Ausatmen

von marie mehrfeld
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Vom Fenster aus sah sie ihn, wie er die Straße querte in seinem immer noch leicht verschliffenen Schritt, nur ging er krummer und der Kopf war unbehaart, die Luft hielt sie an, kreuzte die Finger hinter dem Rücken und verhängte den Spiegel, das Wilde

scheint er verloren zu haben, dachte sie nicht ohne Häme, doch was war mit dem Kern seines kruden Wesens, dem hellgrünen Blick, gegen den sie sich nicht hatte wehren können vor langer Zeit, von oben konnte man ihn nicht sehen, diesen Blick, hastig

aufbrechen wollte sie, ihm nachlaufen, ihn schlagen, mitten in sein vielleicht immer noch schönes Gesicht, mit blanker Hand, ich, dir, so, wie du mir, Auge um Auge, doch er verschwand zu schnell hinter der nächsten Straßenecke, und sie zog sich mit einer

gewissen Erleichterung darüber, dass sie es nur gedacht und nicht getan hatte, wieder in ihr Zimmer zurück und vergrub die alte Schmach und Wut tief tief im Nebel des nicht wissen Wollens, packte genug Lagen bunter Bilder darüber, nahm das Tuch vom Spiegel und

sagte zu sich selbst, gut, dass es vergangen ist, friedlich fühle ich mich, segnet, die euch verfluchen, tut wohl denen, die euch hassen, blies gelassen in den bauchigen roten Becher, der wie stets randvoll gefüllt war mit zu heißem Brombeerblättertee, und atmete aus.

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Kommentare

26. Jul 2018

Sehr gut, Deine Geschichte, Marie. Ich habe sie gern gelesen, wäre ihm auch nicht hinterhergerannt ... allein schon wegen des Brombeerblättertees, ein Genuss, der inzwischen hätte kalt werden können. Sehr geschmackvoll und aromatisch; ich kaufe ihn mir demnächst wieder, ess auch gern Exquisa Quark-Genuss mit Brombeere. Solltest Du auch mal probieren. Gibt es bei Reewe und Edeka, neben den Jogurts. Danke für die gute Prosa.

Liebe Grüße,
Annelie

27. Jul 2018

Danke, Annelie, "sie" hatte die Wahl zwischen "Auge um Auge, Zahn um Zahn" und "liebe deine Feinde, tu wohl denen, die dich hassen", das letztere stellt hohe Anforderungen an die eigene Moral, ist schwer umzusetzen - aber wohl die besserer Lösung, sei lieb gegrüßt -

Marie

27. Jul 2018

Marie, ich las gerade noch einmal Deinen guten Text. Rachegefühle, die kurz aufkeimen, kann ich durchaus verstehen, aber weshalb gleich schlagen? - Eine Ohrfeige, von Dir verabreicht, wäre für Dich gewiss schmerzlicher gewesen als für IHN.

Liebe Grüße,
Annelie

27. Jul 2018

Das mit dem SCHLAGEN war nur gedacht und dann gleich wieder verworfen, Du kennst doch sicher auch die nicht grade freundlichen Rachegedanken, die man manchmal still und leise hegt, um eine kleine oder größere Wut abzureagieren - oder, liebe Annelie?

28. Jul 2018

Ja, Marie. Es gibt leider zu viele Fieslinge auf dieser Welt. Was sich auf dieser Erde alles gegenseitig traktiert und aufeinander herumhackt, um irgendeinen Glanz zu erlangen - ich möchte es gar nicht wissen. Am schlimmsten sind Kerle, die sich von Weibern beeinflussen lassen, die nicht allein leben können, eifersüchtig und unzufrieden sind. Die erlauben sich dann Dinge, da kann sich im Herzchen schon mal was zusammenbrauen. Dabei wären diese Frauen viel glücklicher dran, lernten sie es, allein zu leben oder eben den Richtigen zu finden.

LG Annelie

Detmar Roberts
27. Jul 2018

Der Grund für „ihre“ Wut auf den Mann mit dem verschliffenen Gang bleibt verborgen, da werden der Phantasie keine Grenzen gesetzt, man ahnt nur und vergleicht mit ähnlichen Situationen im eigenen Leben, es gibt genug davon. Die Auseinandersetzung der Moral des Alten Testaments (Auge um Auge) mit der des Neuen Testaments (Vergebung hat Vorrang vor Rache) finde ich interessant in diesem Kontext, liebe Marie.

Grüße in Dein Wochenende
D.R.

27. Jul 2018

Schrei oder schlag nicht gleich zurück, unterbrich den Kreislauf der Gewalt und verblüffe deine Gegner mit gelassener Freundlichkeit, vergib auch ohne Gegenleistung, denn auch Du brauchst Vergebung, das ist eine empfehlenswerte Grundhaltung, der man folgen sollte, ob man Christ ist oder nicht, sie ist friedensstiftend und macht das eigene Leben leichter. Danke für Deine klugen Worte, Detmar.
LG Marie

27. Jul 2018

Eine hervorragende KURZgeschichte. Prägnant und aussagestark. Geheimnisvoll mit offenem Ende. Hab ich sehr gerne gelesen. Sozusagen auch als Friedensbotschaft. Danke.

LG Monika

27. Jul 2018

Danke für Deine guten Worte, liebe Monika, ich freue mich, dass Du den Text als Friedensbotschaft betrachtest, so ist er auch gemeint, wenn man mit sich selbst im Reinen ist, hat man es nicht nötig, Ungutes mit gleicher Münze zurück zu zahlen ...

liebe Grüße - Marie

28. Jul 2018

Deine Geschichte aus dem Leben, liebe Marie, hat und macht Sinn. Man soll sich nicht, egal durch was und wen provozieren lassen. Dreimal durchatmen, schafft Abstand. Doch ehrlich gesagt, kann das nicht jede/r, ob es klug ist oder nicht. Nicht selten bringt eine Konfrontation auch Klarheit und Respekt. Es gilt, (für mich) abzuwägen …

Herzliche Grüße
Soléa

28. Jul 2018

Stimmt, liebe Soléa, Abstand nehmen und abwägen ist wichtig, aber auch vergeessen und vor allem vergeben, dann wiegt es nicht mehr so schwer ...

herzliche Grüße zu Dir zurück
Marie