Die Rasur des Ziegenbocks

von Heinz Helm-Karrock
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Hans Schönbein war ein Mann, den man kannte. Ein kräftiger, athletischer Typ. Er hatte immer ein verschmitztes Lächeln im Gesicht, trug eine Glatze und wirkte bullig und stark.
Er wohnte ein paar hundert Meter von uns entfernt in der „Gartenstraße“.
Hier hatte die Familie ein kleines Häuschen mit einem dahinter liegenden Garten. Wenn wir Kinder vorbei liefen, sprach er mit uns und hatte für uns fast immer ein Bonbon, oder einen Kaugummi.
Im Anbau auf seinem Grundstück befand sich aus früheren Zeiten noch ein Stall, wie es bei vielen Häusern zu finden war, vor allem aus dieser Zeit des frühen neunzehnten Jahrhunderts.
Hans war eine etwas skurrile Figur. Er stritt für Gerechtigkeit und Recht. Vor allen Dingen, wenn ihm etwas auffiel, was vielleicht Recht und Gesetz entsprach, aber eben der Menschlichkeit und dem „guten Gewissen“ widersprach! Er scheute nicht die Gerichtsentscheidung, bekam oft Recht gesprochen, aber auch einige „ungünstige Urteile“, die ihn viel Geld kosteten…
Für einen Scherz, eine Anekdote, eine weitreichende Begebenheit, oder eine Erfahrung, die er im Leben machte, erzählte er offen und frei aus „dem Nähkästchen“, da nahm er „kein Blatt vor den Mund“!
Für Späße -auch derberer Natur- war er immer zu haben.
Eine diebische, kindliche Freude stieg in ihm auf, wenn er etwas Treiben konnte, das einen Alltag im Dorf „bunter machte“!
So auch an diesem Dienstag.
Mein Vater hatte einen Frisörladen mit viel Kundschaft aus der Nachbarschaft, aber auch dem Umland.
Wie das so ist, wenn im Frisörladen gewartet wurde -man kannte sich und traf sich immer mal wieder-, so auch an diesem Tag, wurde gefragt, wie es einem geht..., und was es wohl Neues gibt?
Es war am Ende der Fastnachtszeit um 1957 /1958 herum, ich erinnere es nicht genau, da saßen „die richtigen Bekannten“ beisammen, denen ein Blödsinn nach dem anderen einfiel.
Es wurde debattiert und rege diskutiert über dies und jenes, bis jemand sagte: „Heinrich, du hast noch nie eine Ziege rasiert, das bekommst Du auch nicht hin“!
Mein Vater in seiner Ehre betroffen, auch ein Mensch, der nichts gegen einen Spaß hatte, sagte dazu: „Das werden wir ja sehen, ob das geht“, und unter grölendem Gelächter wurde lautstark applaudiert!
Herr Fröhlich, ein Frisör, der bei meinem Vater im Herrensalon angestellt war, ebenfalls erstaunt, fing schon an zu lachen.
Das wird einen riesigen Spaß geben.
Gemeinsam wurde jetzt überlegt, welche Ziege man denn rasieren könnte? Ziegen waren als Haustiere in dieser Zeit nicht mehr so sehr verbreitet.
Wo ist überhaupt eine Ziege? Wer hält sich noch eine Ziege im Stall?
„Ach ja, ich weiß“, sagte ein Kunde. „Der Schönbeins Hans hat einen Ziegenbock, der steht gut da, den rasieren wir“!
Das Gelächter war groß, und alle im Salon freuten sich, dass es „etwas zu erleben gibt“!
Also, machten sich zwei Männer auf, um Hans Schönbeins Ziege zu holen, damit sie im Frisörsalon rasiert wird!
Mir war nicht ganz wohl zumute bei dem Gedanken, was die Männer da vorhatten und beäugte das ganze Geschehen aus der Entfernung!
Nun muss man wissen, dass es zum Ladengeschäft 12 Treppenstufen hinauf ging. Die Treppe war aus Terrazzo-Beton aufgebaut, somit die Stufen entsprechend glatt.
Ein Tier wird da niemals freiwillig darüber laufen….
Bei Hans Schönbein angekommen, wurde ihm das Vorhaben erklärt und dem Besitzer als „Rasierlohn“ ein Kasten Bier versprochen.
Der Ziegenbock wurde aus dem Stall geholt, bekam ein starkes Seil um den Hals gelegt, und unter großem Gemeckere… und vielen Ziegenköttel ging es die Straße hinunter, zurück in Richtung Frisörsalon.
Hans Schönbein wollte diesen Spaß auch miterleben.
Zu dritt führten sie den Ziegenbock seiner ersten fachmännischen Rasur entgegen.
Wieder am Geschäft angekommen, wollte der Bock natürlich nicht so selbstverständlich die steile Treppe hinauf, als würde er sowas öfter machen?!
Zwei Stufen ging es mit Mühe nach oben, mehr gedrückt und geschoben als gelaufen, drehte der Bock um, stürmte unter großem Gelächter die Treppe wieder hinunter und alle starken Männer hinterher!
Nun stand er wieder auf dem Bürgersteig, die „Ziegenbockhalter“ ebenso, ein wenig perplex, aber noch ohne Blessuren.
Das Meckern und Hörnerstoßen war heftig, und das Beratschlagen und Palaver ebenso!
Es versammelten sich schon Passanten drum herum, weil sich niemand so recht einen Reim darauf machen konnte …?!
„Was ist denn mit der Ziege?“ „Soll sie zum Schlachter?“ „Sollen wir ziehen helfen …?“, so fragten sich die Passanten und konnten sich nicht erklären, was das mit der Ziege, die ja ein Bock war …, auf sich hatte.
Es war auch niemandem so richtig zu erklären, dass diese Ziege rasiert werden sollte. Wer will so etwas glauben, oder für ernst nehmen?
Also überlegte man sich kurzentschlossen, den Bock zu tragen!
Zwei Männer nahmen jeweils Kopf und Vorderpfoten, zwei andere die Hinterpfoten und Schwanz.
Mit vereinten Kräften schaffte man den Bock endlich in den Herrensalon, wo das Spektakel stattfinden sollte!
Nun musste der Ziegenbock ja festgehalten werden!
Zu viert hielten sie das Tier in Stellung, mein Vater schäumte die Rasierseife heftig auf, sodass genügend Schaum vorhanden war.
Kaum war der Bock eingeseift und rundum um den Bart voll Schaum, kam seine lange Zunge heraus und er leckte den Rasierschaum wieder ab!
Was für ein Gelächter…!!
Nun begann das Ganze von vorne.
Bock festhalten, Rasierschaum schlagen, und den armen Ziegenbock erneut einseifen.
Aber wieder gefiel das dem Tier nicht und ruck-zuck, war der Schaum wie Sahne geschleckt.
Zum Dank entleerte sich nun der ganze Ziegendarm auf einmal……
Das war jetzt die Aufgabe von uns Kindern.
Meine Schwester und ich schnappten uns Besen und Kehrblech und kehrten alle Ziegenköttel auf.
Meine Mutter hatte schon einen Eimer mit heißem Wasser geholt und wischte hinterher.
Also was nun?
Der Ziegenbock ließ sich nicht einseifen, geschweige denn rasieren?!
Da er einen schönen weißen Rücken hatte, wurde gemeinsam beschlossen, dass er am Rücken „gefärbt werden müsse“!
Also wurde Färbemittel angerührt und der Ziegenbock bekam einen lilafarbenen Streifen vom Nacken bis zum Schwanzansatz.
Um das ganze Spektakel zu feiern, beschloss man, anstelle eines Kasten Bieres, im Gasthaus „Zum Schützenhof” („Beim Schmunck“!) einen Umtrunk ab zu halten!
Damit waren natürlich alle beteiligten „Ziegenbockversteher“ einverstanden! Versprach das doch einen größeren Klamauk!
Also wurde beschlossen, den Ziegenbock wieder die Treppe hinunter zu befördern. Der gleiche Zinnober wie zuvor: „Der Ziegenbock will nicht!“ Also verfuhr man mit dem armen Bock wie bereits am Beginn der ganzen Chose.
Der Ziegenbock „Klaus“, wie er jetzt getauft ist, wurde mit dem Kopf nach vorne gedreht, an den Hörnern und am Schwanz gepackt, zwei starke Männer hielten das Tier vorne und hinten fest! Jetzt ging es wieder die steile Treppe hinunter. Der Bock wehrte sich natürlich gewaltig.
Es gelang schließlich, und mit großem Durcheinander, Lachen und Diskutieren, wer den Bock führen darf, ging es gemeinsam die schmale Straße „Im Winkel“ entlang.
Mein Vater hat den Frisörladen abgeschlossen und ist mit von der Partie.
Die ganze „Ziegenbock-Rasur Gesellschaft“, es waren jetzt sieben starke Männer, zog nun in das nahe gelegen Gasthaus „Zum Schützenhof“!
Dort angekommen, wurde dem Wirt der Sachverhalt und das Vorhaben erklärt.
Die Erzählung, was bisher geschehen war und was passiert ist, wurde mit lautem Klatschen kommentiert.
Der Ziegenbock sollte rasiert werden, dieser will aber nicht…! Dafür soll die „Taufe“ auf den Namen Klaus zünftig gefeiert werden.
Der Wirt ist schnell einverstanden, hatte er doch noch nie einen Ziegenbock als Gast…!
Gemeinsam mit allen Kräften werden die Tische in der Mitte des Gastraumes zur Seite geräumt. Der Ziegenbock wird mit dem dicken Seil am Hals an der umlaufenden Haltestange am Tresen angebunden.
Jetzt wird ein großer „Humpen“ Bier bestellt!
Jeder muss einmal in die Runde "Anprosten"!
Reihum läuft der große, eineinhalb Liter fassende, Humpen mit der ersten Füllung kühlen Bieres.
Die Männer stehen im Kreis und geben nach einem zünftigen Schluck des kühlen Gerstensaftes an den Nachbarn weiter.
Selbst dem Bock -der sichtliche Durst hatte- wurde eine Schale Bier hingestellt. Er schlürfte es in einem Zug leer!
Der Bock soff tatsächlich -zum Erstaunen aller- aus der Schale das Bier!
Das hatte bisher niemand gesehen oder bestätigen können, dass es irgendwo schon einmal vorkam?!
Umso größer war das Gelächter und der Disput um das Meckern des Ziegenbocks, das Verhalten -ob er wackelt oder gar torkelt...?!
Im Gasthaus „Zum Schützenhof“ wurden noch einige Humpen geleert und merkwürdige Lieder gesungen, unter anderem auch: „Auf der schwäbischen Eisenbahn...“
Das Ganze endete Stunden später mit der „Heimführung des Ziegenbocks“ in seinen Stall. Ein unvergesslicher Tag am Fastnachtdienstag.
Alle beteiligten hatten ihren Spaß, das ganze Geschehen war sehr lange Gespräch in Aller Munde.
Selbst in der Lokalzeitung „Das Gersprenztal“ wurde davon berichtet.

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Kommentare

25. Mai 2018

Das ist ja eine spaßige Geschichte, vergnüglich zu lesen, danke!
Lieben Gruß, Monika