Die unglaubliche Geschichte vom Vogelmann/Part 2

von Jürgen Skupniewski-Fernandez
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Die Mönche brachten unbekannte, wohlduftende Essenzen mit. Jeder, der an einer Krankheit litt, ein
Gebrechen hatte, Schmerzen verspürte, wurde von ihnen versorgt. Die heilenden Salben und Tinkturen
entfalteten sofort ihre Wirkung und brachten allen Leidenden Erlösung. Die Dorfbewohner waren von
jeher neugierig und fragten wie jedes Jahr nach ihrer Mixtur, doch die Mönche antworteten nur mit
einem stillen Lächeln. Nur der Abt kannte das wahre Geheimnis ihrer Zusammensetzung. Und so
feierten alle zusammen ausgelassen das Erntedankfest. Aßen und tranken, Musikanten spielten auf und
das jugendliche Volk tanzte ausgiebig zu den alten traditionellen Klängen. Ein jeder freute sich des
Lebens. Hatten sie doch Glück. Ihr Tal lag versteckt in weiten Gebirgslandschaften; die Erde war
fruchtbar und mit frischem Wasser versorgte sie der Fluss. Die wahren Hüter aber waren die Mönche.
Das Kloster verströmte eine wachende und schützende Magie. Ein Gefühl von Sicherheit eben.

Doch es sollte eines Tages alles anders kommen. Noch ahnte keiner, dass sich schon bald
Veränderungen einstellen werden. Es lag bereits ein Unbehagen in der Luft.
Im Rhythmus von drei Jahren breitete sich über den Wäldern eine ganz besondere, spür- aber
unerklärbare Aura aus. Es war als hörte man liebliche Gesänge, welche alle Herzen berührten. Der volle
Mond strahlte mit verzaubertem Licht und der tief in den Wäldern verborgene See trug ein
silberfarbenes Tuch. Sterne weideten ihr Antlitz auf seiner glatten silbrigen Oberfläche. Immer wenn
sich diese Konstellation zwischen Himmel, Erde und Natur einstellte, machte sich der weise Abt auf den
Weg durch die Wälder zum See. Aber er wusste, dass es dieses Mal anders sein wird wie all‘ die
Jahrhunderte zu vor. Es stand in den alten Schriften, die er im Kloster bewahrte und hütete, so wie es
ihm von Kindesbeinen an befohlen wurde. Er machte sich wieder auf den Weg durch die Wälder zum
geheimnisvollen See. Er hatte wie immer einen kleinen goldenen Krug bei sich.
Als der Abt den See erreichte, wartete er ab, bis die schützenden Zweige und Wurzeln der Baumriesen
ihm einen Zugang zum Ufer frei gaben.
Er beugte sich zum Wasser, neigte seinen Kopf zur Wasseroberfläche und verharrte in dieser beugenden
Position. Ein Gefühl himmlischer Liebe und Frieden lagen über den See. Warm und golden
schimmerte es, doch sein Haupt blieb aufs Wasser gerichtet. Er blickte niemals auf,
denn er wusste, dass Mitra, die große Liebesgöttin auf der Mitte des Sees weilte und ihm erlaubte
mit dem goldenen Krug unbeflecktes Wasser zu schöpfen. Daher war auch der Krug aus reinem Gold
gefertigt, damit er den See während des Schöpfungsaktes nicht verunreinigte.

Das göttliche Wasser war also das Geheimnis aller heilenden Extrakte und Tinkturen, das mit
selektierten Kräutern den Menschen Heilung brachte und nur auf dem Erntedankfest zur Anwendung
kam. Es war Mitras alljährliches Liebesgeschenk an die Menschen, da sie ihrer nie vergaßen und ihrer
geliebten Natur mit Ehrfurcht und Respekt begegneten.
Doch in jener Nacht war dieses Mal alles anders. Während er also bewegt das Wasser schöpfte,
bemerkte er wie eine Muschel ans Ufer geschwemmt wurde. Selbst ihre äußere Schale war ganz aus
Perlmutt und schimmerte im klaren Wasser. Mit der rechten Hand griff er nach ihr und schaute sie
stumm und nachdenklich an. Dann seufzte ee aus der Tiefe seines Innersten heraus. „Genauso wie es
geschrieben steht“, dachte er bei sich. Das erste Mal, dass er an diesem friedlichen und göttlichen Ort
Schmerz empfand. Dabei bemerkte er gar nicht, dass stille Tränen aus seinen klaren Augen auf die
Wasseroberfläche tropften. Er richtete sich auf, legte die Muschel in seine linke Handfläche und öffnete
ihre Schale. Da lag eine silberne Perle im schillernden Perlmuttgehäuse eingebettet. Es war eine Träne
der Liebesgöttin Mitra.

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Kommentare

25. Mai 2018

Märchenhaft schön!
Lieben Gruß, Monika

25. Mai 2018

Danke Monika! Wohin die Fantasie uns trägt ist doch immer wieder eine Überraschung:-)

Beste Grüße

Jürgen