Die Frau aus dem Nebel - Page 5

Bild von Nicole Schrake
Mitglied

Versunkenheit. „Bitte.“ Er ließ der Fremden den Vortritt und folgte ihr. Oben vor der Tür verharrte die Schöne und pfiff. Hector tauchte auf, selig über diesen nächtlichen Spaziergang, Sand auf der feuchten Nase. Welche Krabbe hatte er wohl aus ihrem Schlaf gescheucht? Stürmisch hüpfte der Weimaraner die Holztreppe hoch. Als Marleen die Tür öffnete schlüpfte der Hund hinein. „Na, er hofft, dass er noch eine Leckerei abstauben kann.“ lachte Marleen wieder. Sven war einfach nur fasziniert, paralysiert von der Anmut und Grazie des weiblichen Gastes.

Annelore stand im Gästeraum. „Hey, ich dachte, Du hättest schon Feierabend gemacht.“ „Nee, Chef, ich wollte das Chaos noch etwas beseitigen. Der letzte Gast ging auch erst vor einer halben Stunde. Er wollte partout hier bleiben.“ grinste die Kellnerin über das ganze Gesicht. „Jetzt sieh aber zu, dass Du in die Falle kommst. Soll ich Dich bringen?“ fragte Sven. „Nee, lassen Sie mal, ich finde schon heim.“ antworte Annelore beruhigend und musterte neugierig die schöne Frau. „Hallo.“ sagte Marleen und lächelte die Kellnerin freundlich an. „Hallo. Jaaa, Chef, dann gehe ich mal.“ Etwas unschlüssig stand Annelore hinter dem Thresen, hing das Trockentuch dann auf und nahm ihre Jacke von der Garderobe. „So, dann gute Nacht.“ „Tschüss. Komm gut heim." Sven und Marleen blieben alleine zurück, sahen sich an und lachten wieder etwas verlegen. Hector machte es sich bereits auf einem der Sisalteppiche gemütlich und leckte seine nassen, salzigen Pfoten ab. „Darf ich Ihnen Ihre Jacke abnehmen.“ fragte Sven galant. Marleen trug einen grauen Webpelz, der einen gerade dramatischen Kontrast zu ihren roten Haaren abgab. Im warmen Licht des Restaurants sah Sven, wie sich ihre blassen Wangen etwas röteten. Der wollweiße Norwegerpullover schmiegte sich anmutig an die Frauengestalt. Ihr Alter konnte Sven nicht einmal schätzen, sie besaß etwas Zeitloses, Stil und ihr Geschmack schien teuer. Das sah Sven auf einem Blick. Wer immer die Frau aus dem Nebel auch war, am Hungertuch schien sie nicht zu nagen. Sven nahm ihre Jacke entgegen und für einen Sekundenbruchteil berührten sich ihre Hände. Ein Stromstoß schoss durch Svens Körper, 100000 Volt setzten sein Herz in Brand und seinen Verstand außer Gefecht. Er war verknallt, bis über beide Ohren.

Marleen lächelte und Sven versank in dem Grün ihrer Augen. Er riss sich zusammen, räusperte sich. „Möchten Sie schon einmal Platz nehmen?“ fragte er mit nicht ganz fester Stimme. „Gerne.“ Marleen setzte sich an den runden Holztisch direkt neben dem Tresen und rieb sich ihre kalten Hände. Sie ließ ihren Blick wandern und Sven hatte Gelegenheit das klassisch vollendete Profil Marleens zu bewundern. „Hübsch haben Sie es hier.“ „Oh, danke. Möchten Sie ein Glas Leverano?“ „Ja, gern.“ Sven ging hinter den Tresen und öffnete die Flasche Wein; er dekantierte ihn, nahm zwei Gläser und setzte sich dann zu Marleen an den Tisch. Hector stand auf und stupste sein Frauchen an. „Oh, ich glaube, wir haben jemanden vergessen.“ lachte Marleen laut auf. „Haben Sie ein Schälchen Wasser und noch vielleicht etwas aus Ihrer Küche?“ fragte sie Sven mit einem spitzbübischen Lächeln. „Hector ist immer tödlich beleidigt, wenn er nicht beachtet wird.“ Zärtlich strich sie dem Hund über den grauen Kopf. „Ja, natürlich.“ Sven stand auf und verschwand in der Küche. Er nahm eine Tupperschale, füllte sie mit Wasser und stöberte im Kühlschrank. Eine Salami musste etwas von ihrem Leben und Leib lassen. Sven ging mit Wasser und Wurst zurück. Kurz darauf schlabberte Hector das kühle Nass und auch die dargereichte Salami schien ganz nach seinem Gusto zu sein. Wenig später rollte sich der Weimaraner wieder auf dem Sisalteppich zusammen und seufzte zufrieden. Sven setzte sich zu Marleen und goss den Wein ein, der blutrot in den Kristallgläsern schimmerte. „Ich heiße Sie herzlich Willkommen, hier in meiner kleinen Strandmuschel.“ prostete Sven Marleen zu. Sie lächelte und neigte dankend den Kopf. Der Wein mundete vortrefflich. „Ich kann auch noch eine Käseplatte anrichten.“ sagte Sven eifrig. „Nein, danke.“ Marleen sah sich erneut um und Sven betrachtete einmal mehr verzückt sein bezauberndes „Strandgut“. Ja, so war sie, angeschwemmt worden von einem launischen Schicksal, in sein Dasein getreten aus dem Nichts und jetzt saß sie an seiner Seite. Real, voller Leben und wunderschön.

Das Brummen eines Handys zerriss den Zauber des magischen Augenblicks. Sven ging zur Garderobe und sah auf das Display. Robert! Mein Gott, den hatte er ganz vergessen. „Ja?“ „Mensch, Du Trottel! Wo warst Du? Ich habe Dich beim Biikebrennen gesucht.“ schall Roberts wütende Stimme an Svens Ohr. „Ich komme extra aus Hamburg, um mit Dir zu feiern und Du verziehst Dich!“ „Robert, entschuldige, ich bin aufgehalten worden.“ erwiderte Sven lahm. Marleen lauschte dem Gespräch amüsiert. „Wo bist Du denn?“ „Mann, Du Pfeife! Ich bin schon in Deinem Haus. Ich war noch einmal an der Strandmuschel, aber Deine nette Kellnerin sagte, Du seist schon weg. Na, Gott sei Dank habe ich den Schlüssel. Ich gehe jetzt schlafen. Ich wollte nur wissen, ob bei Dir alles klar ist.“ Robert schien sich etwas abreagiert zu haben. „Ja, ich bin jetzt wieder im Lokal.“ „Na, dann gute Nacht, wir sehen uns dann morgen." Robert beendete das Gespräch. „Ich habe meinen Freund „versetzt“.“ lachte Sven Marleen an. „Oh, ich denke, dass Männer das leichter verzeihen als wir Frauen.“ erwiderte Marleen und lächelte bezaubernd. Sven setzte sich wieder. „Woher kommen Sie?“ fragte er Marleen. „Ich bin die Frau aus dem Nebel.“ erwiderte Marleen, Schalk in den Augen. „Ich habe Sie an jenem Morgen gesehen. Sie sahen aus dem Fenster.“ „Ich glaubte schon, einem Spuk aufgesessen zu sein, Sie waren da und im nächsten Moment, nichts.“ Marleen lächelte leise. Sven konnte sich an ihrem Gesicht einfach nicht satt sehen. Es war nicht die Schönheit alleine, nein, es war die Mischung aus Klugheit, Sensibilität und etwas Geheimnisvolles, ein Gesicht, das durch seine Tagträume wanderte, seit jener Stunde im Zwielicht des Morgens.

„Ich fürchte, dass wir unsere Begegnung hier beenden müssen. Die Flut kommt bald. Ich möchte Sie noch trockenen Fußes zu Ihrer Unterkunft bringen.“ sagte Sven und bedauerte zutiefst die frühe Verabschiedung. „Oh, das ist nicht nötig. Hector wird mich sicher nach Hause bringen.

Seiten

Mehr von Nicole Schrake lesen

Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.

Interne Verweise

Kommentare

22. Jan 2017

Hallo, Ihr Lieben, es freut mich, wenn Ihr meine Story lesenswert findet, vielen Dank dafür.

Seiten