Ein Flug ins Ungewisse - Meine neue Welt (Appetizer 2)

von Ben Bayer
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Der Flieger hebt ab und faucht sich unter hörbarer Anstrengung durch die frostigen, deutschen Luftschichten. Schnell, und in steilem Winkel stürmt er in die Höhe. Meinem Verstand dagegen sind noch keine Flügel gewachsen. Zwar hatte er einige Monate Zeit, sich auf diese Reise einzustellen, doch bislang hat er nicht umgeschaltet. Noch hat er überhaupt erkannt, dass sie jetzt tatsächlich beginnt! Vielleicht braucht es dazu erst das Gewicht des Trecking-Rucksacks auf dem Rücken und die ersten visuellen oder haptischen Eindrücke dieser neuen Welt.

Nach acht Stunden Autoreise, einem eintägigen Erholungszwischenstopp bei Muttern, sechs Stunden gemütlichen Reisens mit Bahnkomfort, und -inzwischen- zehn Stunden Flugzeit, ist es jetzt gerade gleißend hell draußen. Es ist nachmittags, Ortszeit, irgendwo über dem Indischen Ozean. Gefühlt ist es jedoch gerade erst Aufstehzeit; eigentlich aber auch dafür viel zu früh. Die Kabinencrew richtet sich glücklicherweise nach der inneren Uhr, und nicht nach dem, was der weiße Feuerball weit über dem Horizont mir ins Gesicht spuckt, wenn ich den Rollo des kleinen Kabinenfensters nach oben schiebe: Die Crew serviert Frühstück.

Der Sitzplatz im hinteren Teil des Fliegers hat mir bislang, wegen des zusätzlichen Stauraums neben dem Sitz, gute Dienste geleistet. Der Rumpf des Flugzeugs verjüngt sich zunehmend nach hinten. Dadurch findet hier je Flugzeugflanke eine Sitzreihe weniger Platz. Das allerdings, was nicht mehr für einen Sitzplatz ausreichte, bietet immerhin eine gute Unterbringungsmöglichkeit für die Unmengen an Kissen und Decken, die beim Boarding eingeschweißt auf den Plätzen ausgelegt waren.

Jetzt allerdings, da es um die Frühstücksvergabe geht, wird mir meine Platzwahl zum Verhängnis. Zu viele in den Reihen vor mir haben sich ebenfalls auf die warmen Crêpes mit Rührei und gebratenem Bauchspeck gefreut. Mein Wunschfrühstück bleibt mir verwehrt. Die junge Dame neben mir bekommt das letzte Rührei. Ich gönne es ihr. Aber als sie es nicht aufisst, lässt sich neben neidvollen Blicken auch ein klein wenig Ärger nicht gänzlich unterdrücken. Als ich gerade nach den Resten fragen möchte, schiebt sie den Teller ihrer Freundin zu. Nun, das kontinentale Frühstück ist ebenfalls essbar.

Durch die riesigen Schwingen unserer Boeing 747, einer für Interkontinentalflüge üblichen Maschine, schütteln uns die Turbulenzen der höheren Luftschichten kaum mehr durch, als bei einer etwas holprigeren Autofahrt. Alles in allem verläuft der Flug bislang recht ruhig. Zwischen den Turbulenzen gerate ich immer wieder ins Träumen und mache schließlich doch noch von den vielen Kissen neben mir Gebrauch.

Beim nächsten planmäßigen Stopp ist es 18:55 Uhr, Ortszeit Singapur. Wegen schlechten Wetters unterhalb der Wolkendecke trudelte der Flieger noch eine Weile in der Luft, bevor er thailändischen Boden küssen durfte. Durch diese Verzögerung hat sich der Aufenthalt auf dem Airport in Singapur von etwa 2 Stunden auf 45 Minuten verkürzt. Das reicht noch, um einmal durch das mit bräunlich geschecktem Teppich verlegte Terminal zu schlendern. Für mehr ist die Zeit wohl zu knapp. Also schreibe ich ein paar Zeilen, auf dem weichen Teppich sitzend, und warte frohen Mutes. Im Geduld-üben bin ich ja gut. Ein Gedanke drängt sich mir dabei noch auf: Wieso setzt man sich eigentlich beim Warten hin, nachdem man bereits 10 Stunden im Flieger saß?

Auch auf dem Teppich geblieben vergeht die Zeit beim Schreiben wie im Flug. Nach der nächsten Board-Kontrolle ist auch hier wieder alles klar. Es regnet immer noch stark. Das tropische Wetter zeigt sich von seiner besten Seite. Es ist jetzt 20:30 Uhr Ortszeit, und im Flieger kondensiert das Wasser aus der schwülen Luft an den Auslässen der Lüftung über unseren Köpfen. Die Klimaanlage funktioniert erst bei laufenden Triebwerken, aber starten ist aufgrund des Regens noch nicht möglich. Das Gepäck zu verladen scheint bei Regen nicht richtig zu funktionieren. Wahrscheinlich sind die Schwimmwesten für die Gepäckwerfer ausgegangen. Also warten wir. Warten bei 25°C in einer flüssigkeitsgeschwängerten Luft, die sich jeden Moment auf einer der 700 Nasen von der Decke herab abregnen könnte.

Nachdem das Board-Amüsement-System ausgiebig in Augenschein genommen wurde und auch mein einziges Reisebuch aus echtem Papier zu Ende gelesen ist, treffen wir mit viel Verspätung in Sydney ein.

Das erste Mal berühre ich mit den eigenen Füßen den australischen Kontinent. Genießen kann ich das Gefühl nicht. Mein Anschlussflug nach Christchurch sollte eigentlich bereits in der Luft sein. Zusammen mit ein paar anderen Fluggästen hetze ich also zum Abflugterminal, während ich bange und hoffe, dass mein aufgegebenes Gepäck ebenso den richtigen Weg finden möge. Doch weshalb sich Sorgen um etwas, das man im Moment ohnehin nicht beeinflussen kann.

Diese Art zu denken sollte als Mantra für die kommenden Monate sicher dienlich sein. Sie stimmte mich schon mal darauf ein, mich von den Momenten und Begegnungen die da kommen mögen, einfach durch Zeit und Raum treiben zu lassen. Ich entledige mich also dem Bangen und ersetze es durch Hoffnung und Zuversicht.

Als Kontrast zur zurück erlangten inneren Ruhe, hält die Hektik der Situation nach außen hin allerdings noch ein wenig an. Sie findet erst dann ein Ende, als sich die Türen des Shuttlebusses zum Flugzeug hinter mir schließen und ich verschnaufen kann. Die heiße Luft des australischen Hochsommers paart sich hier drinnen mit dem Resultat einer gepäckbeladenen Meute von, eben noch quer durch das Flughafengelände rennenden, nicht mehr ganz frischen Passagieren. Hier erlebe ich zum ersten Mal die Gelassenheit dieser fremden Kultur. Der Busfahrer scheint keine Eile zu haben. Nun, er muss sicherlich das Go für die Fahrt zum Flieger abwarten.

Die Mittagszeit des sommerlichen Australiens lässt die pralle Sonne am Zenit mit voller Kraft auf uns herab scheinen.

Im gläsernen Brutkasten eingepfercht, warten wir nach all der Unruhe gefühlt eine kleine Ewigkeit. Ich habe diesmal jedoch keine Zeit, mir weitere Gedanken über die Gründe zu machen. Ich konzentriere mich darauf nach Möglichkeit nicht zu viel unseres Geruchscocktails einzuatmen, um nicht plötzlich umzukippen. Aber doch genug, nun ja, um nicht plötzlich umzukippen. Ein Drahtseilakt der Sauerstoffzufuhr!

Im Flieger angekommen freuen sich die Passagiere des wartenden Flugs im ersten Moment sichtlich über das Eintreffen der verspätet ausgebrüteten Neuankömmlinge aus Singapur. Als auch ihre Nasen von unserer Ankunft Wind bekamen, schlug das erleichterte Lächeln allerdings schnell in abgeklärt neutrale, bis offenkundig missfällige, Gesichtszüge um. Uns wurde zwischen Bus und Flugzeug leider keine Dusche mehr angeboten.

(...)

© Ben Bayer

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Kommentare

25. Nov 2017

Freue mich schon auf die Fortsetzung - in Neuseeland.
Würde gerne wieder hin...

LG
Willi

25. Nov 2017

Vielen Dank für eure Kommentare, ihr Lieben!
Ja, nach Neuseeland würde ich auch gerne irgendwann wieder. Das Jahr war einfach zu kurz. :)