Der Buddha

Bild von Potzlit
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Ihr Lächeln stellte er sich jedes Mal, wenn er da stand, bildhaft vor. Heute hörte er sie lauthals lachen, als er ihr die Angelegenheit berichtet hatte. Er hörte auch, wie sie ihm antwortete: „Mit Heiterkeit und Gelassenheit löst du das am besten.“
Ganz genau das hatte er vor zu tun, aber wie konnte er in seiner Lage gelassen bleiben und heiter lächeln, fragte er sich. Für ihn war es überhaupt keine Frage, dass er auf Ellis Grab eine Buddhastatue als Symbol der Ruhe und des Friedens stellen wird. Die Fragen stellten, nachdem er es getan hatte, überraschenderweise andere und er verstand diese Fragerei nicht.
Jene Pfarrerin, die damals keine Miene verzogen hatte, hat damit angefangen. In traurig-ernstem Tonfall hatte sie zum Publikum in der Friedhofshalle gesprochen und ihn dabei besonders angesehen, den trauernden Ehemann in der ersten Reihe.
„Selig sind die Friedfertigen“, lautete die von ihr gewählte Losung. Nach einer Sprechpause, in der die Aussage ihren Niederschlag finden sollte, hat sie angefügt: „Möge die Verstorbene ruhen in Frieden.“ Sie hat dann an die stets fröhliche, nette Ehefrau erinnert, die von einer heimtückischen Krankheit so unerwartet und plötzlich von seiner Seite gerissen worden war. „Sie ist nun in den ewigen Frieden eingegangen. Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen. Gepriesen sei der Allmächtige. Amen.“
Ja, Ellis Lachen, dachte er – ein Schmunzeln huschte über sein Gesicht –, ihre Heiterkeit hatte uns in jeder Lage optimistisch gestimmt und vorwärts blicken lassen. Wie oft hatte er zufrieden den von ihm geprägten Satz wiederholt: „Lächeln ist das Gesicht des Friedlichen, selbst seine Falten werden Gemütlichkeit ausstrahlen.“ Sie hat ihm zugestimmt, aber daraufhin auch ausführlich den feinen Unterschied erklärt. Buddha habe nie gelacht, sondern andauernd gelächelt. „Das Lächeln kommt von innen“, hatte sie gesagt, „Lachen hingegen dringt nach außen für die Zuhörer. Lächeln strahlt aus, die Zuseher lesen daraus die Heiterkeit des Herzens.“
Nach der Zeremonie in der Halle waren sie mit ernsten Mienen in langer Prozession hinaus in den Friedhof gezogen an das Grab. Zum Abschluss hatte die Pfarrerin mit ihrem rechten Arm ein großes Kreuzzeichen über die Sarggrube gezeichnet mit den Worten: „Sie ruhe in Frieden.“ Es war frostig-kühl, eisiger Novemberwind hatte ihnen entgegengeweht. Da wäre jedes Lächeln eingefroren.
Im Frühling, als ringsum grünes Gras wuchs, die Schlehenhecken blühten und die Forsythien leuchteten, machte er sich an die Gestaltung des Grabes. Sie wollte keinen schwarzen Marmor haben, ein weißer Stein in Form eines Herzens sollte es sein, der über ihrem Grab steht, und Blumen, nicht nur Efeu, der auch, aber viele blühende Blumen, bitte. „Du weißt, das Leben ist voll Farbe. Das ganze All drückt die Freude Gottes aus“, war ihr letzter geäußerter Wille. Diese Erkenntnis war ihr im Zenbuddhismus-Seminar aufgeleuchtet wie das Lächeln des Buddha auf dem Gesicht der Figur, die er auf ihr Grab gestellt hat.
Die Beerdigungspfarrerin hat ihn kurze Zeit später zu einem Gespräch gebeten. Dabei hat sie ihm eine neue Predigt gehalten und klargemacht, dass sie und der Friedhofsausschuss der Kirchengemeinde auf den Paragrafen 25 der Friedhofsordnung aufmerksam machen müssten, den er zu befolgen habe. Der Paragraf besagt, dass es insbesondere verboten ist, an oder auf den Grabmalen etwas anzubringen, was im Widerspruch zu christlichen Anschauungen steht. Die Buddhastatue auf dem Grab seiner verstorbenen Ehefrau ist aber das Symbol einer Religion, deren Lehre von der Wiedergeburt im Gegensatz zur christlichen Auferstehungshoffnung steht und deshalb ist sie dort nicht zulässig: „Der Buddha muss weg.“
Er verwies auf die exotischen Dekorationen, die auf den Gräbern zu finden sind. „Da stehen Gips-Engelchen aus dem Billigmarkt und liegen Plüschtiere herum. Was, bitte schön, ist an ihnen christlich?“, fragte er. „Was hat der profane Nippes mit Auferstehung zu tun?“
Er pflanzte die Primeln ein und ließ den Buddha weiterhin auf der Erde thronen und friedlich lächeln. Er schaute sich um und sah, dass in einem frisch aufgeschütteten Grabhügel, auf dem noch Kränze lagen, ein hölzernes Kreuz steckte. Es war aus zwei Brettern gezimmert und trug keinen Korpus. „R.I.P.“ war darauf geschrieben und Vor- und Zuname des Verstorbenen und Geburts- und Sterbedatum. Ohne Leib konnte er sich den auferstandenen Christus nicht vorstellen. Er sah noch einmal, wie die Pfarrerin das große Luftkreuz über den Sarg gezeichnet hat. Und er erinnerte sich an seine Elli: „Mit Heiterkeit und Gelassenheit löst du das am besten.“
Dann machte er sich auf den Weg zu dem Herrgottsschnitzer, dem der lächelnde Buddha so grandios gelungen war. Warum sollte ihm ein lächelnder Jesus am Kreuz nicht ebenso gut gelingen.

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Kommentare

Heiner Brückner
23. Feb 2016

Vielen Dank für alle Deine gereimten Kommentare, Du triffst stets sehr gut auf den Punkt ins Schwarze.
LG Heiner

26. Feb 2016

Eine schöne "friedvolle" Geschichte. Habe sie sehr gerne gelesen.

LG, Susanna