Der Fluch des Weisen

von Jürgen Skupniewski-Fernandez
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Vor Tausenden von Jahren lebte ein Weiser, der Himmel gab ihm ein reines Gemüt und dieser sah, was auf Erden geschah und was die Zukunft versiegelte. So waren es derer auch nicht wenige, welche voller Neid und Missgunst waren. Sie ertrugen es nicht, dass nur ihm diese Gabe zugesprochen wurde. Sie machten ihn für alles menschliche Übel auf Erden verantwortlich, klagten ihn vor dem Hohen Rat an und verurteilten ihn zum Tode. Seine Anhänger, seine treuen Kameraden und alle Menschen, die sich seines göttlichen Ursprungs bewusst geworden waren, rieten ihm, von seiner Weisheit Gebrauch zu machen, um so der Verurteilung zu entgehen. Aber er lehnte ab und sprach: „Ich bin reinen Herzens und so wie die Zeit mir nichts anhaben konnte. Auch der Tod mir zum Freund werden, da er das Tor ist“. Nicht jeder verstand seine Worte. Sie erfassten unterbewusst ihre Tiefe und nahmen sie auf wie Nektar und Ambrosia, die Speise der Götter.
So standen die Missgünstigen vor dem Weisen. Sie reichten ihm den Becher eines vergifteten Getränks. Seine treuen Anhänger standen hinter ihm, seine Richter aber vor ihm, damit sie den schleichenden Tod in seinem Angesicht voller Genugtuung wahrnehmen konnten. Der Weise nahm den ersten Schluck: „ Das ihr niemals Ruhe findet in euren Herzen“.
Der Weise sprach nach dem zweiten Schluck: „Auf das eure Gedanken von schwarzen Träumen heimgesucht werden und die Seele unter ihren Qualen leidet“.
Der Weise nahm einen dritten Schluck: „Gier, Neid, Missgunst, Hass sollen bis zum Ende der Welt eure Erde mit dem Blut eurer Kriege tränken“.
Der Weise nahm nun seinen vierten und letzten Schluck aus dem Becher und sprach: „Auf das euch die Angst vor dem Tod in Gewissensbissen ertränkt und ihr von Zweifeln geplagt werdet. Die aber, die reinen Herzens sind und auf ihrem Lebensweg erkannt haben, auch wenn Schicksalsschläge sie verleiten von ihrem Weg zu lassen, nichts zu befürchten haben, diejenigen aber erkennen“.

Das Gift zeigte nach jedem Schluck seine Wirkung und stieg von den Füßen hinauf, bis es seinen Kopf erfasste. Der Weise sackte zu Boden und einige seiner Anhänger fingen ihn auf. Sie bedeckten seinen Körper mit einem groben Mantel, so wie er es sich wünschte, und trugen ihn fort. Und unter den Missgünstigen verbreitete sich eine Krankheit und raffte die Richter falscher Anschuldigungen, eben die, die von Neid geplagten, dahin. Man vergrub ihre Leichname auf ungeweihter Erde. Selbst das Getier traute sich nicht an ihre Kadaver heran. Die gierige Unterwelt öffnete sich und ihre Maden fraßen sich die Bäuche voll und hinterließen nur noch die Gebeine jener Unglücklichen. Da grub man ihre abgenagten Skelette wieder aus und verbrannte sie. Aus Furcht davor, dass die Asche noch Unheil verrichten konnte, fuhren einige Mutige mit den Booten nach Sizilien und warfen die Urnen in den Schlund des Ätnas. Der aber wehrte sich und seine Wut spie bis zum Himmel Feuerstürme aus; sein glühendes flüssiges Gestein ergoss sich über Sizilien. Und die Erde wurde so der Wut gewahr und explodierte unter den Meeren. Das Wasser nahm alle seine Kraft und Zivilisationen ertranken und versanken rund um das Mittelmeer.

Doch so heißt es auch, dass es am Indus eine große Kultur gab ohne herrschende Könige oder Fürsten. Das ganze Volk sich selbst regierte und keine Tempel waren, da sie erkannt hatten, dass sie ja alle das Universum sind. Und so ergab es sich, dass tief unter der Erde in einem Vorratslager ein haarfeiner Riss sich auftat. Das Tor der Seelen soll es gewesen sein, wenn sie sich nach ihrer Heimat sehnten, durften sie in ihre Heimatländer, für begrenzte Zeit, zurückkehren. Aber das ist auch nur eine Legende.

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