Die Rasur des Ziegenbocks

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Hans Schönbein war ein Mann, den man kannte. Ein kräftiger, athletischer Typ. Er hatte immer ein verschmitztes Lächeln im Gesicht, trug eine Glatze und wirkte bullig und stark mit seinem Stiernacken.
Er wohnte ein paar Hundert Meter von uns entfernt in der „Gartenstraße“.
Hier hatte die Familie ein kleines Häuschen mit einem dahinter liegenden Garten. Wenn wir Kinder vorbei liefen, sprach er mit uns und hatte für uns fast immer ein Bonbon oder einen Kaugummi.
Im Anbau auf seinem Grundstück befand sich aus früheren Zeiten noch ein Stall, wie es bei vielen Häusern zu finden war, vor allem aus dieser Zeit des frühen zwanzigsten Jahrhunderts.
Hans war eine etwas skurrile Figur. Er stritt und trat ein für Gerechtigkeit und Recht. Vor allen Dingen, wenn ihm etwas auffiel, was vielleicht Recht und Gesetz entsprach, aber eben der Menschlichkeit und dem „guten Gewissen“ widersprach! Er scheute nicht die Gerichtsentscheidung, bekam oft Recht gesprochen, aber auch einige „ungünstige Urteile“, die ihn viel Geld kosteten…
Für einen Scherz, eine Anekdote, eine weitreichende Begebenheit, oder eine Erfahrung, die er im Leben machte, erzählte er offen und frei aus „dem Nähkästchen“, da nahm er „kein Blatt vor den Mund“!
Für Späße -auch derberer Natur- war er immer zu haben.
Eine diebische, kindliche Freude stieg in ihm auf, wenn er etwas Treiben konnte, das einen Alltag im Dorf „bunter machte“!
So auch an diesem Dienstag.
Mein Vater war Friseur von Beruf, und wir hatte zu Hause im Elternhaus einen Friseursalon mit viel Kundschaft aus Nachbarschaft und dem Umland.
Wie das so ist, wenn im Friseurladen gewartet wurde - man kannte sich und traf sich immer mal wieder-, so auch an diesem Tag, wurde gefragt, wie es einem geht ..., und was es wohl Neues gibt?
Es war der Fastnachtsdienstag 1957. Ich erinnere es genau, saßen „die richtigen Bekannten“ beisammen, denen ein Blödsinn nach dem anderen einfiel.
Es wurde debattiert und rege diskutiert über dies und jenes, bis jemand sagte: „Heinrich, du hast noch nie eine Ziege rasiert, das bekommst Du auch nicht hin“!
Mein Vater in seiner Ehre betroffen, auch ein Mensch, der nichts gegen einen Spaß hatte, sagte dazu: „Das werden wir ja sehen, ob das geht“, und unter grölendem Gelächter wurde lautstark applaudiert!
Herr Fröhlich, ein Friseur, der bei meinem Vater Angestellter war, ebenfalls erstaunt, fing schon an zu lachen. Er war eine lustige Seele und sein Naturell entsprach voll und ganz seinem Namen.
Das wird einen riesigen Spaß geben.
Gemeinsam wurde jetzt überlegt, welche Ziege man denn rasieren könnte? Ziegen waren als Haustiere in dieser Zeit nicht mehr so sehr verbreitet.
Wo ist überhaupt eine Ziege? Wer hält sich noch eine Ziege im Stall?
„Ach ja, ich weiß“, sagte ein Kunde. „Der Schönbeins Hans hat einen Ziegenbock, der steht gut da, den rasieren wir“!
Das Gelächter war groß, und alle im Salon freuten sich, dass es „etwas zu erleben gibt“!
Also machten sich zwei Männer auf, um Hans Schönbeins Ziegenbock zu holen, damit er im Friseursalon rasiert wird!
Ich war sechs Jahre alt, und mir war nicht ganz wohl zumute bei dem Gedanken, was die Männer da vorhatten und beäugte das ganze Geschehen aus der Entfernung!
Nun muss man wissen, dass es zum Ladengeschäft 12 Treppenstufen hinauf ging. Die Treppe war aus Terrazzo-Beton aufgebaut, somit die Stufen entsprechend glatt.
Ein Tier wird da niemals freiwillig darüber laufen…. -
Bei Hans Schönbein angekommen, wurde ihm das Vorhaben erklärt und dem Besitzer des Ziegenbocks als „Rasierlohn“ ein Kasten Bier versprochen.
Der Ziegenbock wurde aus dem Stall geholt, bekam ein starkes Seil um den Hals gelegt, und unter großem Gemeckere… und vielen Ziegenköttel ging es die Straße zurück in Richtung Friseursalon.
Hans Schönbein wollte diesen Spaß auch miterleben.
Zu dritt führten sie den Ziegenbock seiner ersten fachmännischen Rasur entgegen.
Wieder am Geschäft angekommen, wollte der Bock natürlich nicht so selbstverständlich die steile Treppe hinauf, als würde er so was öfter machen?!
Zwei Stufen ging es mit Mühe nach oben, mehr gedrückt und geschoben als gelaufen, drehte der Bock um, stürmte unter großem Gelächter die Treppe wieder hinunter und alle starken Männer hinterher!
Nun stand er wieder auf dem Bürgersteig, die „Ziegenbockhalter“ ebenso, ein wenig perplex, aber noch ohne Blessuren.
Das Meckern und Hörnerstoßen war heftig, und das Beratschlagen und Palavern ebenso!
Es versammelten sich schon Passanten drum herum, weil sich niemand so recht einen Reim darauf machen konnte …?!
„Was ist denn mit der Ziege?“ „Soll sie zum Schlachter?“ „Sollen wir ziehen helfen …?“, so fragten die Passanten und konnten sich nicht erklären, was das mit der Ziege, die ja ein Bock war …, auf sich hatte.
Sie staunten nicht schlecht, und konnten sich keinen Reim darauf machen.
Es war auch niemandem so richtig zu erklären, dass dieser stinkende Ziegenbock rasiert werden sollte. Wer will so etwas glauben, oder für ernst nehmen?
Irgendwie musste es weitergehen! Also überlegte man kurz entschlossen, den Bock zu tragen!
Zwei Männer nahmen jeweils Kopf und Vorderpfoten, zwei andere die Hinterpfoten und Schwänzchen.
Mit vereinten Kräften schaffte man den Bock endlich die Treppenstufen hinauf in den Herrensalon, wo das Spektakel stattfinden sollte!
Der schlaue Bock zog aber so kräftig am Seil, dass er an dem Kassentresen vorbei in den Damensalon hineinlief. Jetzt ging ein Gekreische und Spektakel los. Die Damen im Salon waren sehr erschrocken, teils belustigt ..., einige wollten sich das Rasierschauspiel nicht entgehen lassen.
Nun musste der Ziegenbock ja festgehalten werden, und zurück zu Herren!
Zu viert hielten sie das Tier in Stellung, mein Vater schäumte die Rasierseife heftig auf, sodass genügend Schaum vorhanden war.
Kaum war der Bock eingeseift und hatte rundum den Bart voll Schaum, kam seine lange Zunge heraus und er schleckte den Rasierschaum wieder ab!
Was für ein Gelächter…!!
Nun begann das Ganze von vorne.
Bock festhalten, Rasierschaum schlagen, und den armen Ziegenbock erneut einseifen.
Aber wieder gefiel das dem Tier nicht und Ruckzuck, war der Schaum wie Sahne geleckt.
Zum Dank entleerte sich nun der Darm des Bocks auf einmal …
Das war jetzt die Aufgabe von uns Kindern.
Meine Schwester und ich schnappten uns Besen und Kehrblech und kehrten alle Ziegenköttel auf.
Meine Mutter hatte schon einen Eimer mit heißem Wasser geholt und wischte hinterher.
Also was nun?
Der Ziegenbock ließ sich nicht einseifen, geschweige denn rasieren?!
Da er einen schönen weißen Rücken hatte, wurde gemeinsam beschlossen, dass er am Rücken „gefärbt werden müsse“!
Zur Stärkung der Anwesenden holte mein Vater von dem selbst gemachten Johannisbeerwein aus der großen Ballonflasche im Keller, ein sehr süffiges Getränk ...
Also wurde Färbemittel angerührt und der Ziegenbock bekam einen lilafarbenen Streifen vom Nacken bis zum Schwanzansatz. Zweimal wurde die Farbe aufgetragen, um das störrische Fell auch richtig einzufärben!
Um das ganze Spektakel zu feiern, beschloss man, anstelle eines Kasten Bieres, im Gasthaus „Zum Schützenhof” (Beim Schmunck!) einen Umtrunk abzuhalten!
Damit waren natürlich alle beteiligten „Ziegenbockversteher“ einverstanden! Versprach das doch einen größeren Klamauk!
Also Gesagtes wurde beschlossen:
Der Ziegenbock musste wieder die Treppe hinunter befördert werden.
Der gleiche Zinnober wie zuvor: „Der Ziegenbock will nicht!“ Also verfuhr man mit dem armen Bock wie bereits am Beginn der ganzen Chose.
Der Ziegenbock „Klaus“, wie er jetzt getauft ist, wurde mit dem Kopf nach vorne gedreht, an den Hörnern und am Schwanz gepackt. Zwei starke Männer hielten das Tier jeweils vorne und hinten fest!
Jetzt ging es wieder die steile Treppe hinunter. Der Bock war natürlich sehr unruhig und wehrte sich natürlich gewaltig.
Es gelang schließlich.
Mit großem Durcheinander, Lachen und Diskutieren, wer den Bock führen darf, ging es gemeinsam die schmale Straße „Im Winkel“ entlang.
Mein Vater hat den Salon an die Fachkraft übergeben, und ist mit von der Partie.
Die ganze „Ziegenbock-Rasur Gesellschaft“, es waren jetzt sieben starke Männer, zog nun in das nahe gelegene Gasthaus „Zum Schützenhof“!
Dort angekommen, wurde dem Wirt der Sachverhalt und das Vorhaben erklärt.
Die Erzählung, was bisher geschehen war und was passiert ist, wurde mit lautem Klatschen kommentiert.
Der Ziegenbock sollte rasiert werden, dieser will aber nicht…! Dafür soll die Taufe erhalten.
Für ihn wurde der Name Klaus gewählt.
Dieses Ereignis wurde mit Ziegenbock Klaus zünftig gefeiert.
Der Wirt ist schnell einverstanden, hatte er doch noch nie einen Ziegenbock als Gast…!
Gemeinsam mit allen Kräften werden die Tische in der Mitte des Gastraumes zur Seite geräumt. Der Ziegenbock wird mit dem dicken Seil am Hals an der umlaufenden Haltestange am Tresen angebunden.
Jetzt wird ein großer „Humpen“ Bier bestellt!
Jeder muss jetzt einmal in „die Runde" prosten!
Reihum läuft jetzt der große, eineinhalb Liter fassende Humpen mit der ersten Füllung kühlen Bieres.
Die Männer stehen im Kreis und geben, nach einem zünftigen Schluck des kühlen Gerstensaftes, an den Nachbarn weiter.
Selbst dem Bock der sichtliche Durst hatte, wurde eine Schale Bier hingestellt. Er schlürfte es in einem Zug leer! Der Bock soff tatsächlich - zum Erstaunen aller- aus der Schale das Bier!
Das hatte bisher niemand gesehen oder bestätigen können, dass es irgendwo schon einmal vorkam?!
Umso größer waren das Gelächter und der Disput um das Meckern des Ziegenbocks, das Verhalten - ob er wackelt oder gar torkelt ...?!
Im Gasthaus „Zum Schützenhof“ wurden noch einige Humpen geleert und merkwürdige Lieder gesungen, unter anderem auch: „Auf der schwäbischen Eisenbahn ...“
Das Ganze endete Stunden später mit der „Heimführung des Ziegenbocks“ in seinen Stall. Ein unvergesslicher Tag am Fastnachtsdienstag.
Alle Beteiligten hatten ihren Spaß, das ganze Geschehen war sehr lange Gespräch, und im Dorf in aller Munde.
Selbst in der Wochenzeitung „Das Gersprenztal“ wurde im Lokalteil davon berichtet.
Für uns Kinder ist es ein unvergessenes Erlebnis.

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Interne Verweise

Kommentare

25. Mai 2018

Das ist ja eine spaßige Geschichte, vergnüglich zu lesen, danke!
Lieben Gruß, Monika

09. Okt 2019

Bitte :-)!
das ist schon lange her.., aber ich muss jedesmal wieder darüber lachen.

lG
Heinz