Hock bei der Startrampe G - Mit Gottes Hilfe

Bild von Klaus Mattes
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Hatten wir es erwähnt? Im Kurs von Frau Henkenhaf sind mehr Männer als Frauen, niemand unter etwa 35 und sowohl bei den Männern wie bei den Frauen fast nur Unverheiratete, bzw. Geschiedene, Alleinerziehende. Frau Schnurr, die Rollstuhlfahrerin, hat keine Kinder, aber einen festen Freund, über den sie sich immer wieder hoch zufrieden äußert. Herr Guhse aber, der eigentlich ein waschechter Russe ist, seinen deutschen Namen hat er dann von der Ehefrau übernommen, mit 49 Jahren liegt er im Mittelfeld, ist als einziger sowohl verheiratet, mit seiner Frau zusammenlebend wie auch Vater von mehreren Kindern.

Herr Guhse hat früher in Mittelasien in einem Bergwerk geschuftet, er sieht auch heute noch drahtig, hart und zäh im Nehmen aus. Aber dann hat er eine schlimme Krankheit gehabt und die halbe Lunge weggeschnitten bekommen. Anschließend war Herr Guhse Schulbusfahrer, dort in Russland oder wo das war.

Herr Guhse kann miserabel Deutsch, schlechter als der Syrer Sidi, der es auch nicht so gut kann. Sidi ist zehn Jahre in Deutschland, Herr Guhse einige Jahre länger, aber er kann es überhaupt nicht. Die Kinder, sagt er, die können es. Sagt man irgendwas zu Herrn Guhse, muss er stets längere Zeit denken, was es bedeuten könnte oder was man antworten kann. Dann kommt etwas wie: „In Russland ... Leute ... müssen gekauft wenige.“ Herr Guhse liebt dieses Wort müssen so, dass er es in jeden dritten Satz einbaut. Es scheint immer wieder anderes zu bedeuten. Lieber ist Herrn Guhse, wenn er eine inhaltsschwere Schweigepause machen, zur Decke hinauf blicken, die flache Hand ausstrecken und dann ebenfalls Richtung Decke stoßen und dazu „Hm!“ machen kann. An solchen Stellen springen Menschen wie Herr Störk oder Frau Henkenhaf ihm bei und sagen vor, was er hat sagen wollen. Das mag Herr Guhse nicht. Er sprudelt sofort los, kurioses Kauderwelsch, schneller und immer lauter werdend, damit er nicht hören kann, was die anderen ihm gerade unterschieben.

Manchmal erhebt sich Herr Guhse mitten in der Stunde vom Stuhl, geht einige Schritte so, einige so, stellt sich hinter seinen Stuhl und stützt sich auf der Lehne ab. Er hat ein angespanntes, unleidliches Gesicht. Man fragt sich, was ist denn los, was macht der da, passt ihm was nicht. Bis man sich erinnert, dass Herr Guhse keine Zwangshaltungen einnehmen soll, wegen seiner Krankheit. Herr Bross, also wir, der Erzähler, hatte nicht begriffen, was Zwangshaltungen sind, er hat gefragt. Zwangshaltungen sind, wenn der Körper längere Zeit dieselbe eine Haltung einnehmen muss. Immer nur ruhig sitzen. Immer nur stehen und Leute bedienen. Sich ständig bücken und was aufheben. Immer in denselben Desktop starren. Das sind Zwangshaltungen, geht bei Herrn Guhse gar nicht.

Herr Weise, dicker Koch, unverheiratet, mit Diabetes, ist empört. So was von typisch sei das wieder! Wenn es einen Fall von eindeutig notwendiger Verrentung gibt, dann Herrn Guhse. Noch hält Herr Guhse die Hand in der Nähe seines fehlenden Lungenflügels und lächelt milde und verzeihend. „Herr Brandes“ - Herr Brandes ist sein Fallmanager im Jobcenter - „sagen Rente nicht. Nu ... keine Rente, Arbeit.“ Herr Guhses Gesicht nimmt bei diesen Worten einen Ausdruck an, den der russische Mensch wahrscheinlich im Lauf von Jahrhunderten sich angeeignet hat. Er bedeutet möglicherweise: „Was immer kommt, es ist nicht in unserer Macht, das zu ändern, also wollen wir es gutheißen und uns freuen an anderem.“ Nach zehn Jahren mit der Krankheit und neunzehn Operationen, „19 OP“, sagt Herr Guhse, perfekt wie ein Einheimischer, findet er heute: „Gott hat geholfen. Nicht ... gegen! Müssen danken ... gute Gott. Müssen ... leben.“

Herrn Guhse bekommen wir von jetzt ab immer seltener zu Gesicht. Anfangs bekommt er zwei Vorstellungstermine zugeschoben, alsbald ruft er an und sagt Frau Henkenhaf ab, es geht ihm schlecht. Sie sagt, das war im Handy genau zu hören, dass Herr Guhse nicht kann. Aber eine Krankschreibung wird er ihr zeigen müssen - wie alle. Frau Henkenhaf stellt sich vor, Herr Guhse könnte Fahrer sein für behinderte Kinder, die zur Schule gebracht und wieder abgeholt werden. Da sitzt er eine Weile am Steuer, dann hat er Wartezeiten, in denen er stehen und auf und ab gehen kann. Oder Fahrer für eine Zeitarbeitsfirma, wo er die Beschäftigten zu den wechselnden Arbeitsstellen transportiert.

Eines Tages geht Herr Guhse in der Pause von einem Teilnehmer zum anderen und überreicht, ohne ein Wort, ein Blatt Papier, jeden ernst und bedeutungsvoll anschauend. Einige Leute nehmen das Blatt nicht mal. Was mag das sein? Es ist ein in perfektem Deutsch verfasster Aufruf, am Wochenende an einer Kundgebung in der Landeshauptstadt teilzunehmen. Es ginge um die Elternrechte, heißt es, man sieht erst nicht, was das sein soll, auch nicht, wer das Blatt hat drucken lassen. „Ah ja, geh mir weg, ich weiß, was das ist“, zetert der kleine Herr Störk und knüllt es demonstrativ.

Wir schauen noch einmal hin. In der Hauptstadt regiert seit Jahren eine irgendwie linke Partei und die hat beschlossen, dass sämtliche Kinder in allen Schularten und auf diversen Altersstufen Unterricht über Sexualität und Geschlechterrollen erhalten. Kein Kind soll mehr aus der Schule gehen, ohne gehört zu haben, dass Männer und Frauen die gleichen Rechte haben, dass es Homosexuelle gibt, dass das nicht schlimm ist und dass die auch die gleichen Rechte haben und auch Eltern sein können. Wie man jetzt auf dem Blatt von Herrn Guhse sieht, einigen Gruppierungen schmeckt der schulpolitische Beschluss nicht. Sie fassen ihn als Verrat am christlichen Abendland auf. Unter den klein gedruckten Verantwortlichen des Aufrufs tauchen folgende Begriffe auf: evangelikale Christen, Kinderschützer, Abendländer.

Wie sich herausgestellt hat, ist Herr Guhse nicht nur Gott für seine Gesundung verpflichtet, sondern seiner ist der christliche Gott und hierbei nicht der durchschnittliche Lau-Christgott, sondern der Entschieden-Christgott.

Herr Bross, der es allerdings nicht zum Thema im Startrampe-Stuhlkreis machen will, dass er homosexuell ist und dass er nebenbei noch Kenntnis hat, dass er von dieser Sorte hier nicht der einzige ist, denkt, es wäre angebracht, Herrn Guhse etwas Dissens zu signalisieren.
„Ach so, die sind das“, ruft er. „Wenn du die Blätter von denen, die dagegen demonstrieren, verteilt hättest, wäre ich vielleicht hingefahren.“

Herr Guhse sieht ihn ernst und desorientiert an. Man weiß nicht, hat er nicht verstanden, was Bross da gerufen hat, oder reicht ihm seine Sprachkompetenz zur Antwort nicht aus. „Ein nein ... nu ... Gott müssen beten“, hätte er sagen können, doch er sagt nichts. Frau Henkenhaf sagt auch nichts. Es war noch in der Pause, mitgehört hat sie allerdings.

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