Kopf voller Watte

von Naduschka Kalinina
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Es war zehn Minuten nach Mitternacht. Totaler Abriss. Die Böller knallten lauter als Bomben und die ganze Stadt feierte. Ich feierte nicht, sondern wartete in der Gesellschaft einer Ratte auf die U-Bahn. Die Bahn kam nicht. Es war kalt. Es roch nach Kotze. Und der Einzige, der Spaß zu haben schien, war der Obdachlose neben mir. Er aß Pommes, meine, und schien ein ganz okayer Typ zu sein. Nun, zumindest wirkte er okay. Aber wer wirkte nicht okay, um zehn nach zwölf und mit noch warmen Pommes in der Hand? Vermutlich wäre selbst Hitler um einiges entspannter gewesen, wenn man ihn im Suff nur mit genügend Fast Food versorgt hätte.

Ich meine - versteht mich nicht falsch. Hitler war ein irrer Arsch und Pommes waren keine Allheilmittel, aber sie hoben die Laune ungemein. Zumindest bei anderen. Ich war weiterhin scheiße drauf.

«Schöne Ratte», sagte der Obdachlose mit vollem Mund. Er deutete auf das graue Fellbündel auf meinem Schoß, welches sich schon seit einer Weile versuchte durch meine Jogginghose in meinen Oberschenkel zu graben. Dieses Vieh hatte echte Killerkrallen. «Wie heißt er?»

«Sie», sagte ich. «Sie ist eine SIE.»

Mein Blick war starr auf die elektronische Anzeige am Gleis gerichtet.

- Sonderfahrten - Feiertag - Bitte beachten Sie die ausgewiesenen Fahrpläne im Aushang -

Einfach geil, wenn einen der elektronische Fortschritt hochmodern darauf hinwies, dass man sich doch bitte nach dem Offline-Aushang richten soll. Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal einen Fahrplan gelesen hatte. So einen echten, meine ich. So einer, der noch hinter gerissenem Acrylglas hing und wegen der ganzen Graffiti völlig unleserlich war. Fahrpläne. Die Leinwände für pubertierende Arschlöcher mit einem hormonellen Drang zur Zerstörung. Kunst in Bestform.

«Und wie heißt sie?» Der Obdachlose hielt der Ratte eine halbe Pommes hin. «Schöne Frauen brauchen schöne Namen.»

Ich starrte die Ratte an.

«Keine Ahnung», gab ich zu. «Hab sie erst seit einer Stunde.»

Der Obdachlose drückte die unbeachteten Pommes mehrmals gegen das graue Fell. Wie es schien, waren warme Pommes tatsächlich nicht jedermanns Sache. Die Ratte kratzte ungerührt weiter. Fest davon überzeugt, hier und jetzt einen Tunnel in meinen Oberschenkel zu graben.

«Ich hatte auch mal eine Ratte.» Der Obdachlose tätschelte liebevoll seine Pommes. Er starrte glasig in weite Ferne. Oder zumindest bis zum gegenüberliegenden Werbeplakat auf der anderen Seite der Gleise. "Heiße Nacht? Benutzt Kondome!" Danke, Bundesministerium für Gesundheit. In manchen Ecken der Welt galt Verhütung noch als Teufelswerk - hier wurde dafür Werbung gemacht. Verrückt, diese Erde. Und es war immer noch keine U-Bahn in Sicht. WEIT UND BREIT.

«Ey», sagte ich. «Wo bleibt diese Scheißbahn?»

«Sie wurde gefressen.»

«Was?»

«Was, was?»

«Die BAHN wurde gefressen?»

Der Obdachlose starrte mich irritiert an.

«Nee», sagte er. Er rückte etwas von mir weg. Nicht, ohne die Pommes mitzunehmen. «Meine Ratte. Die wurde gefressen. Von einer Taube.»

«Deine Ratte», echote ich. «Wurde gefressen. Von einer Taube.»

Der Obdachlose rückte noch etwas weiter. Seine rechte Arschbacke hing gefährlich weit über den Rand der Wartebank. Wie jede Bank in Berlin war diese besonders hart und unbequem. Wer auch immer für die Bänke in dieser Stadt zuständig war, war fest davon überzeugt, dass Warten keinen Spaß machen durfte. Es musste wehtun. Im Rücken drücken. In den Arschbacken zwicken. Komfort war etwas für die Weicheier im Westen.

Der Obdachlose tippte sich gegen die faltige Stirn. «Du bist ein bisschen komisch, Junge. Im Kopf, mein ich. Du tickst nicht ganz richtig.»

Wahre Worte.

«Quatsch. Ich bin nur müde. Lange Nacht, und so.»

Der Obdachlose nickte. Es war ihm anzusehen, dass er sich nicht sonderlich für meine Erste-Welt-Probleme interessierte. Der Kerl war nur wegen den Pommes hier. Sobald diese leer waren, würde er das Weite suchen und wieder das tun, was Obdachlose in dieser Stadt nun eben so taten.

Was taten Obdachlose eigentlich? Außer auf Parkbänken zu schlafen und von Irren hin und wieder angezündet zu werden. Es gab so viele von ihnen - und trotzdem hörte man sie kaum. Sie schienen in ihrer völlig eigenen Welt zu leben. In einem anderen Berlin. Ein Ort, wo es völlig okay war, auf alles und jeden zu scheißen. Wieso auch nicht? Der Alte neben mir sah nicht so aus, als hätte er noch etwas zu verlieren.

«Viktoria», nuschelte der Mann neben mir mit vollem Mund. Die Pommes neigten sich langsam dem Ende zu. Seine Toleranz für meine Gesellschaft ebenfalls. «Du solltest die Ratte Viktoria nennen. Schöner Name. Zeitlos.»

Kurz herrschte nachdenkliche Stille. Zumindest in der U-Bahnstation. Über uns feierte die Welt mal wieder Abriss. Irgendwo prügelten sich laut brüllend irgendwelche besoffenen Wichser. Polizeisirenen und Feuerwehr heulten um die Wette. Happy New Year.

Mein Handy klingelte. Ich ignorierte es. So wie ich es schon die ganze letzte Stunde ignorierte. Die Sache war gelaufen. Zumindest für mich.

«Oder Chantal», sagte der Obdachlose und tippte die Ratte mit seiner letzten Pommes an. «Ja. Sie sollte Chantal heißen.»

Ich dachte kurz darüber nach. Die elektronische Anzeige wies sämtliche Wartenden erneut mit passiv-aggressiver Sturheit darauf hin, gefälligst die Fahrpläne im Aushang zu beachten. Als wäre es der Anzeige ihr verdammtes Recht jede Verantwortung von sich zu schieben.

Immerhin war Silvester. War ja nicht der BVG ihr Problem, wie irgendwer in dieser Stadt irgendwohin kam. Wieso auch? Wäre ja auch albern. Die Berliner Verkehrsbetriebe hatten immerhin genug damit zu tun, imaginäre Nachtbusse zu navigieren. Manche Linien fuhren angeblich im fünfzehn bis dreißig Minutentakt, jedoch hatte weder ich, noch sonst irgendein Berliner, diese Busse jemals gesehen. Es gab nur zwei Möglichkeiten: Bus kam nicht und blieb verschwunden. Oder es tauchten gleich drei Busse hintereinander auf und alle drei fuhren sauber an einem vorbei, weil sie bereits überfüllt waren.

Ich war kein Freund von Verschwörungstheorien, wirklich nicht, aber meine Fresse - da lauerte Potenzial. Hinter dem gesamten öffentlichen Verkehrsnetz dieser Stadt steckten Aliens. Area 51 war ein Witz dagegen.

Mein Handy klingelte erneut. Der Obdachlose drückte sich die letzte Pommes rein und stand auf. Er summte eine sonderbare Melodie, die mehr laut als melodisch war. Der Alte starrte kurz wehmütig die leere Pommesverpackung an, dann warf er sie leicht schwankend in den Mülleimer.

«Tschüss», sagte er und salutierte. «Nächstes Mal aber mit Mayo, nee?»

Dann drehte er eine recht gelungene Pirouette und wankte davon. Ich starrte ihm hinterher.

Mann, dachte ich. Diesen Scheiß

(INFO: Die reale und im Text erwähnte Verkehrsgesellschaft (BVG) und die AREA 51 gehören nicht mir - und sind, so unglaublich wie es auch zu sein scheint, nicht meiner Fantasie entsprungen. Auch die in der Anzeige genannte Homepage ist real. Ich habe an dieser keinerlei Rechte, sondern die BVG Berlin.)

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Kommentare

25. Aug 2019

Starker Tobak.
Aber stark.
Und auch das ist kein Widerspruch.
LG Uwe

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