Die Frau aus dem Nebel - Page 4

Bild von Nicole Schrake
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sein Gehöft. Seine Welt war geradlinieg, ohne Fallgruben, er besaß einen Charakter, urwüchsig, wie das Land, das er bestellte. Sven ergriff die große Schiefertafel und beschriftete sie mit klaren, feinen Buchstaben:

- Wolkom -
Wir freuen uns, Sie heute begrüßen zu dürfen.
Seien Sie unsere Gäste bei frischem Fisch, einer steifen Brise und guter Musik. Lassen Sie sich von den Flammen des Biikebrennes und unseren kulinarischen Leckereien verzaubern -

Um 18 Uhr war Eröffnung. Die Minuten schienen zu schleichen, zogen sich wie Kaugummi. Sven gönnte sich auch einen Schnaps. Himmel, ihm ging der Arsch auf Grundeis. Hier wurde gerade sein Baby geboren und er fühlte sich, als sei es in einer Steißlage. Hoffentlich ging alles glatt über die Bühne. Die Tür klappte. „Robert!“ Svens dunkle Stimme schallte durch den Raum. Eine stürmische Umarmung, ein Schulterklopfen, als habe man sich 20 Jahre aus den Augen verloren. „Mensch, Sven, ich freue mich so hier zu sein.“ lachte Robert. Annelore stellte dem attraktiven Gast mit den graumelierten Schläfen ebenfalls einen Aquavit hin. „Geht aufs Haus.“ flötete sie und senkte ihren Blick nur zu gerne in die Augen ihres männlichen Gegenübers. Robert, der alte Schwerenöter, prostete der hübschen Blondine zu. Sven überprüfte die Musikanlage und bald waberte ein rhythmischer Sound durch das Restaurant. Zufrieden nickte Sven. „So, Leute, ich muss jetzt in unsere Kombüse.“ „Lass mich Dir helfen.“ lachte Robert. „Du mit Deinen zwei linken Händen ... Komm mit. Erzähle mir den neusten Klatsch aus Hamburg.“ Richard erhob sich. „Ich muss zurück, die Kühe melken. Komm dann später, um Deine Blamage hautnah mitzuerleben.“ zwinkerte er Sven zu und verzog sich. Sven und Richard gingen in die Küche. Annelore stand hinter dem Thresen und polierte die Gläser. Die Sonne ging langsam über den Meer unter und über allem lag ein erwartungsvoller Zauber in diesem unwirklichen Licht des sterbenden Tages, den man immer wieder spürte und immer wieder von Neuem nur zu gerne erlag.

Die Werbetrommel schien prächtig funktioniert zu haben. Um 19 Uhr war das Strandlokal voll besetzt. Gut gelaunte Gäste, ein seeliger Inhaber und zwei kompetente Kellnerinnen sorgten für ein Aufgehen des Konzeptes. Svens Baby war geboren und es schien sich wohl zu fühlen, auf diesem neuen, aufregenden Terrain. Der Fisch mundete allen hervorragend und das frisch gezapfte Bier sowie die bunten Longdrinks fanden reißenden Absatz. Gegen 22 Uhr gab Sven Annelore ein Zeichen. „Ja, Chef?“ „Du, ich verziehe mich mal für eine Stunde. Will mir das Biikebrennen angucken.“ „Alles klar, Chef, wir werden das Kind schon schaukeln.“ Annelore zwinkerte Sven zu, der in seine Jacke schlüpfte und ins Freie trat. Die Musik drang an sein Ohr, vermischt mit dem Gesang der Wellen und dem Geschrei einer Möwe, die einsam ihre Bahnen über dem Wasser zog. Das Feuer schickte seine Armee der Funken gen Himmel, viele Menschen hatten den Weg zum Biikebrennen gefunden.

Sven saß ein Schluchzen in der Kehle. Sein erstes Biikebrennen seit Jahren. Wie hatte er es vermisst. Eilig lief er auf das Feuer zu. Er erkannte in der Menge Richard, der ihn gleich zu sich heran winkte. „Na? Alles im Lot?“ „Klar, komm nachher noch auf einen Absacker vorbei.“ Richard lachte. Die Einladung ließ er sich bestimmt nicht ergehen. Das Biike-Lied erklang und Sven verstand nach all den Jahren noch jedes Wort. Die Kinder hielten das Stockbrot in die Flammen und so manche Buddel machte die Runde. Sven ließ seinen Blick kreisen und verfing sich in den gold-glänzenden Augen der rothaarigen Frau vom Strand. Die Flammen glitzerten in dem Blick der rassigen Fremden, die Sven unverwandt ansah. Ein leises Lächeln umspielte die vollen roten Lippen der Frau. Der Weimaraner saß zu ihren Füßen, hingegossen wie eine Statue, ergeben den Blick zu seinem Frauchen gewandt. Sven war wie gebannt, gebannt von der fast ätherischen Schönheit der Fremden, gebannt von der Aura, die sie umgab, einer Magie gleich, die sein Herz in Feuer verwandelte und das Blut wie Gold durch seine Adern fließen ließ. Ein unsanfter Stoß von Richards Ellenbogen riss Sven aus seiner Versunkenheit. „Mönsch, Du Döspaddel, gib mal die Pulle her.“ Sven nahm die freundlich dargereichte Flasche seines Nachbarn an und reichte sie dem anscheinend immer noch durstigen Richard. Sven hob seinen Kopf und suchte wieder den Blick der schönen Unbekannten. Doch sie war weg, lautlos verschluckt von den Schatten der Nacht ...

Sven kehrte gedankenverloren zu seinem Bistro zurück, nachdem er den volltrunkenden Richard in ein Taxi Richtung Tating zum heimischen Gehöft setzte. Ein eiskalter Wind pfiff über den Strand. Plötzlich sauste ein grauer Schatten an Sven vorbei. Der Weimaraner tobte über den nassen Sand, dann umtänzelte er den einsamen Wanderer, kläffte, um dann wieder wie ein Blitz in die Nacht davonzusausen. Sven rief in die Finsternis: „Hallo, ist da jemand?“ Ein glockenhelles Lachen erklang. „Entschuldigen Sie, ich hoffe, dass Hector sie nicht erschreckt hat.“ erklang ein melodiöse Stimme. Sven vernahm ein angenehmes Parfüm, das ihn an Heu und Sommerblumen erinnerte. Die Fremde stand vor Sven. „Guten Abend, ich bin Marleen. Hector wollte noch einmal unbedingt an den Strand. Er ist nun einmal ein Energiebündel.“ Sven konnte in der Dunkelheit kaum etwas erkennen, nur den schemenhaften Umriss einer Frauengestalt. „Oh, nein, Ihr Hund hat mich nicht erschreckt.“ brachte der überraschte Mann mühsam hervor, völlig fasziniert von dieser Begegnung zu später Stunde. „Ich wollte gerade zu meinem Strandrestaurant zurück, darf ich Sie noch auf ein Glas Rotwein einladen?“ fragte er kühn die nächtliche Spaziergängerin. „Mein Name ist Sven Henke.“ stellte er sich dann vor. „Gerne.“ antworte die Frau unverhofft und folgte Sven schweigend zum Ziel. In der Beleuchtung des Restaurants musterte der Mann sein Gegenüber und er fühlte seinen Herzschlag einen Moment lang aussetzen. Niemals zuvor hatte er in ein solch exquisites Frauengesicht gesehen. Sie war schön, von einer Reinheit und Klarheit, die man kaum beschreiben konnte. Das rote Haar, das das blasse Gesicht umschmeichelte, wieder kein Hauch von Make-Up, doch das brauchte sie auch nicht, sie war einfach vollkommen. Marleen lachte etwas verlegen unter Svens Blick, den man auch sehr gut als Starren bezeichnen konnte. Sven schüttelte den Kopf und riss sich aus seiner

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Kommentare

22. Jan 2017

Hallo, Ihr Lieben, es freut mich, wenn Ihr meine Story lesenswert findet, vielen Dank dafür.

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