Das Haus der Schnecke

von Heinz H.-K.
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Das gelb-braun linierte Gehäuse liegt verlassen vor meinen Füßen. Ich hebe es auf, damit ich es näher betrachten kann.
Die Besitzerin hat es vor Zeiten verlassen. So liegt die leere Schneckenbehausung schon länger im Boden des kleinen Gartens. Jetzt bei der Gartenarbeit im Frühling kommt es wieder ans Tageslicht.
In der Öffnung vorne am Gehäuse steckt ein kleines Holzstöckchen in Erdkrümeln und Sand, das sich im Laufe der Vergangenheit darin sammelte.
Noch nie habe ich ein altes, gelb-braunes Schneckenhaus so realistisch klar vor mir bewusst angesehen, wie an diesem Samstagnachmittag im Garten.
Der halbschattige, vorsommerliche und schon sehr warme Nachmittag ließ mich mit Tisch und Stuhl ein schattiges Plätzchen suchen im halb verdeckten Sonnenlicht der Weide, die eben ihr erstes Blattwerk entfaltet. Hier fühle ich die kommende schöne Jahreszeit und es macht mir ein gutes, waches Gefühl.
Seit langem einmal wieder stärker fühle ich die gute Erde, auf der ich hier lebe.
Ich liebe dieses Gefühl, das einer Art Geborgenheit und tief empfundener Zufriedenheit verbunden ist.
Das Enkelkind tapst mit unsicherem Schritt durch das frühe, noch nicht beschnittene Grün mit den vielen Wildblumen. Es krächzt, kreischt und krakeelt an jedem Löwenzahn, jedem Wiesenschaumkraut und bei jeder dicken Hummel, die sie entdeckt.
Alle Wiesenblumen sind in diesen Frühlingstagen Herzöffner und Seelenstreichlerinnen. Das Kind verschwindet fast mit seiner erreichten Größe in den höheren Gräsern und den darin emporwachsenden Wildblumen. Es lässt seiner Lebenslust vollen Lauf im Lachen und Spielen und Krakeelen durch Blumen und Gesträuch. Ein „Ah..“, und „Babbamam“, und „da da..“ unterbrechen die idyllische Ruhe des nachmittäglichen Wildgartens.
Das herumwirbelnde, quicklebendige Kind läßt mich durch seine lebhafte Freude und quirlige Lebendigkeit selbst jung sein und schafft es, den Nachmittag in eine sorgenvergessene Oase zu versetzen.
Ich genieße diesen Moment des tiefen Berührens und Einssein mit mir, mit dem Wind, der mir über Stirn und Nacken streift, und dem angenehm schattigen, blätterberauschten, unterbrochenen Lichtes, das durch die bewegten jungen Ästchen auf diese Szenerie leuchtet.
Seltsam, selten so konzentriert erfüllt sich mir die Erkenntnis des schreibenden Festhaltens.

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Kommentare

22. Apr 2018

:-) Ja Sabrina, so oft "müssen" wir stark sein und "unfehlbar"...; mir war einfach mal so danach zu Mute.
Danke für Deine Bemerkung
LG
Heinz

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