Der erste Kontakt - Meine neue Welt (Appetizer 3)

von Ben Bayer
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Da ich auf der letzten dreieinhalbstündigen Strecke einen Sitzplatz am Gang habe, kann ich nicht sehen, wie wir uns langsam dem Boden nähern. Während dort unten wohl immer mehr Details des ersehnten Reiseziels erkennbar werden, wachsen unzählige kleine Punkte stetig, über diverse Spielzeugmaßstäbe hinweg, bis hin zur Normalgröße dessen, was sie verkörpern, heran. Den Sinkflug, den der Pilot in den letzten Minuten der Reise einleitet, spüre ich dennoch. Nicht zuletzt am Druckausgleich in den Ohren. Auch der kleine Bildschirm in der Kopfstütze zeigt, nebst allerhand nützlicher Informationen zum Wetter oder der Reiseroute, auch die unaufhörlich abnehmende Flughöhe an. Das kleine Wettersymbol kündigt eine leuchtend gelbe Sonne an, die ungehindert die sommerliche Luft auf 35°C aufgeheizt hat. Die Spannung auf diese neue Welt steigt, und ich stecke meinen elektronischen Buchersatz weg, da ich mich ohnehin nicht mehr auf den Text konzentrieren kann.

Das kleine Linienflugzeug setzt ruhig auf der glühend heißen Rollbahn auf und navigiert gemächlich zur Parkmarkierung vor dem Flughafenterminal. Als ich aussteige, sehe ich, wie die Luft über dem Asphalt flimmert. An einigen Stellen scheint er die Umgebung zu spiegeln. Fast so, wie das ruhige Wasser einer seichten Pfütze nach einem Regenschauer. Natürlich ist es nicht wirklich nass. Vielmehr präsentiert mir die vom dunklen Asphalt stark aufgeheizte Luftschicht direkt über dem Rollfeld eine waschechte Fata Morgana.

Obwohl ich mir schon denke, dass es keine gute Idee sei, fühle ich mit der flachen Hand die Temperatur des urbanen Bodens. Der Boden eines Landes, das ich nie zuvor betreten hatte. Diesmal hatte ich schließlich die Zeit dazu. Für einen kurzen Augenblick menschlicher Reaktionszeit, hat das Erlebnis beinahe einen spirituellen „Touch“. Doch wie von einer heißen Herdplatte, zuckt die Hand reflexartig zurück. Ich beschließe, zunächst den direkten Kontakt mit dem neuen Land zu meiden, und meine Schuhe als Wärmedämmung zwischengeschaltet zu lassen.

Das Terminal ist sehr geräumig und hält eine freudige Überraschung für mich bereit. Nach über 35 Stunden Flugzeit mit drei Umstiegen, spuckt das Gepäckband nach kurzem Warten tatsächlich meinen Treckingrucksack aus, der mir nun, in seiner strapazierfähigen Reisehülle verpackt, auf dem klapprigen Metallband entgegenrattert. Sogar ohne erkennbare Schäden und noch immer gut verschlossen. Unwillkürlich muss ich an einen anderen Flug denken, bei dem einen Mitreisenden nur noch das Häufchen Elend eines abgerissenen Griffes seines Koffers, mit dem umwickelten Gepäckanhänger, auf einem dieser Förderbänder erwartete. Man kann also durchaus froh sein, wenn auf einer solch langen Reise, alles heil geblieben, und zudem noch am richtigen Flughafen angekommen ist.

Und alles, was tatsächlich seinen Weg in dieses Land gefunden hat, wird von den Kiwis penibel kontrolliert. Kiwis, so nennen sich die Einheimischen hier im Land liebevoll selbst. Die Kiwi ist, nicht nur als Frucht, inoffizielles Nationalsymbol für Neuseeland, sondern auch in gefiederter Form, als flugunfähiger, etwa hühnergroßer Vogel, und in Anlehnung daran eben auch in der zweibeinigen, menschlichen Variante. Die genaue Kontrolle der Einfuhr am Flughafen soll weniger dem Schmuggel vorbeugen, als vielmehr dem Einschleppen von Schädlingen.

So ist das Land zum Beispiel bislang von Zecken verschont. Man kann, ohne bedrohlich schwebendes Damoklesschwert im Augenwinkel, barfuß durch frische Wiesen und Wälder schlendern. Auch sonst hat Neuseelands Fauna und Flora (in auffälligem Gegensatz zu seinem nächsten Nachbarn, Australien) kaum etwas Giftiges oder Gefährliches im Angebot. Und damit das so bleibt, wird Dreck zwischen Schuhsolen, oder Ähnliches, kritisch beäugt, und der Schuh im Bedarfsfall fein-säuberlich von etwaigen Sporen, oder Schädlingen in der festgeklebten Erde, befreit.

Und so hält auch das freundliche Personal am Gepäckscanner eine Überraschung für mich bereit. Eine Überraschung sprachlicher Natur diesmal. Überhaupt wird die kommende Zeit wohl von ungewöhnlich vielen Überraschungen geprägt sein.

Der Sicherheitsbeamte jedenfalls, ist der erste Kiwi, mit dem ich mich unterhalte. Das Kiwi-Englisch unterscheidet sich etwas vom britischen oder amerikanischen Englisch, welche dem Mitteleuropäer natürlich geläufiger sind, da allgegenwärtig. Nachdem ich stolz meine, vor Abflug mit deutscher Gründlichkeit geputzten, Wanderschuhe präsentiere, fragt mich der Beamte, ob ich ein ‚tint‘ dabei hätte. Tint. Ich stocke und denke an die deutsche Übersetzung: ‚Farbton‘ oder als Verb ‚einfärben‘. Macht beides keinen Sinn. Also frage ich verwundert nach.

Die Situation lässt mich schon die allgemeine Gelassenheit und Ruhe erahnen, die in diesem Land herrschen muss. Als ich auch nach dreimaligem Wiederholen des geduldigen Mannes, selbigen noch immer mit großem Fragezeichen überm Kopf ins Gesicht blicke, kramt er gemütlich irgendwo Stift und Papier hervor.

Er zeichnet ein Dreieck auf. Das hilft meinem Verständnis noch nicht auf die Sprünge. Erst, als sich ein zweites Dreieck dazugesellt, das mit dem ersten über zwei Striche verbunden wird, und das vordere Dreieck noch halbiert wird, erkenne ich das kunstvoll skizzierte Zelt. „Oh, now I got it, you mean a tent!“ Sage ich im mir vertrauten Singsang der englischen Sprache und schaue ihn erwartungsvoll an. Die Antwort des grinsenden Kiwis verwirrt mich aufs Neue ein wenig: „Yes, a ‚tint‘. Did you bring one with you?“

Ich versichere ihm, dass ich kein ‚tint‘ dabei habe, und auch sonst keinen internationalen Dreck an anderen Gegenständen mit mir führe. Nachdem ich noch nach dem Weg zum Shuttlebus fragte, schnalle ich den Rucksack auf die Schultern, verabschiede mich freundlich, und trotte belustigt Richtung Ausgang.

Dass die Menschen hier das ‚e‘ nicht nur alleinstehend als ‚i‘ aussprechen, sondern auch in einigen der sonst geläufigen englischen Wörter, hätte mir ja vorher auch mal jemand sagen können. Dann wäre es aber vielleicht nicht gleich zu Beginn schon so lustig geworden, und mein erstes einprägsames Zusammentreffen mit dieser fremden Mentalität, hätte noch ein wenig länger auf sich warten lassen. Allerdings sicherlich auch nicht allzu lang.

(...)

© Ben Bayer

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