Bitterkeit und Süsse - Plattitüde

von Rosa Rhoot
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Plattitüde

Es passiert schon mal, dass ich im Vorgarten mit Harke und Besen am Schaffen bin und meine Nachbarin mich bei jenem Pflichtprogramm erwischt. Sie bietet mir nicht ihre Hilfe an, sondern will einen Small Talk führen. Habe ich ebendieses Vergnügen, höre ich News über Hinz und Kunz, Interessantes wie Uninteressantes. Vorübergehend wahre ich die Höflichkeit, letztlich verschafft sie mir eine Verschnaufpause. Zumindest klingt heute ihre Neuigkeit einladend.
»Meine Schwester hat ein Buch veröffentlicht, das Erste.«
»Wovon handelt es?«
»Von einer Frau in den besten Jahren. Sie hat es lebensnah, authentisch sowie bildhaft verfasst, lässt sich gut lesen, ist das Richtige für unser Alter.«
Sogleich huscht mir die Frage durch den Kopf, was ist überhaupt 'das Richtige für unser Alter'? Ich merke mir den kurzen Titel, verspreche mich zu informieren.
Am darauffolgenden Mittag fahre ich in die Stadt. Unter anderem führt mein Weg in die Buchhandlung. Ich verweile dort des Öfteren, erkunde die literarische Vielfalt, bevorzuge aus Kostengründen den Kauf von Taschenbüchern, ohne mich auf ein Genre festzulegen.
Die Sonnenbrille setze ich ab, krame wie immer in der unübersichtlichen Handtasche nach der Lesebrille. Letztendlich ertaste ich sie in der linken Seitentasche meiner Jacke.
Gleich vorne im Eingang des Buchladens stapeln sich auf dem Verkaufstisch die Neuerscheinungen. Aufmerksam lese ich die vielen Titel, entdecke jedoch nicht den empfohlenen Lesestoff, der doch genau das Richtige für unser Alter sein soll.
Hilfesuchend wende ich mich an die Bibliothekarin. Augenscheinlich sind wir mehr oder weniger ein Jahrgang. Ihre modische Brille trägt sie mit einem stylish Band, stets griffbereit. Das gefällt mir. Sie befasst sich mit meinem Anliegen, findet im PC den Titel wie auch den Namen der Autorin, schaut mich über den Rand ihrer Brille erwartungsvoll an.
»Ich vermisse es vorne auf dem Tisch, wo alle neuen Veröffentlichungen liegen«,
berichte ich und wurde auch sogleich aufgeklärt.
»Im Moment gibt es ein Überangebot an Neuerscheinungen, demzufolge stellen wir nur einen Teil aus, der Literaturmarkt ist übersättigt. Allerdings können wir alle Bücher für sie bestellen.«
»Es ist gewissermaßen eine Empfehlung. Soll das Richtige für mein Alter sein«,
füge ich noch hinzu und verziehe die Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln.
Routiniert, ohne meine Ironie zu beachten, liest die Händlerin auf dem Bildschirm den Klappentext und gibt ihre Einschätzung ab.
»Das Thema wird die jüngeren Leser weniger ansprechen. Es ist kein Buch über Fantasy oder Science-Fiction, desgleichen keine Folgeserie einer Krimireihe. Tendenziell ist es in Richtung Biografie geschrieben, eher eine Literatur für die reifere Generation, durchaus das Richtige für unser Alter.«
Sie hebt den Kopf und schaut mich lächelnd über ihren Brillenrand an. Ich lächle zurück, bedanke mich für das geistige Band und stecke meine Lesebrille wieder in die Jackentasche.
Beim Weitergehen beschäftigt mich nach wie vor diese Plattitüde. Sie irritiert mich, lässt mich mit der ungelösten Frage wie auch deren Betrachtungsweise alleine. Allerdings nehme ich die Leute anders wahr, schaue länger hin und versuche, das richtige Alter auszumachen.
Den Schleier lüften konnte ich diesbezüglich nicht.
Nun trotze ich der nichtssagenden Redensart, hoffe einstweilen, dass ich in jedwedem Alter ein gesundes Gespür fürs Richtige haben werde.
©Rosa Rhoot
'Plattitüde'
Buch 'Bitterkeit und Süsse'

Veröffentlicht / Quelle: 
Verlag BoD

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