An einem Morgen

von Jürgen Skupniewski-Fernandez
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Das kleine, aus Natursteinen, erbaute Häuschen stand einsam und allein auf weiter Flur in der von Hügeln begrünten und teils steinigen Landschaft. Es bestand nur aus zwei Räumen; der Schlafbereich für den Schäfer, seine Frau und der kleinen sechsjährigen Tochter. Die drei Söhne schliefen im geräumigen Gemeinschaftsraum. Entweder auf dem Fußboden oder auf der gemauerten Sitzbank.

Er lag auf der steinernen Bank auf einem Schafsfell; der wollene Burnus wärmte ihn in dieser Nacht besonders gut. Der kleine Yassine hatte sich zu seinen Füssen gelegt und hielt sein rechtes Bein fest in seinen Ärmchen wie eine liebgewordene Siegestrophäe. Seine Brüder schliefen am Boden ebenso auf Schafsfellen. Er öffnete immer wieder seine Augen, schloss sie wieder und fiel von einer Traumepisode in die andere. Es fühlte sich derart angenehm an, dass er nichts weiter als den Wunsch verspürte sich noch eine Weile an ihnen zu wärmen.

Ein Déjà-vu Erlebnis: Ein unbekanntes Gefühl, nicht definierbar, wärmende Emotionen, nahm von seinem Körper Besitz. Es war alles so anders still um ihn herum. Bildfetzen aus der Tiefe seiner Gedanken zeigten sich seinem inneren Auge. Sie deuteten auf etwas Bestehendes, aber irgendwie auch auf nicht Vollendetes hin. Begleitet von einer Intensität an Stille und Wohlbefinden. Er versuchte mit seinen Gedanken diesen Moment zu erklären; es waren ans Licht aufgestiegene Träume, von Ferne, kaum lesbar, nebulöse Silhouetten, die sich meldeten. Wie alles schon mal durchlebt.

Es kam ihn so vor, als wäre er gar nicht bei sich; lebend bewusst in ein aktives Traummuster eingetaucht. Ein plötzlicher Sonnenstrahl traf ihn durch das gemauerte Fenster und holte ihn aus der Tiefe ans Tageslicht. Wo war er gewesen? Dieser Moment hallte in ihm nach und machte sich in seinem Bewusstsein breit, aber nur auf einer gedanklich wahrnehmbaren Stufe. Nicht in seiner ursprünglichen Tiefe; der Zugang blieb ihm verwehrt. Seine Schläfen pochten, unter seiner Stirn kam ein leichter Druck auf. Doch er war nicht verwirrt oder ängstlich. Er sah das Ereignis als Abfolge zwischen Unterbewusstsein und Bewusstsein. Ein Wacherlebnis, dass sich zwischen eben diesen Ebenen abspielte. Das Schweigen will nicht denken. Er ließ sich vom Erlebnis lenken und war diesem ganz ergeben.

Auf dem Fußboden hatte die Mutter bereits das Frühstück auf einer bunten Decke vorbereitet. Der zweitälteste Sohn führte ihn nach draußen zum Brunnen. Eine mit Wasser gefüllte Tränke war für die kleine Schaf- und Ziegenherde gedacht, die allerdings schon seit geraumer Zeit mit dem Schäfer und seinem kleinen Sohn Yassine hinter den grünen Hügeln verschwunden war. Das eiskalte Wasser holte ihn nun vollends in die Wirklichkeit zurück. Als alle ihre Morgentoilette unter freiem Himmel in der wärmenden Morgensonne beendet hatten, gingen sie gemeinsam ins Häuschen, setzten sich um die bunte, eingedeckte Decke in den Schneidersitz und genossen das frische Fladenbrot, Käse und Oliven und schlürften plappernd ihren, auf türkische Art, zubereiteten Kaffee.

Der Schäfer, von dem hier die Rede ist, lebte im Süden Tunesiens im Regierungsbezirk Mednine. Die Landschaft ist karg und der Boden nicht gerade besonders fruchtbar. Tiefer im Land strecken sich weite Ebenen aus. Teils flach und steinig, abwechselnd mit begrünten Hügeln. Hier lebte auch jene Berberfamilie, die ihr Häuschen aus den herumliegenden Steinen baute. Glück hatte sie, dass es eine sprudelnde Quelle in der Nähe gab. So konnte die Familie überleben.

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