Schule

von unrealistisches Ziel
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Als ich also an diesem ungewöhnlichen Tage erwachte, fand ich mich selbst mitten im Herz eines unendlichen, dichten Waldes liegen. Ich öffnete die Augen und sah ein hellgrünes Lichtspiel über mir. Dem Tanze ähnelnde, vom Wind getriebene Bewegung rauschender Blätter. Beschienen von grellem Sonnenlicht, immer wieder kurz in Schatten verschwindend, direkt wieder zurückkehrend in das Licht.
Neben leisem Vogelgezwitscher vernahm ich ungewöhnlich lautes Blätterrauschen. Als würden mir die Bäume ins direkt ins Ohr rufen wollen. Aber es wirkte nicht wie eine Warnung, vielmehr wie eine Provokation. Sie riefen mir zu, ich solle rennen, ich solle schreien, die Arme ausbreiten und mich drehen. Mich auf den Boden werfen, in den Himmel blicken und erzählen was ich sah.
Ich werde erzählen was ich sah, als ich an jenem Tage erwachte, in jenem unendlichen, dichten Wald.

Es galt zu protestieren. Ihr werdet es nicht glauben, aber damals gab es tatsächlich Gestalten, einzig und allein geboren, um die nicht beschreibbare, königliche Baumkrone zu zerstören. Um dann das Holz für, naja, was auch immer zu verwenden. Wichtig konnte es auf jeden Fall nicht sein.
Es tut mir so leid, das muss schlimm sein für euch, habe ich damals zu den Pflanzen gespochen. Geantwortet haben sie mit einem Ja, Pflanzen können nur mit Ja und Nein antworten.
In einem Halbkreis standen wir dann, umgeben von der unendlichen Dichtheit, den Kopf nach unten gesengt, nickten meine Freunde schwermütig. Schwermut wurde zu Zorn, Zorn wurde zu Energie.
Wir müssen diese Verbrecher aufhalten!
Wie denn? Mehr als anschreien können wir sie nicht.
Wir fragen einfach, wie sie sich fühlen würden, wenn man ihnen die Arme abschneidet.
Oder sie köpft!
Leute, habt ihr die Tauben schon gesehen? Die mit den Kreiselaugen?
Kreiselaugen?
Ja! Die sehen aus wie eine optische Täuschung. Also die Kreiselaugen. Ich sehe sie seit Neustem jeden Morgen am Nationaltheater.
Ich habe schon wieder eine Blumenspange am Boden gefunden.
Schon wieder?
Und mich hat heute Morgen ein Rabe verfolgt!
Leute all das…da muss es einen Zusammenhang geben.

Damals fühlten wir uns, wie am Vortag einer großen Katastrophe. Wir alle sahen erstaunliche Dinge und je mehr wir uns darüber austauschten, desto krasser veränderte sich unsere Welt. Die Raben wurden zu den geheimen Spitzeln unserer Feinde, die Blumenspangen wurden Wegeweiser. Vielleicht auch eine Falle, wir mussten immer auch mit dem Schlimmsten rechnen. Die Tauben mit den Kreiselaugen, mystische Wesen, gesandt von einer höheren Macht, um uns eine wichtige Nachricht zu übermitteln. Und der Wald um uns herum wurde immer dichter und unendlicher, bis wir uns darin verliefen. Machte uns das Angst? Natürlich tat es das. Aber Angst treibt voran und wir hatten eine Mission zu erfüllen.
In der Schule hielten Sie mich für besonders intelligent, ich hätte eine hohe Auffassungsgabe, sagten Sie. Dementsprechend waren alle Freunde der Meinung, dass selbstverständlich ich verantwortlich sein sollte, für das konzentrationserfordernde Ergrübeln unserer nächsten Handlungsstrategien. Das bereitete mir damals viele Schlaflose Nächte im unendlich, dichtem Wald.

So wachte ich sehr lange auf. An vielen unbedeutenden Tagen, sah ich viele schöne, unbedeutende Dinge.
An einem von vielen späten Nachmittagen beispielsweise, fanden wir doch tatsächlich einen aufgeschnittenen Müllsack zwischen zwei Bäumen. Wie eine Hängematte hang er da, gefüllt mit Plastikbehältern, Essensresten, Papier, Plastikbehältern, Papier, Essenresten, Plastikbehältern. Das musste eine nonverbale Nachricht unserer Feinde sein, dem waren wir uns sicher. Einmal fanden wir einen toten Igel.

Als ich einige Jahre später dann, an einem weiteren ungewöhnlichen Tage erwachte, fand ich mich selbst immer noch mitten im Herz eines unendlichen, dichten Waldes liegen. Ich wachte auf und sah grüne Blätter über mir, sie rauschten sehr laut, wie an jenen Tagen, in jenen Jahren zuvor. Aber diesmal klang der Wald dumpf, irgendwie psychotisch. Er rief mich natürlich noch, aber nicht wie eine Provokation, mehr wie eine Warnung. Das Vogelgezwitscher schien weit entfernt, das Sonnenlicht war ungewöhnlich hell, fast schon grell.
Ich werde erzählen was damals passierte, im unendlichen, dichten Wald.
Und eigentlich war der Wald gar nicht unendlich, es handelte sich vielmehr um ein Waldstück in einem kleinen Park. Aber das war nicht so wichtig.
Viel wichtiger war, dass meine Strategien immer schlechter wurden. Die Ideen gingen mir aus. Tag für Tag ließ ich mehr und mehr nach, Tag für Tag stieg meine Erschöpfung. Am schlimmsten war es an einem, denkunwürdigen Tag, den ich zu meinem Ärgernis, niemals vergessen habe und voraussichtlich niemals vergessen werde. Der mich bis zum Schluss verfolgen wird.
In mir tobt der sehnliche Wunsch, ich hätte damals anders gehandelt. Doch mein Kopf, mein Bewusstsein spielte im Spiel um Stolz und Abgrenzung im gegnerischen Team. Verzweifelt habe ich versucht mich zu konzentrieren, um eine Lösung zu finden. Nicht eine Lösung, die Lösung. Vierundzwanzig Augenpaare auf mich gerichtet, abwartend, ob ich scheitern würde. Mit Belustigung wahrscheinlich oder, nennen wir es Mitleid. Wir waren ja trotz allem noch ein Team.
In meinem Hinterkopf war ein Knoten der, nicht etwa physisch, nein, sondern mental, seelisch schmerzte und schmerzt bis heute. Dieser Schmerz lähmte mich und meine Gedanken waren leer. Verzweifelt habe ich versucht mich zu konzentrieren, die Lösung zu finden. Aber alles war leer. Und dann dumpf. Und dann fragte Sie mich eine noch komplexere Frage.
Ich weiß es nicht.
Die Augenpaare verschwommen, die einzige Stimme, die durch den begrenzten Raum hallte, dumpf. Und dann schüttelte sie theatralisch den Kopf. Und dann stellte sie mir noch eine Frage und sagte mir, wenn ich diese nicht beantworten könne, wisse sie auch nicht mehr weiter. Vielleicht war diese weniger komplex, aber das konnte ich nicht mehr beurteilen. Meine Gedanken waren Nichts.
Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht.
Der Knoten schmerzte stärker, Zeit wurde langsamer, Verzweiflung stieg. Und dann weinte ich. Fragen wurden eingeschaltet, keiner reagierte. Und ich weinte, bis ich den Raum verließ. Ich weinte, als ich das Gebäude verließ. Ich weinte zu Hause und irgendwann weinte ich nicht mehr.

Als ich einige Jahre später wieder den unendlichen, dichten Wald betrat, obwohl jener Wald eigentlich weder unendlich, noch dicht war. Es handelte sich viel mehr lediglich um ein kleines Ganglion von Bäumen an einem Feld. Als ich also fünf Jahre später am besagten Ort war, rannte ich. Ich rannte über das Feld. Meine Beine schossen unkontrolliert nach vorne, angetrieben von meiner Wut auf… Warum überlegst du? Selbst meine Siebtklässler können das beantworten. Wut auf mich, denn ich konnte nicht einmal zweihundert Meter sprinten. Anstrengung überkam mich, Beine schwer, zwinge sie weiter, zwinge sie weiter. Du Versager. Selbst Ihre Fünftklässler können zweihundert Meter sprinten.
Und der Wald schrie. Er schrie mich an, Versager, schrie der Wald. Immer verhältst du dich falsch, was sollen deine Kameraden jetzt von dir denken? Warum lernst du nicht einfach. Wenigstens hast du das Recht zur Schule zu gehen, du undankbares Stück Scheiße. Ist ja nicht so als hättest du was anderes zu tun. Musst du dich um dein Essen kümmern? Nein. Musst du um dein Überleben kämpfen? Nein. Ist das Gesetz gegen dich? Nein, niemand ist gegen dich.
Dann wurden die Stimmen plötzlich weich, sie lächelten ein Lächeln, als würden sie dabei mit ihrer Hand krankhaft liebevoll über meine Schulter streichen. Wir versuchen dir doch nur zu helfen. Jeder hier will dir helfen. Aber du musst eben auch etwas dafür tun. Wir wissen alle, dass das leichter gesagt ist als getan. Keine Sorge mein Kind, wir unterstützen dich in allem, was du tust.

Wenn man sich im richtigen Winkel zwischen die Bäume stellt, ist alles grün. Dann ist man für einen kurzen Moment allein. Allein in einem unendlichen, dichten Wald.
Ich öffne die Augen. Ich wache nicht auf, das ist Quatsch, ich bin schon wach. Geschlafen habe ich nämlich in Wirklichkeit gar nicht, ich habe nur so getan. Es ist Nachmittag und ich stehe unter drei bis fünf Bäumen an einem Stück Wiese. Die Sonne scheint, die Vögel singen, die Blätter rauschen. Sie reden nicht, sie rauschen.
Ich werde es euch doch nicht erzählen, was ich an jenem Tag sah.
Ich habe es vergessen.

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