Die Frau aus dem Nebel - Page 6

Bild von Nicole Schrake
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Nur keine Sorge.“ Marleen und Sven standen auf, sahen sich etwas unschlüssig an, dann nahm Sven Marleens rechte Hand, umfasste sie warm und sagte eindringlich: „Es hat mich sehr gefreut Sie kennenzulernen. Sehen wir uns wieder?“ Marleen lächelte sanft. „Ganz bestimmt.“ erwiderte sie leise und entzog Sven sachte ihre Hand. Er half ihr in den Webpelz. „Hector.“ Der Hund sprang auf und lief zu seinem Frauchen. Marleen öffnete die Tür. Der Wind nahm stetig zu. Die Flut kam und das Meer brüllte sein Kommen förmlich heraus. „Soll ich Sie nicht doch bringen.“ „Nein, keine Angst, ich kenne den Weg.“ Marleen lächelte Sven noch einmal an, dann verließ sie den Gastraum und lief eilig die Treppe herab. Hector wartete bereits auf sie. Sven sah Marleen und dem Hund gedankenverloren nach, den immer kleiner werdenden Gestalten, bis die Dunkelheit wieder einmal mit ihren Silhouetten verschmolz. Er vermisste sie jetzt schon, seine Frau aus dem Nebel ...

Erst das bedrohliche Grollen der nahenden Nordsee riss Sven aus seinen Gedanken. Schnell löschte er im Bistro die Lichter und verschloss die Eingangstür. Die Wellen leckten bereits an den Stelzen der „Strandmuschel“. Jetzt wurde es allerhöchste Zeit. Sven rannte über den Strand, Richtung Land. Der Wind peitschte die Wellen immer weiter voran, die Priele füllten sich mit dem salzigen Wasser. Jetzt ging es um Sekunden. Der blanke Hans schien allgegegenwärtig. Der Jeep stand oben auf dem Parkplatz. Nach dem Biikebrennen und dem genossenen Alkohol wollte Sven den Wagen besser stehen lassen. Noch nie war Sven der Fußmarsch zum trockenen, rettenden Ufer so weit vorgekommen. In der Dunkelheit fiel ihm die Orientierung schwer. Kein Licht vom Festand wies ihm den Weg. Um diese Stunde lagen alle in ihren Betten und schliefen. Der herumirrende Mann fühlte Panik in sich aufsteigen. Da! In der Ferne leuchtete ein Lichtkegel, der dann sein Gesicht traf. „Mensch! Sind Sie bescheuert? Machen Sie, dass Sie da wegkommen oder Sie enden hier als Wasserleiche!“ erscholl eine barsche Stimme. Sven sah einen uniformierten Polizisten und lief auf ihn zu. „Ich habe mich total verschätzt.“ rief er mit überschlagender Stimme. „Ja, das sehe ich! Mann! Die Flut ist pünktlich! Hat Ihnen das schon mal einer gesagt?“ Sven keuchte und konnte nur nicken. Der Polizist ergriff seinen rechten Arm und zog ihn mit sich. Hinter sich das tosende Meer, dieses unwirkliche Szenario und die Angst ließen Sven fast die Beine wegsacken. Der Polizist zog ihn hoch und stieß ihn weiter, immer weiter. Sven mobilisierte seine letzten Kräfte. Im Licht der Taschenlampe erschien ein Streifenwagen. Die Männer stiegen schnell ein. Die Reifen standen schon bedrohlich im Wasser. Es war immer wieder erschreckend und faszinierend zugleich, wie schnell sich das Meer das Land zurückeroberte.

Der Motor des Wagens jaulte auf, der Polizist gab Vollgas. Mit schlingernden Reifen raste der Kombi durch die steigende Flut. Dann erreichten sie endlich den asphaltierten Weg und entkamen den nassen, klammen Fingern des Meeres. Oben hinter dem Deich angekommen, hielt der Polizist. „Menschenskind! Ich sah noch Licht im Restaurant und dachte, na? Braucht da einer Hilfe?“ Sven kam mühsam zu Atem. Er hatte völlig die Zeit aus den Augen verloren. „Danke.“ Mehr brachte er nicht heraus. Der Polizist griente etwas bärbeißig. „Na? Kennst mich nicht mehr?“ Sven sah in das Gesicht. „Flo?“ fragte ungläubig. „Ja, Florian Kristen, Dein Kumpel, der die Schulbank mit Dir gedrückt hat.“ lachte der Polizist laut auf, dann umarmte er Sven und klopfte ihm auf den Rücken, als gäbe es kein Morgen. Er war genauso erleichert wie Sven. Florian Kristen, der größte Haudegen der damaligen Klasse, kein Baum war ihm zu hoch, kein Weg zu weit, nie war eine Klappe größer. „So, jetzt fahre ich Dich heim, nenne mir mal die Adresse.“ „Böhler Weg 25.“ Florians Mundwerk stand nicht still. Weitschweifig ereiferte er sich über den Dummkopf an seiner Seite, den er gerade noch dem Meer entreissen konnte. Heute Nacht würde sich Neptun keinen neuen Bewohner für sein nasses Reich unter den Nagel reißen.

Am Haus angekommen bedankte sich Sven noch einmal bei Florian. Der brummelte etwas, grinste dann: „Na, in Hamburg bist Du wohl eine olle Landratte geworden, was?. Da hat man die Gezeiten nicht mehr so im Blut.“ Sven lachte verlegen. Er stieg aus, grüsste und Florian fuhr davon. Sven ging mit staksigen Beinen auf die Haustür zu und steckte den Schlüssel ins Schloss. Die Tür ging mit einem leisen Knarzen auf. Wohlige Wärme schlug dem durchfrorenen Heimkehrer ins Gesicht, genau das, was er jetzt brauchte. Der Schreck steckte ihm noch in den Gliedern. Dieses Gefühl der Orientierungslosigkeit war das Schlimmste gewesen. Er, der eigentlich jeden Zentimeter und Wattwurm persönlich kannte. Sven zog die schweren Boots aus und stellte sie vor den noch glimmenden Kamin. Aufatmend ließ sich der erschöpfte Mann auf die weiche Couch sinken. Auf dem Tisch stand eine Flasche Holsten Pilsener, ein Zettel lehnte an ihr: Gute Nacht, Du treulose Tomate! Ach, der Robert ... Sven griff nach dem bereitliegenden Öffner und labte sich wenig später an dem Gerstensaft. Was für ein Tag, was für eine Nacht, was für eine Frau. Marleen ... Er wusste nichts von ihr und doch war die wenige Zeit, die sie gemeinsam in der „Strandmuschel“ verbrachten, von einer bedeutungsvollen, schicksalsschwangeren Schwere. Sven stellte die Flasche auf den Tisch und legte sich auf die Couch, er griff nach der auf der Lehne liegenden buntgemusterten Decke, zog sie über sich und versank fast unmerklich im Land der Träume.

Lautes Pfeifen weckte Sven. Der Duft von Spiegeleiern und starken Kaffee zog durch das Wohnzimmer. Robert stand anscheinend gut gelaunt in der Küche und kredenzte das Frühstück. Sven schälte sich aus der Decke und setzte sich auf. Seine blonden Haare standen kreuz und quer, als habe er in der Nacht mit den Fingern in der Steckdose geschlafen. „Na, Du alte Schnarchnase, wie ist das werte Befinden? Hast Du es nicht mehr ins Bett geschafft?“ Robert stand im Türrahmen, in blaues Flanell gehüllt, gut gelaunt und ausgeschlafen seinen Freund angrinsend. „Hör bloß auf, letzte Nacht wäre ich fast ersoffen.“ erwiderte Sven genervt. „Wieso das? Bist Du blöd?

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Kommentare

22. Jan 2017

Hallo, Ihr Lieben, es freut mich, wenn Ihr meine Story lesenswert findet, vielen Dank dafür.

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