Läuterung 7 : Besser wäre Bier

von Klaus Mattes
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Man kann sich auch einmal was Schwieriges vornehmen.
Sich vornehmen, einen einfach klingenden Werbeslogan für Bier zu entwerfen, der dazu einigermaßen neu sein soll.
Schlicht nur dieses Wort „Bier“ einzusetzen in bereits eingeführte Slogans anderer Agenturen für andere Produkte, ist nicht der Zweck dieser Übung. So etwas kann schon jeder. Die Herausforderung hier besteht darin: einen einzigen Satz finden, der Laune aufs Bier macht macht und der klingt wie altvertraut.
Ich liste hier die Vorschläge, die bereits vor mir einliefen.
Wir sind Bier.
Ein Bier wie wir.
Bier. Was sonst?
Bier. Nichts sonst.
Das Bier macht’s.
Bier dir deine Meinung!
Wenn Bier durch deine Kehle rinnt, die Seele in den Himmel springt.
Bier. Reiner Genuss seit 1516.
Bier. Nur ein volles Fass ist schöner.
Biertrinken ist Vertrauenssache.
Blondinen bevorzugt.
Was diese Werbetexter konnten, das kann ich doch auch.
Auch ich kann mich bei meiner Konkurrenz bedienen.
Bier. Kommt drauf an, was man daraus macht.
Mir gefällt das. Es wird vom Auftraggeber (im Folgenden stets „der Kunde“ genannt) allerdings nicht abgekauft. Es wäre seinerzeit so ein Spruch für das Tolle am Beton gewesen wie 2012 dann der für Atomstrom:
Kernenergie. Damit muss man umgehen können.
Ich sehe noch mal auf die vorrätigen Einsendungen. Ach ja. Werbung schon mal an sich für doof und hirnlose Deppengaudi zu halten, Deppnengaudi für mühelos. Das geht dann wohl so:
Bier. Es läuft.
Voll feucht ey. So geil!
Bier. Hauptsache Wirkung!
Nasses Bier ist besser als trockener Husten.
Besser Bier als gar nichts zu essen.
Urinator. Original Brunzbier vom Schiff.
Bierernst. Bierschinken. Bierbauch. Bier hier.
Der tolle Schaum vor dem Mund.
Stoff, aus dem die Schäume sind.
Besser als ein Bier wären aber ihrer vier.
Wild und edel. Lass mich dein Bierat sein.
Bier ist für alle da. Ich bin für Bier.
Weißbier. Bärig wie die bayerische Tagespolitik.
Alle reden vom Wetter. Wir trinken’s schön.
Täglich wird ein Bierchen frisch geboren, noch ist Malz und Hopfen nicht verloren.
Ich schmeiß mich kurz mal weg und dann probiere ich es in die Vollen:
Bier. Schlicht unverbesserbar.
Bierisch gut!
Immerhin Wortspiel. Unser Agenturchef verlangt anfangs immer Wortspiel, dann kann man weitermachen. Der Kunde muss es uns halt noch abkaufen. Der Kunde ist der mit der Kohle.
Man muss hingegen festhalten, dass ganz viele supererfolgreiche Claims so was von unoriginell und nicht verspielt sind und waren.
Geiz ist geil.
Aber doch schön im Ohr. Der germanische Stabreim.
In manchen Firmen darf man so was sowieso nicht. Dem, der einem das Geld gibt, einen moralisch minderwertigen Charakterzug zuschreiben!
Ich denke mir, es müsste tierisch bierisch sein und es darf ruhig etwas Familiengefühl einschließen. Ich stelle mir vor, Pappa sitzt in der Sonne und lässt die Bügelflasche ploppen und auf das Signal von so einem aus der Werbung bekannten Sound blökt Klein-Steppke:
Biaaaah-risch guuut.
Bier. Lass es ploppen!
mag ich auch sehr. Man kann sich seinen Teil dazu ruhig denken.
Was unser Kunde allerdings rundweg ablehnt, ist das Image, Bier wäre eher für ordinäre Gemüter. Und er fragt mich: „Wie wäre es denn mit einem Wortspiel? Sie wissen schon.“
Meine Vision wäre gewesen: 15 Prozent der Bevölkerung sagen wenigstens bei jedem dritten Mal, wenn die Flasche aufgeht und dieser Klang kommt:
Lass es ploppen!
Das Zeug zum Volksgut war somit da und wurde dann abgetrieben.
Bier dir deins!
So in etwa kam das aber von einer Mitbewerberseite auch. Oder:
Bier yourself!
Wir kennen das von Zigaretten. Wenn Milliarden rund um den Globus dieselbe industrielle Zigarette abfackeln, kann sich jeder als Individuum respektiert vorkommen.
Bier. Take your time.
Denglish. Menschen meines Bildungsstandes (Hochschulreife) und Alters (uh, hoch, zu hoch fast) sind sich einig: ist ganz furchbar schrecklich und das Ende der Welt, jedenfalls der richtigen. Außerdem machen in Denglish nur feige Konjunkturritter und Opportunisten, also eigentlich wir alle, und wir baden darum längst im„Key Account Manager“, „Sample“ oder dem „Point of Sale“.
Denkt euch komische Filmchen dazu! Handlung, Aktion.
An der Theke wird dem Wirt ein Handzeichen gemacht.
Im Markt wird nach dem Kasten gegriffen.
Im Abendlicht wird die eiskalte Dose aufgerissen.
(Ploppy in my way of speaking.) Und dazu immer mein Claim:
Dagegen ist wenig zu sagen.
Millionen hören Millionen Mal:
Dagegen ist wenig zu sagen.
Und stimmt doch auch, dagegen ist wenig zu sagen.
Etwas ist natürlich immer gegen alles zu sagen, selbst gegen Bier. Bier spielt mit dem Lockstoff Alkohol, kann abhängig machen, es macht dick und es vermindert die sexuellen Fähigkeiten. Etwas dagegen ist also vorhanden. Aber ja nicht sehr viel. Viel ist gegen Bier doch wirklich nicht zu sagen. Und, entgegen anders lautender Gerüchte, schmeckt es noch, wenn es 35 Cent kostet und aus der klimaschädlichen Aludose rinnt.
Mein Kunde besteht hingegen darauf, dass Werbung nur ist, wenn der Käufer den Eindruck zurückbehält, gegen das Produkt könnte absolut nichts gesagt werden. Und nicht etwa: „nicht so viel“!
Okay, sonstige komische Filmchen planen.
Scheel guckt die Dame ihrem trinkenden Gatten auf den Bauch.
Ganz desparat hat Herr Pfarrer den örtlichen Stammtisch im Auge.
Im Bett liegend macht die*der eine schon mal am BH rum, während der*die Zweite noch in Unterwäsche davor steht.
Und dabei eine Flasche in der Hand hat und spricht:
Theoretisch ginge es auch ohne.
Ich gefiel mir wieder sehr und war bei der nächsten Idee angelangt:
Ehrlich: Würden Sie sich's wegnehmen lassen?
Bierkampf ist Freiheitsbewegung wie Autobahncruising. Bierkämpfer ziehen den Schwanz nicht ein.
Ich erblicke ein Plakat. Kondenswassergesprenkeltes, kühles Glas, Schaum als Krone.
Ehrlich: Würden Sie sich's wegnehmen lassen?
Wir halten Stand. Als Nächstes kam mir:
Bier. Es können schließlich nicht alle nicht spinnen.
Für mich duftet der nach AfD-Wähler-Appeal.
Aber auch das wird abgeschmettert. Bei der Werbung kannst du nicht einmal was über Mitmenschen sagen, die der Konsument sowieso nicht schätzt und die dein Produkt auch gar nicht kaufen. (Mein Kunde: „Selbstverständlich sollen alle Bier kaufen. Die Welt wäre besser.“ Kurz überlegt, ob ich es aufs Plakat schreibe.)
Zurück zum Abkupfern. Nichts verlangt der Kunde so dauerhaft wie, dass es mal wieder was anderes sein muss und zwar in etwa so wie das und das. Warum also nicht, wenn nicht von schwächeren Konkurrenten, so immerhin von genialen Geistern geklaut? Karl Valentin:
Es ist schon alles gesagt. Nur noch nicht von allen.
Alles ist ausgetrunken. Aber auch von Ihnen?
Der Chef fiel mir ein und wie der nach einem Kih Wischel ruft? (Zu Deutsch: einprägsame Visualisierung.)
Armee aus Bierflaschen aus aller Welt. Message: Da ist noch mehr für dich drin.
Mein Chef hasst es. Zu kompliziert. „Werbung muss von fünfjährigen Hilfsschülern kapiert werden.“ Das ist ein Zitat von ihm. Mir ist bekannt, dass es keine Hilfsschüler gibt und vor allem keine Fünfjährigen, die Bier kaufen dürfen.
Pfefferminz oder Kamille?
Straßenplakat! Diese drei Worte riesig! Und als Wischel abschließend: unsere volle Flasche Bier.
Der Kunde findet, sein Kunde könnte sich arrogant angemacht vorkommen.
Okay, okay. Also etwas Minimalistisches:
Bier. Genau richtig.
Doch. Ja.
Das kann es sein.
Wieso nicht?
Sagen Sie und begründen Sie, warum nicht!
Mein Chef verübelt mir diese Neigung zur Faulheit. Mein Chef denkt, er muss mich eine Weile so machen lasssen und mich dann unter Druck setzen. Dann werde ich genial, denkt er.
Man weiß das aber natürlich bald, wenn man Textersklave bei der Werbung ist. Man sudelt also etliche Zeilen hin, die man einfach nur mickrig findet, und stellt sie im Meeting mit leuchtenden Augen vor, damit sie weggewischt werden. Dann kommt die Phase, wenn der Chef angeregt ist und denkt, er selbst schafft das jetzt in zwanzig Sekunden. Man macht es dann so ähnlich. Der Kunde lehnt es ab und weiß nicht, dass es vom Chef gekommen war, nicht vom Textersklaven. Am Ende zieht man dann ein Stück Käse aus dem Ärmel, wo man es die ganze Zeit versteckt gehalten hatte. Etwas von dem man weiß, es wird dem Chef und dem Kunden, es wird allen beiden sofort einleuchten, weil es so in etwa wie das ist, was sie zusammen seit fünf Jahren durchziehen, aber eben nicht genauso wie irgendwas, was sie je wirklich gebracht haben. Das ist es.
Freunde fürs Leben. Bier und wir.
Verpassen Sie die Freude nicht!
Wo man daheim ist, schmeckt uns das Bier.
Lasst uns Freunde bleiben.
Aus Freude am Genuss.
Das geht notfalls auch immer bei allem und jedem. Ist deswegen auch nicht von mir. Jedenfalls, hiervon muss einer der Spruch werden.
Sommerliche Biergärten, Maibäume, Lederhosen, klare Bächlein, grünes Gras, sich liebende Biker, Klöster vor Alpensaum, Wanderinnen in Karoblusen, Kinder mit Senftupfen auf der Nase. (Deutschland ist wir.)
Zum Abschluss noch ein Blick, wie der Wettbewerb bei den übrigen Kollegen herausgekommen ist.
Bier. Schönen Feierabend!
Bier. Und die Welt ist noch schöner.
Bier. Wer trinkt’s? Wir.
Gestern, heute, morgen. Bier, die spritzige Tradition.
Ade Durscht!
Kühles Bier. Immer zu empfehlen.
Mein Gott. Was sich auf dem Markt so herumtreibt! Warum kriege ich nicht alle Aufträge? Zum Beispiel, hier jetzt mal aufgepasst:
Kurz noch auf ein Bier.
Gell, ja? Das sieht schon wieder wie gar nix aus, wie keinerlei Leistung. Aber eben in so was sitzt es doch drin!
Kirchenglocken. Hochzeit. Der Bräutigam sieht eine Kneipe und schert aus. Raunt rüber zu ihr:
Kurz noch auf ein Bier.
Skiflugschanze, Innsbruck, Zaha Hadid. Mann mit Skibrille schaut in die Tiefe: Banner:
Kurz noch auf ein Bier.
Juchzer. Weltrekord. Nimmt die Skibrille ab, beäugt dankend sein Glas.
Nacht, außen. Schlaksiger Jüngling klettert zum Fenster raus, Spalier hinab. Unten Motorradfahrerin. Vater plärrt aus dem Haus. Sohn:
Kurz noch auf ein Bier.
Und so steht das dann auf jedem einzelnen Bierfilz. Obwohl die unter dem Bier sind und nicht auf.

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