Sweetthought Kapitel 1

von Tobias Neu
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„Hey, holt mal einer einen Arzt! Der blutet am Kopf!“, hörte Hector jemanden rufen. Ihm schmerzte der Kopf und irgendwas Nasses rann seine Stirn runter.
Er versuchte die Augen zu öffnen, doch er wurde von einem hellen Licht geblendet und kniff die Augen zusammen.
Irgendjemand rief laut neben ihm: „Ich glaub, der wacht wieder auf. Wo bleibt denn der Arzt?“
Schmerzvoll hallten die Worte in Hectors Kopf wieder. Verärgert wollte er dem Schreihals ein „Halt die Fresse!“, entgegen werfen, doch mehr als ein unverständliches Gemurmel bekam er nicht zustande.
Irgendetwas stimmte nicht mit ihm, dämmerte es ihm langsam.
„Ich bin schon hier, lasst mich durch“, vernahm Hector eine weiche Frauenstimme und kurz darauf merkte er, wie sich jemand zu ihm hin kniete und begann, seinen Puls zu fühlen.
„Puls scheint stabil zu sein... Was ist denn passiert?“, fragte die Stimme mit gewisser Autorität.
Der Schreihals von vorhin antwortete, zu Hectors Glück nun in einer normalen Lautstärke: „Als die Kapsel angedockt ist, gab es einen Ruck und sein Koffer ist ihm auf den Kopf gefallen. Er hat ihn wohl nicht gescheit festgemacht.“
Leicht spöttisch meinte die weibliche Stimme: „Ah, so ein Spezialist also...“
Verärgert wollte Hector irgendetwas erwidern, doch wieder brachte er nur ein unverständliches Nuscheln zustande.
Lachend tätschelte ihm jemand die Wange und die Ärztin sagte: „Ruhig bleiben, wir bringen dich in die Krankenstation und flicken dich dort wieder zusammen.“
Dann wurde er auf eine Bahre gelegt und fortgebracht. Langsam entglitt ihm so auch der letzte Rest seines Bewusstseins.

Erneut öffnete Hector die Augen, doch schnell schloss er sie wieder. Sie schmerzten wegen dem dämmrigen Licht, welches durch den Krankenbettvorhang fiel. Stöhnend richtete er sich auf, ihm war hundeelend.
Ein Schmerz ging von seiner Stirn aus und er zuckte zusammen. Vorsichtig tastete er nach der Quelle des Schmerzes und er bemerkte, dass ein großer Verband quer über seiner Stirn befestigt war.
„Verdammt...“, fluchte er leise und bemerkte, dass sich sein Hals geradezu schmerzhaft trocken anfühlte.
Im selben Moment nahm er wahr, wie sich ein Schatten hinter dem Vorhang bewegte. „Na? Ist Dornröschen wieder aufgewacht?“, hörte er die weibliche Stimme.
Der Vorhang wurde weggezogen und Hektor wurde nun doch von dem Licht einer Deckenlampe geblendet. Er verzog das Gesicht und hob schützend seine Hand vor die Augen.
„Wie geht es uns denn?“, fragte die Frau.
Langsam gewöhnte sich Hector an das Licht und erkannte, dass die Frau einen weißen Arztkittel trug und ihre braunen Haare zu einem strengen Zopf zusammengeflochten hatte.
Ihren schmalen Mund hatte sie zu einem schiefen Grinsen verzogen.
Als Hektor nach einer Weile immer noch nicht geantwortet hatte, hakte sie nach: „Hallo? Jemand zu Hause?“
„Wo bin ich hier?“, antwortete Hector mit rauer Stimme.
Grinsend setzte sich die Frau auf einen nahestehenden Stuhl, während sie sagte: „Ach, es lebt ja doch noch. Du bist in einer Krankenstation nahe der Docks des Fremdenviertels von Sweetthought. Mein Name ist übrigens Dr. Till Schleyer. Wie heißt du?“
„Hector.“ grummelte er und rieb sich den schmerzenden Kopf.
Dr. Schleyer nickte und fragte weiter: „Aha? Hector und wie weiter?“
Der Gefragte überlegte kurz, doch sein Kopf war wie leergefegt. Verwirrt gab er zu: „Ich weiß es nicht.“
Die Ärztin runzelte ihre Stirn und ihr Lächeln verschwand, während sie nach einem Klemmbrett griff, fragte sie: „Weißt du es wirklich nicht? Oder nimmst du mir nur meine Späße übel?“
Ein wenig hilflos sah er sie an und meinte: „Ich weiß es wirklich nicht... das Letzte, woran in mich erinnere, ist, dass ich halb ohnmächtig in einer Menschenmenge lag.“
„Verdammt... Das hört sich nach einer Amnesie an.“ murmelte Dr. Schleyer.
„Amnesie?“, fragte Hector beklommen.
Mit beruhigender Stimme meinte Dr. Schleyer: „Jetzt bleibe erst mal ruhig, das kann passieren, wenn man eine Kopfverletzung hat. Meist kommen die Erinnerungen von alleine wieder.“
Währenddessen füllte sie ein Formular aus und sah ziemlich nachdenklich aus. Der Patient fragte: „Kann man da nicht irgendwie nachhelfen?“, es machte ihm Sorgen, nicht zu wissen, wer er war.
“Achtung, hell!”, warnte die Ärztin nahm eine kleine Lampe in die Hand und leuchtete ihm in die Augen, dann antwortete sie: „Erst einmal ruhig bleiben. Manchmal hilft es irgendwas Vertrautes zu sehen, oder zu machen. Fällt dir irgendetwas ein, das für dich vertraut sein könnte sein könnte?“, dann ließ sie ihn sich hinsetzen und prüfte seine Reflexe.
Hector überlegte, was ihm den vertraut sein könnte, nur fand er in einen Verstand nichts außer gähnender Leere. Er bemerkte nur wie hungrig und durstig er eigentlich war und je mehr er darüber nachdachte, umso mehr kam ein Bild in seinen Kopf.
„Ein Hamburger.“ sprach er seinen Gedanken laut aus. Dr. Schleyer sah ihn ungläubig an und unterdrückte ein Lachen.
Wieder mit einem schiefen Grinsen wiederholte sie: „Ein Hamburger? Jetzt im Ernst?“
Als Hector nickte, fing sein Magen an zu knurren, wie zur Bestätigung. Nun musste die Ärztin doch kurz lachen, dann sah sie auf ihre Armbanduhr und meinte: „Deine Vitalzeichen sind normal und meine Schicht endet gleich. Was hältst du davon, wenn ich dich einlade?“
Hector tastete einem Instinkt folgend nach seiner Brieftasche, als er fragte: „Ist ihr Verhalten nicht etwas zu vertraut gegenüber einem Patienten?“
Erneut lachte Dr. Schleyer kurz auf: „Jetzt sag mir nicht, dass du dich ausgerechnet an solche Konventionen erinnerst. Ja, vielleicht ist das so, aber da du eh kein Geld hast und deine Sachen morgen erst beim Kapselhafen auslösen kannst, muss ich sowieso schauen, dass du nicht verhungerst. Außerdem bin ich froh, dass hier mal was los ist, du bist mein erster Patient seit Wochen.“
Tatsächlich fand Hector seine Brieftasche nicht, also nahm er mit einem erneuten Knurren die Einladung dankend an.

Wenig später führte Dr. Schleyer Hector aus der Krankenstation. Kaum war er durch die Tür getreten, hielt er sich am Türrahmen fest und sah geschockt zu dem nicht existenten Himmel.
Statt Wolken, Sonne oder Sterne sah er ein kuppelförmiges Gitternetz, in dessen Zwischenräumen Glasscheiben eingelassen waren, hinter welchen ein blau grünlicher Schimmer zu sehen war.
„War ist denn das?“ fragte Hector verstört.
„Unsere Lebensversicherung.“, witzelte Dr. Schleyer, bevor sie erklärte. „Sweetthought ist eine Unterwasserstadt, die Kuppel schützte uns vor dem Druck und dient uns als Luftblase.“
Diese Frage betrübte die Frau irgendwie und etwas ruhiger sagte sie: „Deine Amnesie hat wohl auch einige Vorteile...“
„Wie meinst du das?“
„Vor einigen Jahrzehnten brach ein Krieg aus, weil irgendein Staatsoberhaupt meinte, damit die Überbevölkerung in den Griff bekommen zu können.
Nun ist der Großteil der Welt strahlungsverseucht und das Problem noch schlimmer, auch wenn wir dezimiert wurden... es war grausam.“
Hector nickte, er hatte zwar noch mehr Fragen, aber es war für ihn deutlich erkennbar, dass Dr. Schleyer jemanden wichtigen damals verloren hatte.
Stattdessen atmete er einmal tief ein. Die Luft roch salzig und leicht nach Maschinenöl, war aber zu seiner Verwunderung erstaunlich frisch.
Gemeinsam gingen sie schweigend den betonierten Weg entlang und Hector bemerkte die Lichtquellen, die überall auf dem Boden angebracht waren.
Sie tauchten alles in ein kaltes Licht und bildeten mit den Betonklötzen, die man kaum als Häusern bezeichnen konnte, eine sterile Atmosphäre.
„Es ist nicht schön, aber zweckdienlich.“ erriet Dr. Schleyer seinen Gedanken.
„Sieht es hier überall so trist aus?“, wollte Hector wissen.
Sofort schüttelte sie den Kopf und meinte: „Hauptsächlich in der Südkuppel.“
Fragend sah Hector sie an: „Südkuppel?“
„Sweetthought ist grob in fünf Kuppeln unterteilt. Wir befinden uns in der Südkuppel, eine Art Fremdenviertel mit vielen Lagern, und auch der Kapselhafen ist hier.“ erklärte die sich selbst spontan zur Fremdenführerin ernannte Ärztin.
Hector kam sich langsam wie ein kleines Kind vor, das alles hinterfragen musste. Ihm war das zwar sehr unangenehm, dennoch fragte er weiter: „Was ist der Kapselhafen?“
„Dort legen die Unterseeboote an, die uns mit der Oberwelt verbinden. Aufgrund ihrer Form haben sie im Volksmund den Spitznamen Kapsel bekommen.“ erläuterte Dr. Schleyer kurz.
Während sie weitergingen, erklärte sie noch, dass die Westkuppel eine Art Industriegebiet war, die im Osten ein Gebiet mit vielen Laboren und Algenplantagen, die sowohl als Nahrungsquelle dienten als auch zur Sauerstoffproduktion.
Die Nordkuppel beschrieb sie wie ein Luxusviertel, in dem nur sehr reiche Menschen und Politiker lebten, und die Hauptkuppel in der Mitte war im allgemeinen die Stadt von Sweetthought.
Hector hörte immer weniger zu, je länger das Gespräch ging, sein Magen hing ihm in den Kniekehlen und er wollte unbedingt was essen. Ihm missfiel zudem noch die Vorstellung, nur einen Teller Algen vorgesetzt zu bekommen. Das war ein Gedanke, den ihn nicht mehr losließ, seit er das von der Nahrungsquelle in der Ostkuppel gehört hatte.

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