Zu spät

von Heiner Brückner
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Er saß auf einem Stein vor dem Stadttor. Haben sie sich mal wieder verquatscht. Ist aus dem Espresso ein Cappuccino geworden. Hätte er sich ja denken können. Hätte er sich bloß nicht darauf eingelassen. Jetzt sitzt er da und wartet. Seit einer halben Stunde wartet er, dass sie ihn abholt, wie versprochen.

Angefangen hatte es mit dieser Grundsatzdiskussion. Und die hatte er selber angezettelt. Weil er erschrocken aus der Zeitung vorgelesen hatte: „Plötzlich und unerwartet verstarb viel zu früh Hilmar Heilmann.“ Er schaute noch einmal hin. Er war es. Hilmar war ein wirklich enger Freund aus der lockeren Jugendzeit gewesen. Er hatte sich schon lange vorgenommen, ihn wieder mal zu besuchen. Und nun das, schwarz auf weiß: Schaue hin! Jetzt ist auch euer Jahrgang an der Reihe. Du schlägst die Zeitung auf und deine Augen und die Gewissheit ist nicht wegzuwischen: Deinen Freund Hilmar wirst du lebend nie mehr zu Gesicht bekommen. Den Besuch kannst du aus deinem Vorsatzkalender streichen. Ausgerechnet der Hilmar. Die bloße Erinnerung klang für ihn wie ein Lied aus schönen Sommertagen. Allein die Wortmelodie: Laus-Buben-Streiche. Da saßen Hilmar und er im Heustadel und rauchten die Tabakspfeife, die er seinem Vater stibitzt hatte. Sie dachten nicht an Indianerspielchen oder Friedenspfeife. Erwachsen wollten sie sein.

Und du meinst wir müssen da hin? War die Reaktion seiner Frau, als er vorgelesen hatte. Er hat doch nichts mehr davon. Du hast doch eigentlich gar keinen Kontakt zu ihm gehabt in den letzten Jahren.
Wer hat denn schon was von wem?
Solange man lebt, muss man Kontakt haben. Dann hat man was davon.
Was schon? Du weißt doch, wie viel dummes Zeug geredet wird, hohles Blabla.
Ja, ich weiß, auf der Welt herrscht Krieg und Unfrieden, die Menschen machen beides und reden dennoch immer über die anderen. Das posaunst du täglich mindestens einmal hinaus.
Sie sind eben falsch und hinterhältig.
Aber nicht alle. Die Gestorbenen nicht.
Nicht mehr.
Und wir?
Wir reden ehrlich und offen. Aber über sie sollte man nicht mehr reden. Für sie ist endgültig mal Schluss.
Eben. Du hast selbst gesagt, dass sie nichts mehr davon haben. Nur die Lebenden.
Aber man kann zumindest bei ihrem Abschied dabei sein.
Damit die Hinterbliebenen uns sehen?
Weißt du genau, wer der Nächste sein wird?
Das wäre gut, dann könnten wir immer den ersten Nächsten besuchen, bevor es das letzte Mal ist.
Mit Philosophie klären wir nicht, ob wir nun hingehen oder nicht.
Also willst du unbedingt zu dieser Beerdigung.
Ja schon.

Er fuhr durch das Südtor des Städtchens. Seine Frau meinte beiläufig, sie müsse doch nicht unbedingt mit. Oder? Sie seien soeben ganz nah bei ihrer Freundin vorbeigefahren. Sie habe nicht gewusst, dass der Hilmar in dieser Gegend wohnt, gewohnt hat. Da könnte sie doch spontan auf einen Espresso vorbeischauen. Sie hole ihn dann wieder ab. So in einer Stunde? Er ließ sich in der Mitte des langgezogenen Marktplatzes absetzen. Er würde mal wieder einige alte Wege gehen. Der Friedhof lag nicht weit weg von der Kirche, und die stand in der Mitte des Marktplatzes. Alles fußläufig kein Problem.

Die Häuserfassaden leuchteten in frischen Farben. Einige Läden standen zum Verkauf. Eine Pizzeria gab es, wo früher die Bierwirtschaft gewesen ist. Der Handyshop war total neu eröffnet. Viele Reklameschilder, -tafeln und Neonschriftzüge stachen ins Auge. Im Kramladen der Tante Grete, wo sie sich immer das Maoam besorgt hatten und die Karamellbonbons, pries ein Nagelstudio seine Dienste an. Er fand nichts Vertrautes um den Stadtplatz herum und ging zum Friedhof. Dort wucherte Efeu. Über dem Grab der Urgroßeltern lag ein Moosteppich. Es lebte keiner mehr hier, der es gepflegt hätte. Aufgelassen, obwohl es zugewachsen war. Nicht weit weg ein frisch ausgebaggertes Grab. Sicherlich das für seinen Freund Hilmar.
Er stellte sich hinten an in der Friedhofskapelle. Die Trauernden waren auf den ersten Blick Fremde für ihn. Während der langen Gebete und Nekrologe schälten sich nach und nach einige markante Köpfe heraus. Der mit dem schlohweißen, dichten Haarschopf war mit Sicherheit Georg Amtmann, der Obstbauer. Und die Frau mit dem Kopftuch über den pechschwarzen Haaren muss aus der Prechtl-Sippe stammen. Bei ihnen hatte er täglich Milch geholt.
Die Blonde am Grab war vermutlich Hilmars Frau. Die beiden Kinder an ihrer Seite waren Hilmar jedenfalls wie aus dem Gesicht geschnitten. Sie selbst trug keine heimischen Züge. Er wird sie auswärts kennengelernt haben. Einige schielten nach ihm, andere tuschelten über ihn, den vielleicht bekannten Fremden.
Der Totengräber mit der Knollennase, wenn das nicht das Markenzeichen der Heilmanns ist. Ist es Hilmars Bruder? Damals war er ein kleiner Pimpf von drei Jahren, den sie vor ihren Streichen weggeschickt haben. Jetzt begräbt der Kleine seinen großen Bruder.

Er stand am Grab und schaute auf den Sarg hinunter, als der Zug gegangen war. Eine bucklige, hagere Alte nestelte noch an den Kränzen herum.
„Bist du nicht der Renkürbs-Reiner? Kennst du mich nicht mehr? Ich bin die Jakobs-Liese. Wie geht’s dir denn?“ Er beantwortete ihre Fragen mit einem Händedruck. „Schöne Grüße daheim, und nicht vergessen. Man trifft sich halt meist zu traurigen Anlässen. Ihr zwei wart ja immer dick miteinander, nicht wahr.“
Das Eisentor am Friedhofseingang fiel hinter ihr ins Schloss. Nach dem Quietschen war er endlich allein mit seinem Freund.
„Hilmar“, sagte er, „denke nicht, dass ich unseren Schwur vergessen hätte. Uns kann kein Tod erschüttern, wir halten zusammen. Du kannst dich nicht mehr erinnern. Wir haben uns das als Ministranten nach jeder Beerdigung geschworen.“
Er nahm aus seiner Manteltasche das Fläschchen. Drei Handvoll Erde und einen Schluck Apfelmost sollten ihren Abschied besiegeln. Das hatten sie sich im Felsenkeller in die Hand versprochen.
Der Totengräber kam auf ihn zu. „So ist das Leben, die einen gehen, die andern bleiben da, haben die Alten gesagt“, sagte er. Wahrscheinlich nur so vor sich hin, denn der Totengräber war nicht der Bruder. Die Knollennase war eine Hakennase. Er sah ihm voll in die Augen: „Wir leben noch. Und ich muss jetzt hier aufräumen.“ Er erkannte den Fritz. Sie hatten einige Enten im Stadtweiher mit Zwisteln beschossen.
„Ja, Reiner, der Weiher ist entbuscht. Gesteinsbrocken haben sie aufgeschüttet und eine Betonmauer darum gemauert. Die Feuerwehr hat einen Löschteich gebraucht. Komme mal wieder. Du brauchst nicht erst bis zur nächsten Beerdigung zu warten. Beim Reden kommen die Leute zusammen.“ Er stach die Schaufel in den Erdhaufen.

Er hätte niemals vermutet, dass eine Beerdigungszeremonie sich dermaßen in die Länge zieht. Mehr als eine halbe Stunde hat er nicht eingerechnet. Wie lange wird seine Frau schon warten? Am Marktplatz war das Auto nicht zusehen. Er ging vor das Stadttor. Mittlerweile wartete er eine Dreiviertelstunde. Also reine Wartezeit nach der eineinhalbstündigen Beerdigungsgeschichte. Endlich. Wenigstens ein Anruf. Es war seine Frau. Nein, es war das Handy seiner Frau. Die Freundin sprach. Deine Frau. Ja, was ist? Kommt sie endlich? Sie ist losgefahren. Ein Lkw hat ihr die Vorfahrt genommen, mit voller Wucht.

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Kommentare

25. Jan 2016

Ein Text, bei dem Inhalt und Erzählton gut zueinander passen. Hat mir gut gefallen, nicht zuletzt aufgrund des unerwarteten Endes.

26. Jan 2016

Vielen Dank für die substanzielle Wertschätzung.

26. Feb 2016

Manchmal finde ich keine Worte.

LG, Susanna