Namen auch mitten auf die Stirn stechen lassen. Drauf geschissen. Hörst du? Ich sterbe, wenn du mir nicht verzeihst.“

Wowik sagte immer noch nichts, als er seine Hände fest und warm auf die von Sawodilow legte. Er musste aber auch gar nichts sagen. Sawodilow kannte den anderen Mann schon seit Ewigkeiten. Er kannte jede noch so kleine Geste. Jedes Heben und Senken der dunklen Augenbrauen. Jedes Blähen der Nasenflügel. Jedes tiefe Ein- und Ausatmen. Wowiks Pupillen waren riesig. Wie immer, wenn er und Sawodilow sich so nahe waren.

„Wowotschka“, sagte Sawodilow ein weiteres Mal. Er ließ seinen Zeigefinger langsam über Wowiks tätowierten Hals gleiten. Über seinen Namen, der dort für alle Welt sichtbar prangte. „Mein Wowotschka.“

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