Du

von Kolle Jander
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Ich wusste es in dem Moment als es passierte. Eine kalte Hand packte mich und riss mich auseinander.
Mir war plötzlich klar, dass ich sterben würde. Ich war im Grunde schon tot.
Nur das Wie und das Wann standen noch nicht fest.
Nun saß ich da, und alles fühlte sich seltsam an.
Ich packte meine Kopfhörer, setzte sie mir auf und drückte PLAY.
„Is this the real life? Is this just fantasy? Cought in a landslide, no escape from reality.“
Aber wie soll ich mich bitte der Realität stellen? Welcher Realität? Der Realität in der Sie nicht mehr ist? Ich habe ganz genau gespürt wie Sie verschwunden ist. Das Loch hab ich noch.
Was wird denn jetzt noch kommen? Was kann in einer Welt ohne Sie noch passieren? Mir wird immer wieder Schwarz vor Augen. Vielleicht schließe ich sie auch. Mein Körper ist mir völlig fremd.
„Too late my time has come. Send shivers down my spine, Body's aching all the time.“
Die Musik hält meinen Geist in Gang. Muss ich gehen? Die Wahrheit akzeptieren.
Fuck.
„Oh Baby, can't do this to me Baby.“
Fuck.
Ok, hoch jetzt. Raus. Auf die Straße. Luft. Der Schmerz verzerrt alles um mich herum. Das Treppenhaus hat viel mehr Stockwerke.. Die Treppen sind endlos lang.
Als ich auf die Straße trete sehe ich, dass die Welt in Trümmern liegt. Zertrümmerte Autos, kaputte Häuser, einstürzende Wolkenkratzer. In meinem Kopf fliegt der Satz: „Anyway the wind blows.“ und dann ist Stille.

Mit einem Mal durchzucken härtere Klänge meinen Körper. Musik passend zu der Welt die sich mir bietet. Ich beginne zu laufen.
Welcher Sinn ist für Gefühle zuständig? Warum tut es so unendlich weh? Tote gehen an mir vorbei. Manche rennen.
Das Leben hat die Welt verlassen. Wenn das Bewusstsein die Welt erschafft, dann endet die Welt mit dem Ende des Bewusstseins.
Bewusst sein. Was bedeutet das überhaupt?

Überall hat das Chaos Einzug erhalten. Alles ist absurd, ohne Sinn. Ohne eine innere Ordnung. Der Schmerz verbrennt die ganze Welt. Das Geschredder in meinem Kopf verschwindet und an seine Stelle tritt die Melancholie.
„Well I, own this field. And I wrote this Sky. And I have no reason to reason with you.“
Was wird das hier? Was passiert denn gerade? Weitere Wellen durchlaufen meinen Körper.
Es beginnt in Strömen zu regnen. Es dampft und zischt, das Chaos und der Schmerz werden vom Regen weggespült. Wieso bist du fort? Ich werde dich niemals wieder sehen. Es gibt dich in dieser Welt nicht mehr.
Wenn ich sterbe geht die Welt zu Ende. Was passiert dann?
Wieder ändern sich die Klänge in meinem Kopf.
Fuck, dieses Lied. Dort wo schon nichts mehr ist, ist plötzlich noch weniger. Die schlagartige Gewalt mit der mir Ihr Tod erneut bewusst wird zwingt mich in die Knie. Ich falle zu Boden, rolle mich zu einer Kugel und versinke in einem Gefühl, dass unsere Sprache sprengt. Alles hagelt auf mich ein. Unser Leben zieht an mir vorbei. Und darüber dieser vollendete Klang der so sehr mit Ihr verbunden ist. Ich weine. Vielleicht bepisse ich mich auch. Wieso? Wieso du?
Plötzlich klingen wieder härtere Töne in meinem Kopf. Ich stehe auf. Was zur Hölle ist hier eigentlich los? Der Regen ist vorbei. Die Trümmer sind noch da. Die Toten auch.
Ein Mann mit nur einer Gesichtshälfte läuft an mir vorbei. Er lächelt.

Vor mir liegt eine Frau auf dem Boden. Ein Kind wühlt in ihrem Bauch wie in einer Spielzeugkiste. Sie schreit stumm. Ich sehe ihr in die Augen. Sie erwidert meinen Blick.
Ich habe noch nie solche Augen gesehen. Angst, Schmerz und Aggression spiegeln sich in ihnen. Ihr Körper ist rot und braun zerfleddert unter dem Kind das über ihr gebeugt ist. Doch sie ist nicht tot. Die Gefühle werden zusammengehalten von einer Kraft im Hintergrund. Die uns all das aushalten lässt, ohne das wir sterben wollen.
Ich gehe weiter. Meine Kopf dreht sich. Oder dreht sich die Welt?
Der Boden ist weich. Der Himmel ist blau. Wo bist du?
Du bist nicht tot. Ich bin es.
Was ist eigentlich passiert?
Was hatte ich getan?
War es meine Schuld?

Mein Geist kollabiert vor meinen Augen. Jeder neue Augenblick schlägt neue Löcher in meinen morschen Körper, in mein zerfallendes Bewusstsein der einst so bekannten Welt.
Magma fließt durch meine Adern, jedes Ausatmen stößt Wolken aus Asche aus meinen Lungen. Meine Knochen zersplittern wie Glas das auf zerklüftetes Gestein fällt.
Immer wieder taucht aus dem Nebel vor meinen Augen Ihr Bild auf, Ihr Gesicht zerfällt in immer neue, verzerrte Grimassen.
Warum Sie? Warum Ich?
Bisher war der Tod etwas das anderen passierte; eine abstrakte Idee irgendwo weit in der Ferne. Andere starben, wir lebten.
Und wie wir gelebt hatten. Seite an Seite, gegenüber, unter und übereinander. Hand in Hand gegen und mit der Welt, was auch immer geschah. Um uns herum tobten Kriege, die Menschen rissen sich gegenseitig ihre Herzen heraus, doch sie berührten uns kaum, streiften uns und unser Glück nur leicht am Rande. Wir waren in unserer Mitte und lebten um der Liebe und um des Lebens willen.
Leben und Liebe sind eins, ohne das eine hat das andere keinen festen Stand in der Welt.
Und nun ist das Leben ausgehaucht, die Liebe Ziel und Haltlos. Und so treibe ich fallend in die Tiefen des Alls, durchschlage Dimensionen und zerschlage die Brücken, die mich mit jener nun vergangenen Welt verbanden, bis nichts mehr bleibt. Keine Erinnerung, keine Glück, kein Boden auf dem ich noch stehen könnte.
Und dann ist es vorbei.
Das Licht ist aus, und selbst die Dunkelheit ist verschwunden.
Und dann nimmt im endlosen Nichts ein Gedanke Anlauf, um gedacht zu werden. Wie von einer unsichtbaren Macht gezogen, rollt und fegt er über etwas hinweg das wohl ich sein muss. Das Nichts erkennend formt das Bewusstsein seinen ersten Gedanken. Stärker als das vergangene Ich, stärker als das verblasste Sie.
Ein Gedanke, der in sich alles eint was ist; der Unterschiede verbindet, Gleiches einbindet und der dem, dem Universum zugrunde liegenden Seinszustand eine Form gibt.
Es gibt nur diesen einen Gedanken. Alles weitere ist nur konkretere, differenziertere Beschreibung. Es ist ein Gedicht, ein Festspiel, die Zelebrierung des Urzustandes der Einheit.
Wir.

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