Licht in der Nacht

von Marcel Bomhof
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Als ich ein kleiner Junge war, gab es so manches um mich herum, was ich nicht verstand. Warum durfte ich meine eigene Sprache nicht sprechen, warum zwangen sie mich, eine andere Sprache zu lernen? Warum hatten sie meinen Vater ermordet? Warum saßen mein Onkel und der Vater meines Freundes im Gefängnis?
So oft ich meine Mütter fragte, sagte sie: »Eines Tages wirst du es von selbst verstehen.«
Und so war es auch. Langsam, langsam lichtete sich das Dunkel vor meinen Augen, langsam, begriff ich, warum sie mir ihre Sprache aufzwangen, warum mein Vater ermordet worden war, warum mein Onkel und der Vater meines Freundes nicht mehr nach Hause kamen. Zugleich begann ich die Bedeutung unserer Feste zu verstehen..
Aber das Fest, dessen Ankunft ich am sehnlichsten erwartete, war das Weihnachtsfest. Diese Sehnsucht wurde größer, wuchs und wuchs und wurde zu einem einzigen Traum, der einen Namen hatte und eine Gestalt: Papanoel.
Ich hörte immer, dass die anderen Kinder gegen Ende des Jahres Geschenke bekamen von Papanoel nur zu mir war er noch nie gekommen. So oft das Jahr dem Ende zuging, hockte ich neben der Stubentür, eine brennende Kerze in der Hand, und wartete auf ihn. Stundenlang saß ich da und spähte durch die Ritzen der Stubentür. Manchmal, wenn sich mein träumender Blick im Unbestimmten verlor, tauchte er plötzlich auf, ganz deutlich sah ich seine stattliche, vom roten Mantel umwehte Gestalt, sah ihn heranstapfen in seinen roten Stiefeln, den schweren Sack über die Schulter geworfen, näher und näher . . . Der Pelz, aus dem seine Mütze war, und der Besatz an den weiten Ärmeln leuchteten hell und weiß wie der Atem vor seinem Mund. Er kam geradewegs auf mich zu, mit kräftigen, weit ausholenden Schritten, und dann, dann trat er ein, mein Papanoel, stellte den Sack neben mir ab und schloss mich in seine Arme, und ich hörte seine Stimme, wie sie sagte: »Du hast lange gewartet, mein Junge . . . « – Da wachte ich auf.
Die Jahre vergingen, und immer war es dasselbe. Ich kauerte neben der Stubentür, als wäre ich niemals aufgestanden, nur hatte ich jetzt manchmal meine Kerze nicht mehr in der Hand, sondern neben meinen Schemel gelegt, während ich saß und wartete, unruhig wie immer. Jedes Mal, wenn der Wind zwischen die morschen Latten der Stubentür fuhr, sie rüttelte und schüttelte, dachte ich, er sei es, Papanoel, und griff hastig nach meiner Kerze.
Einmal kam meine Mutter, sie berühte mich an der Schulter und sagte: »Mein Sohn, du hast lange genug gewartet. Komm mit, leg dich schlafen. Glaub mir«, fügte sie hinzu, als ich mich nicht rührte, »er kommt nicht.« Ich blieb sitzen, da küsste sie mich und ging leise weg. Ich wurde allmählich erwachsen, und auch das Gesicht meiner Mutter war nicht mehr dasselbe. Und immer noch wartete ich auf Papanoel.
Aber dann kam eine Nacht, die ganz anders war als alle anderen. Ich hörte die Stimmen des Windes, ein eisiger Sturm pfiff ums Haus, die Flamme der Kerze in meiner Hand tanzte wild vom Zug, der durch die Ritzen drang, und es lag Schnee. An diesem Tag hatten wir kein Öl, es war kalt in der Stube und feucht, aber ich spürte nichts davon. Wie schon oft kam meine Mutter, nur, diesmal sah sie mich lange und seltsam an und sagte kein Wort, sie beugte sich nur zu mir hinunter und küsste mich, aber nicht auf die Wange wie sonst, sondern auf die Stirn. Dann nahm sie ihr Tuch von den Schultern, legte es mir um und ging schweigend weg.
Ich dachte, warum spricht sie nicht mit mir, und einen Augenblick vergaß ich Papanoel, ich dachte über meine Mutter nach – da flog die Tür auf, und er stand vor mir.
Es war nicht Papanoel. Es war auch kein Mensch, sondern ein Furcht erregendes Wesen im flatternden schwarzen Umgang, und bevor ich aufspringen konnte, hatte es mich schon gepackt mit seinen unheimlich langen, gebogenen Nägeln; mitten ins Herz griff es mir und nahm alles weg, alles, nicht nur die Kerze . . . So plötzlich, wie es gekommen war, war es wieder verschwunden.
Ich schluchzte, ich weinte, ich schrie, aber niemand hörte mich; auch meine Mutter, die herbeigekommen war, schien mich nicht zu hören, denn sie stand einfach nur da und schaute mich an und schwieg, auch jetzt.
Da habe ich meine Mutter verlassen und mich auf die Reise gemacht. Ich kam in viele Länder, in fremde Städte und Dörfer, ich sah die verschiedensten Landschaften und begegnete den unterschiedlichsten Menschen; und alle habe ich gefragt nach Papanoel. Manche haben mir gesagt: »Du bist verrückt«, und manche haben mir gesagt: »Du träumst.« Manche haben meine Frage gar nicht verstanden, und manche haben mich einfach ausgelacht und sind weitergegangen. Nur hin und wieder berührte mich einer am Arm und blickte mich verstehend an, aber eine Antwort bekam ich auch von ihm nicht.
Ich weiß nicht, wo ich die letzte Zeit gewesen bin. Aber früh am Morgen habe ich einen Brief von meiner Mutter erhalten. Wie hat sie mich gefunden, wo nicht einmal ich selbst meinen Aufenthaltsort kenne?
Ihr Brief enthält nur wenige Zeilen:
Geliebter Sohn,
wenn du Deinen Traum gefunden hast, vergiss nicht zurückzukommen, denn ich warte auf Dich: dort, wo du schon so lange gewartet hast. Ich sitze hier mit meiner Kerze, im Schnee und ohne Öl . . .

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