Der Flatwhite-Mann

von Lara Grunow
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Ich arbeite in einem Café. Es ist eines dieser kleinen, süßen Cafés. In einer Charlottenburger Seitenstraße gelegen. Überwiegend besucht von Familien, dessen Kontostand mindestens eine halbe Million aufweisen muss, um sich in diesen Kreisen zu bewegen. Die Hipster-Väter tragen Bart und Dutt, die Öko-Mamas bestellen Bio-Saft und füttern ihre Kinder mit Vitamin-Riegeln, die von mehreren Instituten für gesund erklärt worden sind. Unter anderem auch alte Herrschaften, die schon ewig hier leben und jetzt verbittert jeden morgen ihren Pott Kaffee brauchen. Mein Alltag.
Man erlebt unglaubliche Dinge. Einmal ist ein indischer Wahrsager hineingekommen und hat mir meine Zukunft prophezeit. Ein anderes Mal wurde ich dafür beschimpft, dass ich Flüchtlingen den Job wegnehme. Die schlimmste Erfahrung war allerdings die Drohung auf eine schlechte Bewertung auf TripAdvisor. Wie ich gebangt habe, dass man hypersensibler Spießer-Gast seine Worte in die Tat umsetzt. Mein Alltag. Niemals langweilig.
Mein liebster Arbeitstag ist der Samstag. Denn jeden Samstagvormittag setzt sich ein Mann mittleres Alters in unser bescheidenes Café. Sein Haar trägt er kurz geschoren, was in Kombination mit der silberglänzenden Farbe einen eleganten, gepflegten Look kreiert. Ein bisschen wie George Clooney in der Nespresso-Werbung sitzt er dort, öffnet seinen Aktenkoffer und holt ein kleines Notizheft heraus. Im Vergleich zu George Clooney fällt ihm kein Klavier auf den Kopf. Er redet auch nicht sexy und bestellt. Nein, wir wissen schon was er gerne hätte: einen Flatwhite.
Es ist immer derselbe Tisch, es ist immer das gleiche Getränk, es sind immer um die 30 Minuten, die er im Café verbringt und in seinem Heftchen schreibt. Was ein geheimnisvoller Mann. Oft frage ich mich, was er wohl schreibt. Vielleicht einen Kriminalroman. Vielleicht ist er auch Psychologe und analysiert unsere Arbeitsweise. Geht er nach seinem Flatwhite ins Büro? Oder begibt er sich nach Hause? Ist er ein Familienmensch? Wo ist dann seine Frau? Möglicherweise ist sein koffeinhaltiges Getränk die Flucht aus dem grauen Alltag. Grau wie seine Haare. Vielleicht rennt er vor der Routine weg, wo er doch so routiniert bei uns sitzt und schreibt. Beinahe mechanisch. Vielleicht machen wir ihm Kaffee und das macht ihn glücklich. Ich schenke ihm einen doppelten Espresso mit Milch. Er schenkt mir ganz viele Fragen und macht meinen Alltag bunter.
Der Flatwhite-Mann.

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